Bild: Martin Ehleben / ProSieben / dpa
Ein Gastbeitrag von Drag-Künstler Niklas van Schwarzdorn

Der Instagram-Post, der alles ins Rollen brachte, war schlicht: Eine für ihre Verhältnisse dezent geschminkte Heidi Klum im schwarzen Dress, dazu die knappe Info: "Die neue Show – Queen of Drags – ab Winter". 

Eine glattgebügelte, blonde Heterofrau soll eine Show moderieren, die queere Kultur, Vielfältigkeit und vor allem auch Sichtbarkeit von Minderheiten repräsentieren soll? "Heidi Klum als die Jurorin eines Drag-Wettbewerbs kommt ähnlich rüber, als wenn Herr Gauland das Berghain leiten würde", schrieb ich damals. (Vice

Über den Autoren

Niklas van Schwarzdorn, geboren 1994, ist Drag-Performer und als "Miss Ivanka T" bekannt. Er ist Österreicher, aber seit fünf Jahren im queeren Berlin angekommen. Niklas ist studierter Fotograf und Creative Director des von ihm herausgegebenen Fetisch-Magazins "HART". 

Ja, ein hartes Urteil. Aber Drag ist für mich schon seit mehr als zwei Jahren eine Kunstform, in der ich als Person aufblühen kann. Es lässt mich meine Persönlichkeit weit weg von Gendernormen und gesellschaftlichen Richtlinien erforschen und gibt mir vor allem ein Gefühl von Freiheit. Travestie ist mehr als nur eine Zur-Schau-Stellung von Pailletten, glitzernden Outfits und angeklebten Wimpern.

Drag ist Protest. Ein großes "Fuck You" an patriarchale, misogyne, homophobe oder auch transphobe Kreise – in deren Köpfen immer noch Regeln wie im letzten Jahrhundert herrschen.

Drags stehen für Fortschritt, Akzeptanz, Toleranz und vor allem: Sichtbarkeit. Eine Sendung über Drags, zur besten Zeit auf ProSieben, könnte man daher als Schritt in die richtige Richtung sehen. Wer weiß, wie Heidi Klum seit Jahren bei "Germanys Next Topmodel" (GNTM) jungen Frauen und Mädchen maximalen Gehorsam abverlangt, sie in feste Rollen zwängt und ihnen unrealistische Schönheitsideale einimpft, mag diese Hoffnung vielleicht nicht hegen. Denn wie soll Heidi eine Gewinnerin bestimmen, die für das exakte Gegenteil dieses Systems einsteht?

Die Empörung in der Community war groß. Drag-Legende Margot Schlönzke fürchtete die Kommerzialisierung der queeren Szene, nannte die Show "kulturellen Missbrauch" und startete eine Petition dagegen.

Ganz so schlimm war es zum Glück nicht, das kann ich nach der Premiere am Donnerstagabend sagen. Die Show auf demselben Sendeplatz wie GNTM zu zeigen, ist zuerst einmal ein Statement des Senders. Wer die Model-Qual liebt, ist sicher auch beim Drag-Spektakel nicht enttäuscht. Wer sich die deutsche Variante des legendären „RuPaul’s Drag Race“ erhoffte, sicherlich schon, vielleicht schon.

Denn eines wird schon in Folge eins klar: Sie ist für ein Mainstream-Publikum konzipiert. Sie will eher wenig erklären und aufklären, vor allem aber entertainen, was Heidi Klum mit ihren Sprüchen und Kritiken nach den Live-Auftritten der Queens klar beweist.

Sie will Zuschauer ansprechen, die mit Drag nichts zu tun haben. Und das ist gut! 

Allen Befürchtungen zum Trotz zeigte "Queen of Drags" in der ersten Folge nicht zu viel Heidi Klum, und auch nicht so viel Schleichwerbung wie bei der Schwestersendung, sondern tatsächlich vor allem Queens, Queens, Queens. Ansonsten ist der Modus ähnlich: Die Villa in L.A., die Mädels bei der Zimmerwahl, die Jury, die sich "heimlich" einschleicht, um die Unordnung der Teilnehmer zur Schau zu stellen. Und natürlich: Drama. Das kennt man alles schon. 

