Bild: Getty Images/ Kevork Djansezian

Die Award-Saison in den USA war dieses Jahr der MeToo-Debatte gewidmet: 

  • Bei den Golden Globes symbolisierten schwarze Kleider Einigkeit und Solidarität mit den Opfern von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch. (bento)
  • Bei den Screen Actors Guild Awards präsentierte ein Line-Up von ausschließlich Frauen die diesjährigen Preisträger und legte einen Fokus auf fehlende Gleichberechtigung. (The New York Times)
  • Und bei den Baftas, einer Preisverleihung der British Academy of Film and Television Arts, brachten einige der Besucher nach Aufforderung der "Time's Up"-Initiative Frauenrechts-Aktivistinnen statt ihrer Partner mit. (The Guardian)
Und was wird bei den Oscars passieren, um auf marode Strukturen in der Filmbranche aufmerksam zu machen?

Wenn es nach den Veranstaltern geht, am besten nicht zu viel. Dabei sollte gerade Hollywood – der Ursprungsort von MeToo – klare Zeichen gegen Sexismus und Machtmissbrauch setzen.

Jennifer Todd, eine der Produzentinnen der Academy Awards, sagte: "Wir wollen, dass die Show so unterhaltsam wie möglich wird – respektvoll und ehrwürdig, aber auch lustig und emotional. Die Oscars sollen ein Spektakel werden und eine riesige Werbekampagne für die Filmindustrie." 

Beschwichtigende Worte fand auch Channing Dungey, Präsidentin von "ABC Entertainment", einem amerikanischen Unternehmen für Film- und Fernsehproduktionen, das die Preisverleihung live im Fernsehen begleiten wird. Dungey sagt, sie respektiere "Time’s Up" und möchte auch, dass die Nachricht der Bewegung gehört wird. Aber das solle nicht die Künstler und ihre Filme in den Schatten stellen. 

Außerdem wünsche sie sich, dass nicht jeder Preisträger das Gefühl habe, er oder sie müsste die "Time’s Up"-Bewegung in der Dankesrede erwähnen und anerkennen. (The New York Times)

Sogar Moderator Jimmy Kimmel sagte, bei den Oscars würde es nicht darum gehen, sexuelle Übergriffe aufzudecken, sondern es gehe um Menschen, die schon ihr Leben lang davon träumen, einen Oscar zu gewinnen. (ABC News)

I'm not going to stop any bad behavior with my jokes.
Jimmy Kimmel
Warum wollen die Veranstalter die #MeToo-Debatte bei der Oscar-Verleihung klein halten?

Weil sie befürchten, dass das Thema ihnen die Zuschauer vergrault? ABC und die Oscar-Academy glauben, dass Menschen Award-Shows wegen des Glamours und der Unterhaltung anschauen. Insider der Academy berichteten laut einer Recherche der New York Times von Analysen der letzten Shows, die gezeigt hätten, dass viele Zuschauer den Sender wechseln, sobald die Stars die Plattform für politische Statements nutzen. Die Statistiken würden außerdem zeigen, dass die Zuschauerzahlen für Preisverleihungen in der Filmbranche seit Jahren stetig sinken. 

Die Bemühungen der Veranstalter, die Debatte aus der Show fernzuhalten, scheinen Früchte zu tragen: Aktivisten von "Time's Up" erklärten im selben Artikel, dass sie bei den Oscars nicht wieder dazu auffordern werden, schwarz als Zeichen der Solidarität zu tragen, wie es bei den Golden Globes der Fall war. Auch werden sie die Stars nicht dazu ermutigen, Frauenrechts-Aktivistinnen mitzubringen. 

Dabei täte Hollywood – und speziell die Oscars – gut daran, politischer zu sein. 

Immer wieder ernteten sie etwa Kritik dafür, dass unter den Nominierten so wenig Diversität herrsche: 

Und auch das Fehlen von weiblichen Nominierten viel negativ auf: 

Dass ausgerechnet in der Filmindustrie, der Wiege von MeToo, nun versucht wird, die Diskussion zu mäßigen, ist ein falsches Zeichen. 

Denn diese Debatte ist eine ungemütliche und sie kann nicht in unserer Komfortzone geführt werden. 

Sie adressiert ein Problem, das so allgegenwärtig ist, dass es uns alle etwas angeht. Und sie sollte sich nicht dem Diktat von Zuschauerzahlen und Werbeerträgen beugen. Gerade dort, wo alles angefangen hat, und wo die Probleme immer noch gravierend sind, müssen Zeichen gesetzt werden.

Die Haltung der Academy-Awards spiegelt außerdem nicht die Stimmung in Hollywood wieder. Denn dort wird weiterhin protestiert. Zuletzt platzierte der Straßenkünstler Plastic Jesus sein Oscar-Kunstwerk, die "Casting Couch" auf dem Hollywood Boulevard:

Auf dem Sofa sitzt ein Abbild von Harvey Weinstein, der die Oscar-Statue wie einen Penis vor seinem Körper hält. Es sieht aus, als würde er damit masturbieren. Das Kunstwerk setzt ein Zeichen gegen den gängigen Machtmissbrauch in Hollywood. 

Während viele dachten, die "Casting Couch" gehöre der Vergangenheit an, war sie ganz klar noch ein Teil der Kultur in Hollywood.
Plastic Jesus

Auch das US-amerikanische Magazin "The New Yorker" widmete das Cover seiner letzten Ausgabe den Geschehnissen in Hollywood und der MeToo-Debatte:

Eine Frau sitzt auf einem Sofa, vor ihr ihre Set-Karte, möglicherweise die Eintrittskarte in die Filmbranche, hinter ihr ein Golden-Globe-Award und ein Oscar auf dem Regal. Also alles, was die Schauspielerin zu erreichen hofft. Am Fenster: Ein Mann im Anzug, der die Jalousien herunterlässt. Die Frau verschränkt schützend die Arme vor der Brust, das Gesicht (und die Identität) des Mannes sind nicht sichtbar. Er könnte jeder sein – und sie auch. 

All das zeigt: Diese Debatte ist noch nicht vorbei, das Problem noch nicht gelöst. 

Hollywood und seine Mächtigen täten gut daran, ihre Plattformen und ihre Reichweite weiterhin für Diskussionen zur Verfügung zu stellen und sich selbst daran zu beteiligen. 

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