Bild: Gaspar Noé / Love
Für Fans von: Candy – Melancholia – Nymphomaniac

Der in Frankreich lebende Regisseur Gaspar Noé hat einen Film über die Facetten des menschlichen Leidens gedreht und führt damit jeden in Versuchung, der schon einmal geliebt hat.

Noé wurde vor 13 Jahren mit seinem Film "Irreversible" bekannt, bei dessen Premiere in Cannes 200 Zuseher den Raum verließen. Die explizite Gewalt zu Beginn des Films war so manchem Besucher zu viel. In “Love“ zeigt er – nicht weniger aggressiv – die Intimität des Begehrens in präzise inszenierten Nahaufnahmen und verbindet sie mit Dialogen, die da treffen, wo es richtig wehtut. Es geht um Eifersucht, Hingabe, Respekt. Aber auch um gegenseitige Unterstützung, und wie es sich anfühlt, all dem wieder entzogen zu werden und auf sich alleine gestellt zu sein.

Paris. Zu Beginn eine Szene aus dem abgedunkelten Schlafzimmer. Verliebte Menschen, nackt und sich begehrend. Alles ist sehr feucht und echt. Momente, in denen man im Kino lieber nicht neben seiner Mutter sitzen möchte.

(Bild: Gaspar Noé / Love)

Murphy und Electra sind seit zwei Jahren kein Paar mehr, ihre Geschichte wird rückwärts erzählt. Wir lernen das Leben des angehenden Regisseurs Murphy kennen, in dem Electra physisch längst nicht mehr präsent ist. Stattdessen: Eine andere Frau, Omi ist ihr Name. Ein Kind schreit, das gemeinsame. Papa hat schlechte Laune.

Der neue Film von Gaspar Noé heißt "Love": Liebe, ganz simpel. Wie in Filmen jenes Genres üblich, ist die Beziehung zwischen den Hauptcharakteren sehr dramatisch. Vor allem, nachdem der anfängliche Nervenkitzel abgenommen hat. Der Film orientiert sich an der menschlichen Erinnerung und weist dabei Elemente aus Triers Melancholia und Nymphomaniac auf.

Es wird geschrien und geheult und gefickt. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Dazwischen tönt Troisième Gnossienne (Orchestration Francis Poulenc) von Michel Plasson und verleiht dem Film den so typischen Art-House-Cinema Anstrich.

Die intellektuelle Herkunft des argentinischen Filmemachers lässt sich nicht verbergen. So lässt er Electra ein Gedicht von Robert Frost vortragen: "The woods are lovely, dark and deep / But I have promises to keep / And miles to go before I sleep / And miles to go before I sleep." Murphy will auch Regisseur werden, ist dabei allerdings weitaus weniger erfolgreich als sein Erfinder.

(Bild: Gaspar Noé / Love)

Es tut weh, zuzusehen beim gegenseitigen Betrug auf schäbigen Clubtoiletten und der opiumvernebelten Sinnlosigkeit. In Russland wurde "Love" bereits verboten, in Frankreich nachträglich per Gerichtsbeschluss mit einer “Ab 18"-Freigabe versehen. Auch in Deutschland ist bei der FSK das Mindestalter 18 beantragt worden.

"Love" mag durchaus pornografische Szenen enthalten, ist in seiner Botschaft aber weit mehr. Es geht um die kleinen Dinge. Zusammen wohnen, zum Beispiel, oder um die Frage nach der Ewigkeit. Ob man für immer zusammen bleiben möchte. Für immer, das ist eine lange Zeit.

(Bild: Gaspar Noé / Love)

Küsse über Restaurant-Tischen und eng zusammengeschlungenes Schlendern an Herbstnachmittagen. Sich bei diesen Szenen nicht selbst zu erinnern, ist unmöglich. Realitätsnäher kann Kino kaum sein. Innenaufnahmen eines beim Sex geplatzten Kondoms. So entstehen Kinder, und jeder weiß das. Nur erzählt wird es immer anders, irgendwie rosiger.

Eigentlich wollen sie alle dasselbe: Eine kleine, nette Familie haben. Jemanden, der glaubt, dass Liebe existiert. Typisch Mitte-Zwanzig, möchte man manchmal laut rufen. Der Film lebt nicht von der Stringenz der Handlung, sondern von den Momenten zwischen den sich Liebenden. Murphy will Filme machen, aus Tränen, Blut und Sperma. Er filmt seine Muse, nackt, auf verrutschten Bettlaken. Sie ist wunderschön, mit ihren hellen Augen und schwarzen Haaren. Der Mund leicht geöffnet.

Electra und Murphy, das war einmal ein schönes Paar Anfang zwanzig, das all jene verrückten Dinge zusammen tat, die man eben so getan haben muss. Ecstasy nehmen, Pot rauchen, auf dem Rücksitz des Taxis streiten und sich dann wieder leidenschaftlich versöhnen. Dazwischen spielt Glenn Gould Bach’s Goldberg Variationen. Epische Szenen aus der Essenz des Lebens.