Bild: David Bornfriend/DCM/dpa

Die Nominierten für die Oscars stehen fest – und dieses mal stand die Verlesung der Anwärter unter besonderer Beobachtung. Denn 2016 hatte es einen Aufschrei gegeben: Ausschließlich weiße Schauspieler waren nominiert. Wieder einmal. Unter dem Hashtag #OscarsSoWhite ballte sich 2016 wütende Kritik in den sozialen Medien. Prominente Mitglieder der Branche setzten außerdem ein medienwirksames Zeichen: Jada Pinkett Smith, Will Smith und Regisseur Spike Lee boykottierten die Zeremonie. (bento)

Nach dem öffentlichen Druck gab es Änderungen. Die Academy führte neue Regeln ein. (SPIEGEL ONLINE).

Aber was genau wurde verändert? Und hat das wirklich zu mehr Vielfalt in der heute bekannt gegebenen Nominierungsliste für 2017 geführt? Eine Analyse:
Hier findest du die wichtigsten Nominierungen im Überblick:
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Warum lösten die Oscars 2016 Proteste aus?

Zum zweiten Mal in Folge waren in der Kategorie für die beste Schauspielleistung bei Männern wie Frauen, bei den Haupt- wie Nebenrollen, ausschließlich weiße Schauspieler nominiert. Dabei fehlte es nicht an Kandidaten: Idris Elba überzeugte als Warlord in "Beasts of No Nation", ebenso wie Will Smith in "Concussion", Michael B. Jordan in "Creed" oder Benicio Del Toro in "Sicario".

Auch in anderen Kategorien, so der Vorwurf, seien herausragende Produktionen vernachlässigt worden: Das von Kritikern wie Publikum gefeierte HipHop-Drama "Straight Outta Compton" zum Beispiel, erhielt nur eine Nominierung und später den Oscar für das beste Drehbuch – das allerdings aus weißen Händen stammt.

Ein zusätzlicher Kritikpunkt: Nicht eine einzige Frau war in der Kategorie für die beste Regie vertreten.

Wir mögen dann und wann einen Oscar gewinnen, aber ein Oscar verändert nicht grundlegend, wie Hollywood Business macht.
Regisseur Spike Lee
Deshalb haben die Oscars ein Diversitäts-Problem.

Ja – so wie die gesamte Filmbranche. Seit der ersten Oscar-Verleihung 1929 wurden mehr als 1700 Nominierungen an Schauspieler und Schauspielerinnen in Haupt- und Nebenrollen vergeben. Nur 6,4 Prozent der Nominierungen gingen dabei an Schauspieler, die nicht weiß waren. Auch wenn man die Zeitspanne auf die vergangenen 25 Jahre reduziert, verbessert sich die Statistik kaum: Mit 56 nominierten Schauspielern of colour liegt die Zahl bei 11,2 Prozent. (Time)

Und das sind nur die Nominierungen. Einen Oscar als Hauptdarsteller gewannen bisher nur: Jose Ferrer (1950, "Cyrano de Bergerac"), Sidney Portier (1963, "Lilies of the Field"), Ben Kingsley (1982, "Mahatma Gandhi"), Denzel Washington (2001, "Training Day"), Jamie Foxx (2004, "Ray") und Forest Whitaker (2006, "The Last King of Scotland"). Halle Berry ist bis heute die einzige Hauptdarstellerin, die von der Academy ausgezeichnet wurde, die nicht weiß ist (2001 für "Monster’s Ball").

(Bild: dpa/Paul Buck)
Woran liegt das?

Die Oscars werden von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences gewählt. Unter dem Namen versammeln sich inzwischen mehr als 7000 Mitglieder der unterschiedlichen Film-Schaffenden: Maskenbildner, Regisseure, Designer, Produzenten, Tontechniker, Stylisten, Musiker und Produzenten. Die größte Gruppe machen die Schauspieler aus. Die Liste der Auserwählten ist nicht öffentlich.

Mitglied kann nur werden, wer einmal für einen Oscar nominiert oder von zwei Kollegen empfohlen und von der Academy akzeptiert wurde. Bis 2016 galt dabei: Wer es einmal in den exklusiven Verein geschafft hatte, konnte bis zu seinem Lebensende dabei bleiben.

Bei der langen Geschichte der Oscars führte gerade die lebenslange Mitgliedschaft dazu, dass weiße, alte Männer überrepräsentiert sind. Eine Studie der "Los Angeles Times" aus dem Jahr 2012 ergab:

  • Im Schnitt sind 94 Prozent der Wahlberechtigten weiß.
  • 77 Prozent sind männlich.
  • Im Schnitt waren die Wahlberechtigten 62 Jahre alt.
  • Unter 50 waren in dem Jahr nur 14 Prozent der Mitglieder. Jeweils 2 Prozent betrug der Anteil der schwarzen sowie Latino-stämmigen Mitglieder. (Times)

Nicht vergessen darf man allerdings, dass die Oscars dabei ein Problem der gesamten Filmbranche widerspiegeln: Nach wie vor werden wenige Produktionen unterstützt, die nicht von Weißen geführt werden und etwas anderes als weiße Lebensgeschichten erzählen. Auch Whitewashing ist eine übliche Praxis in Hollywood, wie zuletzt die Besetzungen von Tilda Swinton ("Dr. Strange") oder Matt Damon ("Great Wall") zeigten.

