Bild: RTL
Sie so vorzuführen, ist einfach unangenehm.

A Montag durfte ich mich beim Fernsehen anderthalb Stunden lang fremdschämen. Es war unangenehm: RTL hat die Djane und Entertainerin Nadja Abd el Farrag in Hamburg besucht – und für alle sichtbar öffentlich vorgeführt. 

Abd el Farrag, genannt "Naddel", traf auf den Schuldenberater Peter Zwegat. Der hat früher für RTL schon vor der Kamera anderen Menschen die Finanzen vorgerechnet, nun also auch Naddel. Es ist bereits der zweite Termin: Schon im Dezember 2016 war Zwegat bei Naddel in Hamburg und hat sie beraten.

Nun also ein neuer Anlauf, angeblich zum Wohle der Entertainerin – tatsächlich zu ihrem Schaden.

Rückblick: Angefangen hat die Karriere von Nadja Abd el Farrag in den 80ern, als sie Backgroundsängerin von "Blue System" war. Die Band leitete niemand anders als Dieter Bohlen, mit dem sie zwischen 1996 und 2001 in einer On-/Off-Beziehung lebte. 

Dann passierte, was man heute wohl eine Trash-TV-Karriere nennen würde: Abd el Farrag trat bei "Big Brother" auf, im "Dschungel Camp", hat Erotikartikel beworben. Später wurde ihre Alkoholsucht bekannt, eine Psychologin diagnostizierte ADHS

Nun wurde das alles noch mal öffentlich breit getreten – schlimmer hätte die Fernsehwoche nicht starten können.

Drei Punkte, die mich an der Zwegat-Sendung besonders gestört haben:

1

Naddel wurde von Zwegat pausenlos vorgeführt.

Abd el Farrag tut mir während der ganzen Sendung einfach nur Leid, der Schuldenberater behandelt sie wie Luft. Ganz oft spricht Zwegat über Naddel mit den unterschiedlichsten Personen, aber durchweg immer ohne sie. 

Wenn er dann doch mal mit ihr redet, sagt er Sätze wie diesen:

Was immer Sie anfassen, läuft durch Ihr Zutun Gefahr, gegen die Wand zu gehen.

Dann zückt er sogar ein Alkoholmessgerät, lässt Naddel vor laufender Kamera pusten:

Für mich ist das die pure Erniedrigung einer (ehemals) Alkoholkranken. Mit der Einschätzung bin ich nicht allein. Auch auf Twitter haben viele Mitleid:

2

Ihre "Freunde" nutzen sie vor laufender Kamera aus. 

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr – das dachte ich während der Sendung gestern Abend pausenlos. Alle Protagonisten an Naddels Seite nutzen ihre Situation schamlos aus, um irgendwie selbst zu profitieren. Zwei Beispiele: 

  • Burkhardt Stoelk: Er ist der Mann an Naddels Seite. Nur selten bekommt man ihn in der Sendung zu sehen, meist von hinten. 

Ihm gehört das Hotel, in dem Naddel wohnt. Er hat für sie ein Konto eröffnet, an das sie aber nicht ran darf. Er verwaltet ihr Geld, ist in gewisser Weise ihr Manager und inoffiziell auch irgendwie ihr Vormund. Beim mir hinterlässt er ein ungutes Gefühl. Er wirkt absolut unseriös.

  • Marion "Krümel" Pfaff: Sie nennt sich selbst "Freundin". In der RTL-Sendung von Zwegat hat sie einen großen Auftritt.

Bekannt ist die Malle-Schlagersängerin aus der VOX-Auswanderer-Sendung "Goodbye Deutschland". Sie will Naddel angeblich Geld für einen Auftritt bieten, bei dem sie drei Lieder singen soll. Doch immer, wenn die "Freundin" nicht im Bild ist, lästert Pfaff über Abd el Farrag ab. Sie sagt, dass sie nichts hinbekomme und dass sie wegen Naddel an einem Abend um zehn Jahre altert.

3

RTL stellt Abd el Farrag fortlaufend bloß. 

Natürlich ist Naddel an ihrer Misere selbst Schuld  – aber auch der Sender, Peter Zwegat und ihre "Freunde" tragen eine Verantwortung. Ihre Wohnsituation wird abgefilmt, bei den Predigten von Zwegat hält die Kamera drauf, bei Lästereien sind die Reporter dabei. Abd el Farrags Notlage so ätzend auszunutzen, hilft ihr nicht weiter. Es macht sie nur noch kleiner.

Klar, wieso sollte man Mitleid mit einer erwachsenen Frau haben, die sich immer wieder mehr oder weniger gekonnt in die Öffentlichkeit stellt und alles von sich Preis gibt? 

Ich finde aber: Nur weil Naddel ins Fernsehen will, muss man sie nicht lassen. 


Today

Bayern beschließt: In jeder Behörde muss künftig ein Kreuz hängen
Kruzifix noch einmal!

Ja, Kruzifix noch einmal! Die Meldung klingt wie aus einem anderen Jahrhundert, aber wurde tatsächlich am Dienstag so vom Landeskabinett in Bayern beschlossen: Ab dem 1. Juni dieses Jahres soll in jeder staatlichen Behörde ein Kreuz hängen. (Bayerischer Rundfunk)

Auch der Ort steht fest: Im Eingangsbereich – und nicht direkt in Amts- und Klassenzimmern.