Bild: Netflix

Die Oscar-Verleihung ist ein Abend voller großer Roben und großer Reden. Die Filme, die hier mit goldenen Trophäen ausgezeichnet werden, mögen manchmal über gesellschaftliche Probleme erzählen – aber sind letztlich immer millionenschwere Produkte einer milliardenschweren Industrie, die sich und ihre Welt bei diesem Ereignis selbst feiert. 

Deshalb war es umso erfrischender, dass die Netflix-Produktion "Period. End of Sentence" den Preis für den besten Dokumentar-Kurzfilm erhielt.

Der Film, der auf Deutsch leider den arg bürokratisch-abschreckend klingenden Titel "Stigma Monatsblutung" trägt, erzählt vom "Pad-Project", das Frauen im ländlichen Indien hilft, Binden selbst herzustellen – weil es in der Region kaum Hygieneartikel zu kaufen gibt, das Thema Menstruation noch immer ein großes gesellschaftliches Tabu ist und viele die Blutungen für eine Krankheit halten.

Gedreht hat ihn die 25-jährige US-Amerikanerin Rayka Zehtabchi, die bei der Dankesrede vor Freude und Überraschung in Tränen ausbrach (aber nicht, weil sie ihre Tage hatte, wie sie dem Publikum erklärte).

Für den Film hat Zehtabchi eine Reihe von Frauen in einem kleinen Ort in Nähe von Delhi besucht. Die Frauen dort, das wird gleich zu Beginn der Dokumentation klar, reden nicht über ihre Menstruation. Schon beim bloßen Hören des Wortes kichern sie, verbergen ihr Gesicht oder fangen an, mit den Füßen zu scharren. "Es ist schlechtes Blut, das herauskommt", sagt eine alte Frau. Die Männer im Dorf haben von Menstruation erst recht nichts gehört oder halten es für eine "Krankheit, die meistens Frauen haben".

Was jedoch alle Frauen wissen: Dass es vieles schwieriger macht, wenn sie ihre Periode bekommen. 

Während der Menstruation dürfen sie nicht im Tempel beten. Und wenn sie zur Schule gehen, müssen sie irgendeinen Weg finden, die Blutung aufzufangen. Binden oder Tampons haben sie nicht – zu teuer. Nur zehn Prozent der Frauen in Indien benutzen Hygieneartikel, heißt es im Film.

So erzählt eine Frau, wie sie immer weit weg vom Schulgebäude ging, um ihre Behelfsbinde zu wechseln, dass dort Männer herumgelungert und sie angestarrt haben. Irgendwann brach sie die Schule deshalb ab. Wie ihr geht es vielen indischen Frauen, das zeigt ein Bericht der Hilfsorganisation Plan.

Doch Hilfe naht – in Form einer Maschine, mit der man Binden kostengünstig selbst herstellen kann. So eine steht nun in dem kleinen Ort. Eine Gruppe von Frauen hat gelernt, sie zu bedienen. Schon über 18.000 Binden haben sie hergestellt, denn sie wollen nicht nur den eigenen Bedarf decken, sondern ein Unternehmen aufbauen und ihr eigenes Geld verdienen.

Denn die Menstruation ist nicht das einzige Problem, vor dem diese Frauen stehen. 

In Indien kämpfen Frauen an vielen Stellen um ihre Rechte. Niemand ermutige sie, zu arbeiten oder unabhängig zu sein, erzählt eine der Protagonistinnen. Sie selbst will Polizistin werden. Indem sie die selbstgemachten Binden verkauft, finanziert sie sich das Geld für die Ausbildung.

"Ich kann nicht glauben, dass ein Film über Menstruation einen Oscar gewonnen hat", sagte Regisseurin Rayka Zehtabchi in ihrer Dankesrede am Sonntagabend. Und tatsächlich ist das erstaunlich – ist doch, trotz aller Fortschritte in Sachen Frauenrechten, die Menstruation noch immer ein Thema, das an an Abendbrottischen und in Talkshows eher nicht besprochen wird.

"Period. End of Sentence" ist aber mehr als ein Film über die Menstruation. Es ist ein Einblick in eine Welt, in der sich die Benachteiligung von Frauen an ganz alltäglichen Dingen zeigt. Es ist außerdem eine Geschichte, die Mut macht, sich freizukämpfen, auf eigenen Beinen zu stehen. 

Dass sich die Academy nun entschieden hat, ausgerechnet diese zurückhaltende, unaufgeregte Doku zu ehren, ist ein schönes Signal. 

Eines, das dem echten Leben bei der sonst so glamourösen Verleihung etwas Platz einräumte, zwischen all den maßgeschneiderten Anzügen und dem perfekt einstudierten Red Carpet-Winken. 

Der Kurzfilm-Oscar mag zwar nicht die Kategorie sein, auf die alle Augen gerichtet sind. Aber Veränderungen fangen meistens im Kleinen an. Mit einem Preis für einen Film über ein Frauenthema in einem armen Land. Oder eben mit einer einzelnen Binde.


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