Was hat sich 2017 geändert?

Nach den #OscarsSoWhite-Protesten 2016 kündigte die Akademie große Veränderungen an. Ihr Ziel: Jünger, weiblicher werden – und vor allem mehr Vielfalt schaffen.

Die Zahl der Wahlberechtigten wurde massiv erhöht, 638 neue Mitglieder wurden im Laufe des vergangenen Jahres ins Komitee berufen. Dabei wurde explizit auf Diversität geachtet: Schauspieler wie Idris Elba ("Beast of No Nation"), America Ferrera ("Dogtown Boys"), John Boyega ("Star Wars: Das Erwachen der Macht"), Emma Watson ("Harry Potter") und Greta Gerwig ("Frances Ha") finden sich unter den neuen Mitgliedern.

Idris Elba - 2016 nicht nominiert, jetzt aber in der Akademie Mitglied

Außerdem wurden die Stimmrechte verkürzt: Die Academy-Mitgliedschaft gilt nicht mehr auf Lebenszeit, sondern wurde begrenzt auf zehn Jahre. Wer in dieser Zeit in keinem neuen Film mitgespielt hat, also inaktiv ist, verliert sein Wahlrecht. Ausgenommen von dieser Regel sind Schauspieler, die 30 Jahre lang aktive Mitglieder waren, die für einen Oscar nominiert waren oder einen Oscar gewonnen haben. Sie sind weiterhin lebenslang dabei.

Kurzfristig können die Änderungen allerdings nur wenig an der Zusammensetzung der Academy ändern: Mit den zahlreichen Neuzugängen steigt der Anteil der weiblichen Mitglieder nur auf 27 Prozent, der Anteil von Afro-Amerikanern, Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund liegt jetzt bei 11 Prozent.

Die Änderungen machen sich bemerkbar – wenigstens in diesem Jahr.

Tatsächlich fällt die Nominierungsliste 2017 vielfältiger aus: Denzel Washington ("Fences") und Ruth Negga ("Loving") wurden als Hauptdarsteller nominiert. Bei den Nebenrollen stehen mit Dev Patel ("Lion"), Mahershala Ali ("Moonlight"), Octavia Spencer ("Hidden Figures"), Viola Davis ("Fences") und Naomie Harris ("Moonlight") fünf Darsteller auf der Liste, die nicht weiß sind. Rein nach Zahlen liegt die Academy damit bei den Schauspielern bei derselben Anzahl nicht-weißer Nominierungen wie 2006, dem bisher diversesten Jahr.

Ob dem ein nachhaltiges Umdenken der Academy zugrunde liegt, bei dem sich die vorgenommenen Änderungen bereits bemerkbar machen, oder doch eher eine kurzfristige Reaktion auf die massiven Proteste 2016? Diese Frage kann erst in den kommenden Jahren beantwortet werden.

Dass Schwarze, Inder und Chinesen aber auch Rollen spielen und für sie ausgezeichnet werden können, die mit ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft rein gar nichts zu tun haben – das hat weder die Academy noch die Hollywood-Industrie bisher begriffen.
Ein Problem bleibt: die Besetzung.

Ein Blick auf die in diesem Jahr ausgewählten Darsteller macht aber schon jetzt klar: Herausragende schwarze Schauspieler haben vor allem eine Chance auf den Oscar, wenn sie herausragend dramatische schwarze Lebensgeschichten spielen.

Denzel Washington und Viola Davis spielen in "Fences“ ein afroamerikanisches Paar, deren Leben von alltäglichem Rassismus begrenzt wird. "Moonlight" erzählt von einem jungen, homosexuellen Schwarzen, der in Miamis Unterschicht zu überleben versucht. "Loving" handelt von der Ehe zwischen einem Weißen und einer Schwarzen – in einer Zeit, in der Mischehen im Bundesstaat Virginia per Gesetz verboten waren. Und "Hidden Figures" erzählt die Geschichte von drei afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgeblich am Apollo-Programm der NASA beteiligt waren.

Szene aus "Moonlight" (Bild: David Bornfriend/DCM/dpa)

Diese Geschichten sollen und müssen verfilmt werden. Sie wurden bisher viel zu wenig erzählt. Die Schauspieler werden zwar zu Recht für ihre emotionalen Darbietungen gefeiert (siehe "12 Years A Slave"). Aber:

Schwarze, Inder und Chinesen sollten aber auch Rollen spielen, die mit ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft nichts zu tun haben – das hat weder die Academy noch die Hollywood-Industrie bisher begriffen.

Der schwarze Regisseur Spike Lee brachte die System-Kritik auf den Punkt: "Wir mögen dann und wann einen Oscar gewinnen, aber ein Oscar verändert nicht grundlegend, wie Hollywood Business macht." Deswegen bleiben die Nominierungen 2017 ein weiterer Schritt und ein gutes Signal an die Branche. Aber bis zum Ziel ist es noch weit.

Und jetzt du: Welchen Oscar-Nom findest du am besten?

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