Bei den Photoshootings und Drag-Präsentationen haben die Teilnehmerinnen aber mehr Freiheiten als die Models: Songs, Outfits, Motto – es gab immerhin Raum für Individualität. Am Ende bleibt die Show natürlich trotzdem eine Produktion, die für eine breite Masse gemacht wird – was in meinen Augen aber genau richtig ist. 

Denn Deutschland braucht mehr queere Repräsentation. 

Wo Formate wie "Prince Charming" vollends auf Trash setzen und im Nischenprogramm versanden, versucht Queen of Drags nämlich doch, einen kleinen Bildungsauftrag einzuhalten – und hinter die Fassade von Drag und Make-up zu blicken. Etwa, als Drag-Künstlerin Bambi Mercury zur besten Sendezeit vor Millionenpublikum die Trans-Pride-Flagge schwingt. Oder, als Catherrine Leclery dem Publikum erklärt, dass Rassismus und Homophobie noch immer große Probleme in unserer Gesellschaft darstellen. In solchen Momenten haben wir als Community schon gewonnen.

In meinem aufgeschlossenen Umfeld verdrängen viele gerne, dass wir leider immer noch in einem Land leben, in dem Parteien wie die AfD in Teilen Deutschlands über 20 Prozent der Stimmen bekommen. Ein Land, in dem Politiker offen sagen, dass die Ehe für Homosexuelle wider die Natur sein soll und in dem die Rechte von LGBTQ+ Personen immer noch nicht dieselben sind, wie die von Cis-Heteros.

Man kann die Show leicht als Ausnutzung unserer Gemeinschaft sehen. Aber eben auch als Sprungbrett. Als starkes Zeichen und Meilenstein im deutschen Fernsehen. Wir sind hier, loud and proud, in der Mitte der Gesellschaft, gekommen, um zu bleiben. 

Und deshalb ist es trotz der notwendigen Kritik an ProSiebens Gelddruckmaschine Heidi gut, dass es so eine Sendung gibt. Eine Show, die nicht unbedingt den Anspruch hat, ein queeres Publikum zu unterhalten –  und damit den durchschnittlichen Hetero verprellen würde. „Queen of Drags“ hat sich, soweit man es nach Folge eins sagen kann, als Ziel gesetzt, ein Schaufenster in unsere Welt zu sein und den Mainstream ein Stück daran teilhaben zu lassen. 



Gerechtigkeit

Dank einer Petition ist Upskirting bald strafbar – was eine Initiatorin dazu sagt
"Das hat uns bewusst gemacht, wie wertvoll unsere Demokratie ist"

Im April machte Großbritannien sogenanntes Upskirting, also das Filmen oder Fotografieren unter den Rock, strafbar – nach der Kampagne einer jungen Frau, die selbst in der Vergangenheit davon betroffen war. Die Nachricht wurde auch von deutschen Medien aufgegriffen. Meist mit dem Hinweis versehen, dass auch hierzulande niemand dafür bestraft werden könne, solange die Aufnahmen im öffentlichen Raum getätigt werden.

Seit 2014 gibt es in Deutschland den Paragrafen 201a im Strafgesetzbuch zur "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen". Heimliche Aufnahmen sind demnach nur dann strafbar, wenn sie in privaten oder geschlossenen Räumen aufgenommen werden – zum Beispiel in Wohnungen, auf öffentlichen Toiletten oder in Umkleidekabinen – und auch dann meist nur, wenn sie an Dritte weitergegeben werden. Wer bisher also jemanden auf der Straße oder auf einem Konzert unter den Rock fotografiert und das Bild behält, macht sich damit nicht strafbar – sondern begeht meist nur eine Ordnungswidrigkeit. (bento

Als die heute 29-jährige Hanna Seidel von der Kampagne in Großbritannien erfuhr, wollte sie selbst aktiv werden. In ihrer Jugend wurde ihr selbst zweimal unter den Rock gefilmt – ohne Konsequenzen für den Filmenden. Gemeinsam mit Ida Sassenberg, 26, startete sie eine Petition.