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Trash unter dem Deckmantel der queeren Solidarität

Ich gebe zu, als der Trash-Sender RTL groß ankündigte, mit einer schwulen Version des "Bachelors" sein Angebot auf TVNOW zu erweitern, keimte in mir eine kleine Hoffnung auf: 21 schwule Männer! Auf einem Bildschirm! Die mit Dates und Gesprächen ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe und Beziehung zeigen können, die unterhalten können – und ganz nebenbei repräsentieren. 

Zumal diese Form des Bachelors auch gleich eine andere Revolution des Formates bedeutet: Hier steht jeder potentiell auf jeden. Anstatt nur einen Mann anzubeten, könnten die Kandidaten in der griechischen Villa auch ihren Mitstreitern die große Liebe gestehen. (Spoiler: Gleich in der ersten Nacht kuscheln zwei Konkurrenten nackt, bis zum ersten Penis muss man also nicht mal eine ganze Folge warten.)

Mit dem neuen Format hat Deutschlands größter Privatsender also die riesige Chance, schwule Liebe auf alle möglichen Arten zu zeigen.

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Bisher hatte ich als schwuler Mann im deutschen Fernsehen nicht viel Auswahl: In Castingshows wie DSDS wurden queere Kandidaten dann doch immer ins Lächerliche gezogen und der Trash-Klassiker "Bauer sucht Frau" konnte nach zwei Jahren harter Castingarbeit gerade mal mit einem einzigen schwulen Single aufwarten. (WELT)

Am Anfang ging es eigenlich noch ganz gut los. "Ich möchte einfach zeigen, dass ein Kuss zwischen zwei Männern absolut nichts ist, wo man wegschauen sollte. Wenn zwei Menschen eine Emotion teilen, ist das einfach wunderschön", sagt Prince Charming, mit aufgeknöpftem Hemd in die Kamera lächelnd, nachdem er eben noch eine überdimensionierte Regenbogenflagge am Strand geschwenkt hat.

Die Produzenten von "Prince Charming" schienen sich mit ihrem Casting wirklich bemüht zu haben, einen möglichst wenig aneckenden Kandidaten zu finden: Der 28-jährige Nicolas Puschmann hat, um in das Raster der Sendung zu passen, vorher extra 23 Kilo abgenommen und wäre auch sonst im Auftritt der perfekte Schwiegersohn für jedes noch so konservativ-besorgte Elternhaus.

Nicolas' eigene Eltern melden sich auch direkt in Form von seiner Mutter in einem Einspieler zu Wort: "Hauptsache, sie lieben sich", sagt sie gerührt in die Kamera. Gleich zu Beginn entsteht so die Hoffnung, dass hier möglicherweise mit Vorurteilen gegenüber queeren Menschen aufgeräumt werden soll. Die ersten fünf Minuten der Show sind zwar etwas unangenehm, in ihrer plakativ aufklärerischen Art – doch es tut nicht so weh, wie es sonst bei Trash-Formaten üblich ist.

Doch leider wischt der Sender diesen Anflug von politischem Bewusstsein kurz darauf mit einer Montage beiseite, in der Nicolas splitterfasernackt im Pool gezeigt wird. "Ich glaub', mein Arsch ist wirklich knackig und geil", kommentiert der Außendienstmitarbeiter und jetziger Berufsprinz seinen Körper und prophezeit: "Es wird wahrscheinlich hier und da auch mal ein bisschen sexy sein."

(Bild: TVNOW)

Dass es beim herkömmlichen "Bachelor" auch immer wieder "sexy" zugeht ist nun wirklich kein Geheimnis: Junge Frauen werden schamlos vorgeführt, ihre Körper von den Produzenten ausgeschlachtet.

Darf man da von "Prince Charming" überhaupt etwas anderes erwarten?

Ich finde schon. Jede Neuauflage ist immerhin eine Chance gewesen, etwas Neues auszuprobieren. Und zu zeigen, dass man verstanden hat, dass die Zeiten sich geändert haben:

Die erste Staffel des traditionellen Bachelors lief in Deutschland 2003. Seither haben unzählige Debatten über Sexismus und Macht das Land erschüttert. Man muss das nicht ignorieren – auch nicht als Produzent von Trash-TV.

Trotzdem zerschlägt der Sender die Hoffnungen auf ein erfrischendes TV-Format, denn das Konzept von "Prince Charming" ist fast genauso simpel, wie die Kandidaten der Show, die alles versuchen, sich vielschichtig zu präsentieren – und daran scheitern.

