Was es mit dem Hype um Promidokus auf sich hat.

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Heute: "Ganz intime" Dokus über Prominente.

Was ist es?

Justin Bieber lässt sich in seiner YouTube-Serie beim Musizieren, Heiraten und während der Therapie zugucken. Taylor Swift offenbart in einer Netflix-Doku ihren Kampf mit ihrem Selbst- und Fremdbild. Und die Jonas Brothers erzählen auf Amazon Prime, warum man es als Geschwister im Show-Business auch nicht gerade leicht hat. 

Beinah jeder Promi wagt derzeit den Sprung von Instagram zum abendfüllenden Dokumentarfilm über sich selbst. Beyoncé, die sich auf Coachella vorbereitet? Online. Lady Gaga, die ihr neues Album schreibt, oder Fynn Kliemann, der sich mit Kumpels besäuft? Ausführlich und in Farbe. In den "ganz persönlichen" und "intimen" Dokus zeigen Stars ihre Gefühle, Verletzlichkeit, kurz gesagt: ihre weiche Seite. Hier können sie einfach Mensch sein.

Wo sieht man es?

Bei allen möglichen Streaminganbietern, die sich einen Namen gemacht haben und jetzt mit den Promis zusammenarbeiten dürfen. Am besten vom Bett aus, eingemuckelt in Fan-Shirt und signierter Bettwäsche. 

Wer schaut sich das an?

Handysüchtige, die nicht genug von den Insta-Stories von Taylor Swift und Justin Bieber kriegen können. Streamingbegeisterte, die schon alle Folgen von "Keeping up with the Kardashians" durch haben. Und gelangweilte Studierende, die etwas Entspanntes schauen und gleichzeitig etwas lernen wollen – Berühmtheiten gehören schließlich zum Allgemeinwissen.

Warum gibt es den Trend?

Prominente und ihre Manager haben verstanden, dass Authentizität derzeit die wichtigste Währung im Show-Business ist. Es reicht nicht mehr, auf der Bühne die perfekte Show hinzulegen – man muss auch zeigen, wie es zu dieser Show kam, am besten mit waschechtem Struggle. 

Johanna Reichert, 38, ist Society Expertin fürs Fernsehen und verschiedene Frauenmagazine. Sie überrascht der aktuelle Boom der "ganz persönlichen" Dokus nicht. Sich für Menschen und deren Leben zu interessieren, sei menschlich, weil wir uns durch den Vergleich mit unseren eigenen Problemen besser fühlen. "Es tut uns gut, zu sehen, dass jemand, der vermeintlich alles Geld der Welt hat, sich alles leisten kann, trotzdem Probleme hat", sagt sie. 

Nachfrage nach Informationen aus dem Leben von Prominenten habe es schon immer gegeben: "Früher liefen auf MTV viele Dokus dieser Art." In Zeiten von Instagram seien Filme in Spielfilmlänge nur ein weiterer Schritt im Selbst-Marketing der Stars. 

(Bild: privat)

Doch dabei sind die neuen Dokus nicht nur eine Fortsetzung dessen, was die Promis auf Instagram ohnehin schon abspulen. 

Dass man über soziale Netzwerke tatsächlich am Leben seiner Idole teilhaben kann, hat sich längst als Illusion erwiesen. Die Grenzen zwischen Werbung und echten Inhalten sind verschwommen, Instagram ist vor allem ein Ort für Fotos von Reisen, Essen, Outfits – poliert mit Glättungsfilter und hochgedrehter Sättigung. 

Machen sich die Promis nun das Medium Dokumentarfilm zu eigen, können sie von dessen vermeintlicher Objektivität profitieren. Sie zeigen sich nicht nur durch die selbstgewählte Perspektive ihrer Selfie-Kamera, sondern lassen sich von externen Beobachtern einfangen. Die Fragen stellen die Produzenten (so sieht es jedenfalls aus) und die eigene Wirkung in den Aufnahmen lassen sich schwieriger kontrollieren. 

Doch natürlich ist auch das zum Großteil eine Illusion, wie Johanna sagt: "Alles wird gefiltert, wir sehen nur das, was wir sehen sollen." Vor allem, wenn die Promis selber an der Produktion beteiligt sind, könne man davon ausgehen, dass die Dokus eher den Wahrheitsgehalt von Reality Shows haben.

Bleibt der Trend?

Unretuschierte Fotos auf Magazin-Covern, öffentliche Beichten über Alkoholsucht oder Depressionen: Auch im Show-Business ändert sich etwas. Fans verlangen heute Authentizität, und viele Stars sind bemüht, sie ihnen zu bieten – oder zumindest den Eindruck zu erwecken, das zu tun.

Wie lange sich die Star-Dokus halten, ist dabei schwer abzusehen. Möglicherweise beschleicht die Fans auch in diesem Fall irgendwann der Verdacht, dass eine hochglanzproduzierte Netflix-Produktion nicht unbedingt authentischer ist als ein Selfie vom Strand.

In einem ist sich Expertin Johanna allerdings sicher: Menschen werden sich immer für das Leben der sogenannten Schönen und Reichen interessieren. "Vielleicht wird das mit den Dokus abflachen und kurzzeitig verschwinden", sagt sie, "aber es wird in einer anderen Form wiederkommen."


Gerechtigkeit

"Sie setzen meine Haut mit Wohlstand und Prestige gleich" – Wie eine schwarze Frau Privilegien erlebt
Und warum sie diese Privilegien nicht möchte.

Jedes Mal, wenn ich in Lomé aus dem Flugzeug steige, überkommt mich ein Gefühl von Heimat. Die heiße, feuchte Luft verschlägt mir den Atem und ich muss die Augen zusammenkneifen, um mich an die pralle Sonne zu gewöhnen. Tief atme ich den Geruch der Stadt ein. 

Lomé ist die Hauptstadt Togos, einem kleinen Land an der Küste Westafrikas, zwischen Ghana und Benin gelegen. Togo war bis 1916 deutsche Kolonie, stand bis zu seiner Unabhängigkeit 1960 unter französischer Verwaltung – und ist neben Deutschland mein zweites Zuhause. 

Ein Großteil meiner Familie lebt hier. Meine Großmutter besuche ich regelmäßig, seit ich vier Jahre alt bin. Doch wenn ich von meiner einen Heimat in die andere reise, passiert etwas Merkwürdiges: Ich werde jemand anderes. Steige ich in Togo aus dem Flugzeug, bin ich "Yovo", das bedeutet "weiß" auf Mina, eine der Landessprachen. Steige ich in Deutschland aus dem Flugzeug, bin ich schwarz.