Protokoll eines Kinobesuchs

Anscheinend ist es eine Sensation: Es gibt einen neuen Film im Harry-Potter-Universum. "Endlich!", sagen meine Freunde und in ihren Augen beobachte ich dann ein irres Glimmen. In solchen Situationen versuche ich immer, mich irgendwie unsichtbar zu machen, tippe sinnlos auf meinem Handy herum oder verschwinde auf dem Klo.

Denn: Ich habe "Harry Potter" nicht gelesen. Nein, kein einziges Buch.

Und so langsam frage ich mich: Warum habe ich den Harry-Potter-Hype nicht endlich überstanden? Sieben Bücher und acht Filme (das musste ich gerade googeln) sind nicht genug?

Ich war in der Grundschule, als das erste Buch erschien. Mein Bruder fand es gaaaanz toll. Worum es geht? Ein Junge mit einer Narbe auf der Stirn, der zaubern kann. Hm, voll unrealistisch.

Aber alle haben es gelesen. Ich dachte mir immer: Irgendwann lese ich das auch mal. Aber wenn ich die vielen dicken Schinken im Regal anschaue, fallen mir immer andere Sachen ein, die ich stattdessen machen könnte. Und auch zu den Filmen konnte ich mich nicht durchringen. Vielleicht finde ich echte Menschen und Geschichten schon kompliziert genug, als dass ich mich auch noch mit einer erfundenen Welt auseinander setzen möchte.

Jetzt also der Selbstversuch: Ich sitze im Kino und schaue mir das Potter-Spin-off "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" mit Eddie Redmayne an. Denn ich soll herausfinden, ob der Film auch Spaß macht, wenn man glaubt, bei Gleis 9 3/4 würde es sich um einen Tippfehler handeln.

Die magische Monsterjagd in unserer Fotostrecke:
1/12

Spoiler-Warnstufe orange

Wir verraten hier etwas über die Serie oder den Film. Nicht das komplette Ende. Nicht die Mörder-Überraschung. Falls du dich aber ärgerst, wenn wir hier gleich Ereignisse vorwegnehmen: Lieber erst anschauen und dann hierher zurückkommen.

Worum geht's?

New York im Jahr 1926. Mit einem abgenutzten Lederkoffer kommt Newt Scamander in die Stadt.

Soweit komme ich mit.

Er sieht aus wie ein normaler Mensch und auch an der Stadt finde ich nichts Auffälliges. Doch dann geht's los: Der Koffer ruckelt und rappelt, und ein flauschiges, maulwurf-ähnliches Tier büchst aus. Das Tierchen ist ein Niffler.

¯\_(ツ)_/¯

Niffler mögen Blingbling und Glitzer.(Bild: Warner Bros.)

Auch mir wird ziemlich schnell klar: Okay, da stimmt was nicht.

Dieser Koffer scheint ziemlich groß zu sein. Sehr groß. So groß, dass Newt Scamander komplett hineinsteigen und verschwinden kann: Willkommen in der Parallelwelt.

Das erste Zimmer sieht noch recht realistisch aus (abgesehen davon dass es in einem Koffer steckt), doch hinter jedem Vorhang und hinter jeder Tür wird mir eine neue Überraschung präsentiert. Mal schneit's, mal scheint die Sonne. Und es gibt ganz viele komische Tiere, äh, magische Kreaturen. Quasi einen ganzen Zoo davon.

Newt Scamander reist mit einem Koffer voller magischer Kreaturen nach New York(Bild: Warner Bros.)

Schon bald bin ich nicht mehr die Einzige, die ein Problem mit dem Koffer hat. Auch die amerikanische Zaubergesellschaft mag ihn nicht. Zwar nicht, weil sie es komisch findet, dass man einen Zoo inklusive aller Jahreszeiten in einen Koffer stecken kann, sondern, weil sie fürchtet, durch die Kreaturen vor den Nicht-Zauberern aufzufliegen. Das sehe ich ein: so ein Graphorn, Swooping Evil, Nundu oder Erumpent könnte recht verdächtig wirken.

Die Befürchtung bestätigt sich: Die Tiere der verschiedensten Größen und Farben reißen aus und versetzen die Welt der Muggel (so nennt man uns Nicht-Zauberer, wie ich gelernt habe) in Angst und Schrecken.

Häää und Aaaaah:

Häuser werden zerstört und Menschen verstört – aber kein Problem: Es wird mit Zauberstäben geschwungen und geblitzt, Gedächtnisse gelöscht und Wände wieder aufgestellt. Praktisch, dieses Zaubern.

Mein persönlicher Fragezeichen-Höhepunkt ist erreicht, als Newt beim Angriff einer riesigen magischen Kreatur, optisch eine Mischung aus Schlange und Drache, nach einem Insekt und einer Teekanne verlangt. Die Erklärung, dass sich die Größe des Tieres der Umgebung anpasst und durch Insekten angelockt wird, leuchtet teilweise ein. Aber warum muss es denn ausgerechnet eine Teekanne sein?! Eine kleine Kiste hätte es doch auch getan.

Mein großes Glück:

Newt hat sich direkt am Anfang mit dem No-Majs (noch ein Wort für Muggel) Jacob Kowalski angefreundet, der die gleichen Fragen stellt, die auch mir als Harry-Potter-Analphabetin Stirnrunzeln bereiten. "Ich glaube nicht dass ich träume, so was würde mir nicht mal im Traum einfallen."

Außerdem muss auch ich als nicht Fantasyfilm-Fan zugeben, dass die Bilder und Effekte beeindruckend sind. Und dass es sich lohnt, sie auf der großen Kinoleinwand zu bestaunen. Der Film hat mich zwar nicht davon überzeugt, doch noch Harry Potter zu lesen, aber jaaaa... ich hätte auch wesentlich langweiligere Sachen in den 133 Minuten machen können.


Fühlen

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