Die größte Aufgabe des Zuschauers ist übrigens, die Kandidaten überhaupt auseinanderzuhalten, denn die Idee der Repräsentation von Vielfalt innerhalb der queeren Community scheint im Casting-Department des Senders noch nicht wirklich angekommen zu sein. Das ist beim herkömmlichen Bachelor nicht anders, bei der queeren Version der Datingshow dann aber doch verwunderlich: Gelten schwule Männer denn sonst im Privatsender-Duktus nicht als "bunt"?

Zwischen all den klassischen Trash-Elementen (viel Alkohol zur Enthemmung, Kampf um die Betten in der Villa, Strip-Stangen am Strand) wirkt dann die ein oder andere Situation mit Tiefgang fast fehl am Platz:

Zum Beispiel der Moment, in dem sich plötzlich das Gespräch um Outings dreht; als Kandidat Kiril darüber spricht, wie schwer es für ihn ist, mit bulgarischen Wurzeln zu seiner Sexualität zu stehen. Oder als der 31-jährige Manuel erklärt, wie er mit seiner Kunstfigur Lafayette Diamond gegen Homophobie kämpfen will. Für einen kurzen Moment erahnt man echte Menschen mit echten Problemen – bevor die Kandidaten von nächsten Showidee abgewürgt werden.

Für mich ist die ganze Sendung ein Trauerspiel: Ja, wahrscheinlich habe ich zu viel erwartet von der ersten schwulen Datingshow in Deutschland. Wahrscheinlich habe ich insgeheim gehofft, mich in irgendeinem Charakter selbst zu finden. Wahrscheinlich wollte ich endlich mal ein TV-Format in Deutschland, dass gesellschaftliche Akzeptanz fördert und den schwulen Mann in seiner Vielfalt präsentiert. Stattdessen macht "Prince Charming" unter dem Deckmantel der Solidarität mit queeren Menschen alle Teilnehmer zu Stereotypen. 

Und ich bin dieser Stereotypen so müde, ich kann noch nicht einmal mehr drüber Lachen.


Gerechtigkeit

Mauerfail: Wende-Kommerz zeigt, was in Deutschland seit 30 Jahren falsch läuft
Wie sollen Ost und West zueinander finden, wenn die Wende nur noch Werbeträger ist?

Das muss damals eine ziemlich geile Party gewesen sein, im November 1989. Diesen Eindruck bekommt, wer schaut, wie heute – 30 Jahre später – der Mauerfall gefeiert wird. 

Adidas bringt am Jubiläumstag eine "Wendejacke" auf den Markt, die – hihi – gewendet werden kann. Im Videoclip zur doppelten Bomberjacke schaut Sido böse in die Kamera. Es soll nur 500 Stück geben, und auch nur in ausgewählten Läden in Berlin. (Berliner Morgenpost)

Auch H&M feiert den Mauerfall – mit einer eigenen Kollektion. Auf den Shirts und Sweaters steht  "Neunzehnhundert89" oder "East + West – when two became one", Palina Rojinski bewirbt die Teile. Die Erlöse sollen gemeinnützigen Organisationen zugute kommen. (Fashionunited)

Mauer-Maskottchen David Hasselhoff veröffentlicht zum Jubiläum ein Hörbuch, in dem er in einer fiktiven Geschichte erzählt, wie er als popsingender US-Geheimagent in Berlin mitmischte. Und klar, er geht auch wieder auf Tour. "Are you looking for freedom?", fragt er im Tour-Trailer in die Kamera – und stimmt seine berühmte Hymne an.

Der Mauerfall? Ein Happening!

Die Folklore zum Mauerfalljubiläum wirkt auf mich wie der finale, triumphierende Stinkefinger des Kapitalismus: Du wolltest Freiheit? Gönn dir Highend-Fashion im Flagshipstore!

Versteht mich nicht falsch: Die Adidas-Jacke sieht tatsächlich bombe aus, zu "Looking for Freedom" tanze ich gerne und oft ganz ungeniert, und dass H&M die Erlöse seiner 89-Kollektion an Vereine spenden will, die sich gegen Mobbing, Rassismus und Rechtsextremismus stark machen, ist ein gutes Signal. 

Aber das alles hat mit dem 9. November 1989 nichts zu tun. Sondern das: