Bild: 2019 The Cartoon Network, Inc.
Ein Deutschland-exklusives Interview mit Dan Harmon und Justin Roiland

"Rick and Morty" ist eine der meist gehypten TV-Serien der Welt. Die philosophische Show über den narzisstischen, selbstzerstörerischen Wissenschaftler und seinen treudoofen Enkel wurde 2018 sogar mit dem Emmy ausgezeichnet – für eine Episode, in der Protagonist Rick sich in eine Gurke verwandelt, um nicht zur Familientherapie gehen zu müssen. 

Fans mussten allerdings lang auf eine Fortsetzung warten: Staffel drei endete schon im Oktober 2017. 

Nach zwei Jahren Produktionszeit startet nun am 11. November die vierte Staffel von "Rick and Morty". 

Wir haben mit den kreativen Köpfen hinter der Kultserie gesprochen. Dan Harmon ist schon als Produzent von "Community" in Nerdkreisen beliebt, Justin Roiland spricht bei "Rick and Morty" beide Hauptfiguren und verantwortet zusammen mit Harmon die Drehbücher. 

Justin Roiland (links) und Dan Harmon. 

(Bild: Adult Swim 2019)

bento: Endlich geht es weiter! Was könnt ihr uns über die neue Staffel verraten?

Dan: Ich weiß nie, welche Info einem den Spaß verderben würde. Am liebsten wäre es mir, wenn es gar keine Werbung für die nächste Staffel gäbe. Mir ist klar, dass das ein eher kontraproduktiver Ansatz ist. Alles, was ich sagen mag: Die Staffel führt uns mehr in die düsteren Winkel von Ricks psychischem Innenleben. 

So wird Staffel vier in Deutschland ausgestrahlt

Zeitgleich zur US-Premiere wird die erste Folge der neuen Staffel auf TNT Comedy gezeigt, am 11. November um 5.40 morgens im Adult-Swim-Block in der englischsprachigen Originalfassung ohne Untertitel. Staffel vier besteht aus zehn Episoden, wird weltweit aber zweigeteilt ausgestrahlt. Mit deutschen Untertiteln gibt es die ersten fünf neuen Episoden dann immer mittwochs um 22.40 Uhr, die erste Folge kommt am 13. November.

Die synchronisierte Fassung der Staffel wird ab Januar 2020 auf TNT Comedy gezeigt. Auch die zweite Hälfte der neuen Staffel wird es erst 2020 geben. 

bento: Ihr habt ja auch ein paar sehr bekannte Gastsprecher gewonnen, Paul Giamatti etwa oder den "Thor 3"-Regisseur Taika Waititi. Es gibt sogar das Gerücht, dass Tesla-Chef Elon Musk eine Rolle spielt, der ja ausgesprochener Fan ist. Was ist an dem Gerücht dran? 

Justin: Interessantes Gerücht. Ich weiß gar nicht, wie das entstanden ist... 

Dan: ...das waren wir. Da waren wir beide betrunken auf einem roten Teppich und wurden interviewt. (lacht)

Justin: Oh ja, stimmt!

bento: Also, kein Kommentar? 

Dan: Sagen wir so, wenn Elon Musk bei einer TV-Show dabei sein wollte, könnte er das – immerhin kontrolliert er eine Menge Satelliten, die um die Erde kreisen. Wenn jemand die Macht hat, dann er. 

Rick und nicht näher spezifizierte Alligator-Cyborgs – eines der wenigen Bilder zur neuen Staffel. 

(Bild: 2019 The Cartoon Network, Inc.)

bento: Fans werden sich nach zwei Jahren Wartezeit nicht mehr an alles erinnern können. Sollten sie zur Vorbereitung irgendwelche Episoden noch einmal schauen?

Dan: Die neue Staffel startet erst einmal so, dass man kaum Vorwissen braucht. Man kann also gut neu oder wieder einsteigen. In der zweiten Hälfte der Staffel wird es dann aber auch um Dinge gehen, die in Staffel drei aufgeworfen wurden, die Episoden stehen dann nicht mehr für sich allein. Mehr können wir gerade noch nicht verraten.

bento: Das liegt wohl auch an den hohen Erwartungen. Ist der Druck groß, etwas abzuliefern, das gleichzeitig überrascht und trotzdem die Erwartungen erfüllt? 

Dan: Gibt es überhaupt einen Weg, negative Reaktionen zu vermeiden? Sobald eine Episode eine Million Mal aufgerufen wird, gibt es Leute, denen sie nicht gefällt. Wir müssen also einfach unsere eigenen Standards erfüllen, was "gut" bedeutet. Anderen Meinungen kann man da nicht vertrauen. 

Ich will gar nicht zynisch sein, aber ich glaube, man kann negative Reaktionen gar nicht verhindern. Selbst "Breaking Bad" hatte Staffeln, die nicht gut ankamen. Sobald deine Serie allgemeiner Gesprächsgegenstand geworden ist, geht es doch nur noch darum, ob sie jedermanns Erwartungen erfüllen konnte oder nicht. 

bento: Während der vergangenen Staffel gab es plötzlich Hasskommentare, weil bekannt wurde, dass die Hälfte eures Schreibteams Frauen waren.

Justin: Ich glaube oder hoffe, dass es eine Minderheit ist, die sich über so etwas aufregt. Eine laute Minderheit, aber eben eine Minderheit. Eine Menge des toxischen Mülls, den man online findet, stammt von diesen Leuten, die ihre ganze Zeit auf Twitter und so verbringen.

bento: Wie geht ihr mit so etwas um?

Justin: Ich schalte das im Kopf einfach auf stumm. Ich finde es absurd, mich überhaupt mit der Idee zu beschäftigen, ob das Geschlecht irgendeinen Einfluss auf die Qualität der kreativen Arbeit hat. 

Vielleicht geht es uns als Gesellschaft zu gut. Wir können alles jederzeit haben, lassen uns Essen an die Tür liefern. Und dann regen sich die Leute kleinlich über Unsinn auf.

bento: Wie ist denn die Gender-Ratio in der neuen Staffel, muss man sich auf mehr kleinlichen Frauenhass vorbereiten?

Justin: Nein, wir haben das Problem gelöst und alle rausgeworfen! (lacht) Aber, im Ernst: Wir denken nicht an das Geschlecht, wenn wir das Team bauen. Wir stellen Frauen ein und wir stellen Männer ein, weil sie witzig sind. Ich verstehe nicht, warum das überhaupt ein Thema ist! Es gibt doch schlimmere Sachen, über die man nachdenken kann: Zum Beispiel, dass wir alle sterben werden. Das beschäftigt mich mehr.

Dan: Repräsentation ist schon ein wichtiges Thema, gerade bei Autorinnen und Autoren. Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals dafür gelobt worden zu sein, als wir das perfekte Verhältnis zwischen Männern und Frauen hatten. Es gab zumindest keine Parade oder so. Es wird nur berichtet, wenn etwas schief läuft. 

Aber ansonsten sehe ich es wie Justin: Wir stellen Leute ein, die wir gut finden. Ihr Geschlecht ist uns dabei egal. Wenn man versucht, auf Krampf eine bestimmte Ratio herzustellen und nicht die Leute einstellt, die man gerade braucht, macht man seine Show kaputt. 

bento: Dan, du hast 2017 mal gesagt, dass du nicht möchtest, dass "Rick and Morty" eine politische Haltung einnimmt. Wie klappt das in der heutigen Zeit? 

Dan: Ich glaube, die Definition davon, was "politisch" ist, hat uns alle verschlungen. Es ist verrückt, worüber man sich heute öffentlich oder privat unterhält. Die Welt wird immer verrückter. Vielleicht ist das zu erwarten in einer Zeit, in der Multikulturalismus und all die rechtsgerichteten Strömungen auf der ganzen Welt aufeinandertreffen. 

Aber es ist die Aufgabe von Fernsehen, einen aus dieser chaotischen und toxischen Welt herauszuholen. So verrückt das "Rick and Morty"-Multiversum auch ist: Es ist eine TV-Show, und damit eben wohlfühliger und einfacher zu begreifen, als die teilweise schreckliche Realität. Es wäre verantwortungslos von uns, eins zu eins die gleichen Themen anzusprechen, die vor deinem Schlafzimmerfenster auf dich lauern. 

Wenn wir unseren Job gut machen, dann erzählen wir gute Geschichten von Figuren, die Systeme überwinden. Das übersetzt sich dann vielleicht in politische Erkenntnisse. 

„Aber ich will meine politische Haltung nicht in das 'Grundwasser' einer Serie einflößen, an der alle Spaß haben sollen.“
Dan Harmon

bento: Die kommende Staffel hat 10 Episoden. Ihr habt aber einen Vertrag für 70 neue Episoden unterschrieben. Kommt Staffel fünf schneller, oder bleibt ihr im quälenden Zwei-Jahres-Rhythmus? 

Dan: Wir arbeiten aktuell schon an den beiden Folgestaffeln und ich sehe Licht am Horizont. Es gibt noch kein genaues Datum, aber zwischen Staffel vier und fünf werden wir den kürzesten Abstand bisher hinbekommen. Diese mehrjährige Wartezeit soll ein Ende haben. 


Gerechtigkeit

"OK Boomer": Warum der Generationenkrieg in Deutschland sinnlos wäre
In Deutschland reicht es vorerst nur zu einem braven Meme.

In der Bibel wurde Alter noch wertgeschätzt. Über Methusalem heißt es da im Buch Mose: "Methusalem war einhundertsiebenundachtzig Jahre alt und zeugte Lamech und lebte darnach siebenhundertzweiundachtzig Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Methusalems betrug neunhundertneunundsechzig Jahre, dann starb er." 

Heute wäre einer wie Methusalem nicht mehr gern gesehen: Sitzt da und lässt es sich gut gehen, während die Söhne und Töchter buckeln und um die Zukunft bangen. 

Generationenkonflikte werden zwar seit jeher ausgefochten, aber selten so scharf und unversöhnlich wie dieser Tage. Die Methusalems der Neuzeit sind die Babyboomer, die ihren erarbeiteten oder ererbten Wohlstand voll ausleben und die wichtigen Ämter in Politik und Wirtschaft besetzt halten. Seine Söhne und Töchter sind die Millennials, die sich durch Teilzeitsjobs hangeln und in Konsum und Verschwendungsfreude der Alten die Probleme von morgen fürchten – vom Raubbau an der Natur bis hin zum globalen Migrationsdruck.

Die Millennials haben nun genug von den Methusalems – und mit "OK Boomer" einen neuen Schlachtruf gefunden.

Der Spruch ist in den USA innerhalb weniger Wochen erst zum Meme und dann zum geflügelten Wort einer ganzen Generation geworden. Jetzt taucht er auch in deutschen Netzwerken auf. "OK Boomer" ist die passiv-aggressive Antwort auf so ziemlich alles, was Babyboomer von sich geben: Ja, okay, du hast halt keine Ahnung!

Mittlerweile gibt es T-Shirts, Sticker und Handyhüllen mit dem Ausruf. Und in den USA einen handfesten Streit. Auf der einen Seite stehen die Babyboomer, die Generation aller von Mitte der 40er bis etwa Mitte der 60er Jahre Geborenen. Auf der anderen Seite stehen deren Kinder und Enkel – die Millennials, geboren zwischen 1980 und 1997, und die noch jüngere Generation Z.

Die Methusalems, sie sind nicht mehr Vorbild, sondern nur noch nervig: Lassen sich zu Weihnachten zwar gerne das Smartphone einrichten, belehren aber sonst gerne, dass man von so vielem keine Ahnung habe.