Bild: Marcel Mettelsiefen

Farah hält für eine Sekunde inne und duckt sich, Angst spiegelt sich in ihren Augen. Dann entspannt sie sich wieder. "Ist nicht explodiert", sagt die Siebenjährige. "Das war eine Rakete", schiebt sie nach, "nein, eine Panzergranate." Farah kann Projektile am Zischgeräusch ihres Anfluges erkennen.

Helen steht für einen Augenblick still, verzieht ihre Gesicht und plumpst dann auf die Eisfläche. "Ich muss echt lachen", sagt die 13-Jährige. "Weil ich die ganze Zeit hinfalle." Helen lernt gerade zum ersten Mal in ihrem Leben Schlittschuhlaufen.

Zwei Welten, doch ein Leben – Farah und Helen sind Schwestern, die aus Syrien nach Deutschland kamen.

Gemeinsam mit ihrer Mutter, einer jüngeren Schwester und einem älteren Bruder sind sie aus Aleppo geflohen. Der Vater gilt als im Krieg verschollen. Eine neue Heimat hat die Familie in Goslar im Harz gefunden. Aleppo war eine der am härtesten umkämpften Städte im syrischen Bürgerkrieg. Goslar ist nur eine von Hunderten deutschen Städten, die Flüchtlingen aus Syrien Unterkünfte bereit stellt.

Die Geschichte der Familie wird in "Watani – My Homeland" erzählt. Die Kurzdoku bringt in einer ergreifenden Erzählung die Fragen unserer Zeit zusammen – vom Syrienkrieg über die Flüchtlingskrise bis hin zu der noch unbeantworteten Frage: "Wir schaffen das – aber wie?"

In Bildern – Davon handelt "Watani":
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Jetzt ist "Watani" für den Oscar als beste Kurzdokumentation nominiert (bento), in der gleichen Kategorie wie die Syriendoku über die "White Helmets" (bento).

Gemeinsam mit "Toni Erdmann" (nominiert als bester fremdsprachiger Spielfilm) ist "Watani" die einzige deutsche Produktion in diesem Jahr – hinter der Kurzdoku steht der Münchner Marcel Mettelsiefen. Marcel hat "Watani" fast im Alleingang gefilmt und produziert. Von Mitte 2013 bis Ende 2015 hat der heute 38-Jährige die Familie von Farah und Helen begleitet.

Dokumentarfilmer Marcel(Bild: Marcel Mettelsiefen)
bento hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen – und was es heißt, plötzlich für einen Oscar nominiert zu sein.

"Das Schöne an der arabischen Welt ist, wie schnell du Nähe aufbauen kannst", sagt Marcel. "Wenn du Respekt und Bescheidenheit mitbringst, geben sich dir gerade noch Fremde vollkommen hin." Genau das sei ihm mit der Familie aus Aleppo passiert.

Marcel hat Syrien 2012 undercover als Fotograf für den SPIEGEL bereist. Damals kämpften bereits seit einem Jahr Rebellen gegen das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Journalisten durften nicht frei berichten.

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

In Aleppo lernte Marcel Abu Ali kennen, einen Kommandanten der Freien Syrischen Armee (FSA). Seine Kinder sind es, die Marcel in "Watani" porträtiert.

Die FSA war in den Anfangsjahren des Krieges ein Verbund von Rebellen, die für mehr Freiheit kämpfen wollten. Heute existiert sie nicht mehr – viele Kämpfer sind tot, oder wurden von islamistischen Milizen wie dem "Islamischen Staat" (IS) angeheuert.

"Abu Ali war aber einer der weltoffensten Menschen, die ich je kennengelernt habe", erinnert sich Marcel. Nicht nur habe der Syrer seinen Kindern muslimische, jüdische und christliche Namen gegeben, er habe auch Marcel erlaubt, mit ihnen zu leben.

Ich wohnte in einem Haushalt voller Frauen und schaute Abu Alis Frau beim Rauchen zu – in konservativen Familien wäre das unmöglich gewesen.
Marcel Mettelsiefen

Für seine erste Begegnung hatte Marcel nur vier Tage Zeit. Andere Journalisten waren gerade von Islamisten entführt worden, es wurde gefährlich. "Aber wenn du merkst, dass du gerade die Menschen kennengelernt hast, von denen du immer geträumt hast, musst du dran bleiben."

Marcel kehrte zurück – und Abu Ali war verschwunden. Freunde hatten ihn an den IS verraten. Die Familie weiß bis heute nicht, ob der Vater noch lebt. Als es immer unsicherer wurde, entschloss sich die Mutter zur Flucht. Die gesamte Familie bekam Anfang 2015 auf legalem Weg Visa für eine Einreise nach Deutschland.

Heute sieht Marcel seinen Film vor allem als einen menschlichen Zugang zu einem politischen Problem. "Die Doku ist vor allem für all die gemacht, die Flüchtlingen kritisch gegenüberstehen", sagt Marcel.

Das ist der Trailer zu "Watani":
"'Watani' ist ein Film über Familie, nicht über Politik."

Hala, die Mutter, wollte ihre Heimat nie verlassen. Sie sei nun zwar körperlich in Deutschland, aber in Gedanken und in ihrer Trauer immer noch in Syrien. Ihre Kinder stellen ihr morgens zwei Tassen Kaffee hin – eine für ihren Mann. Sie selbst streicht weiterhin zärtlich über seine Fotos auf ihrem Handy.

Zugleich ist "Watani" ein Film, der Hoffnung macht. "Es ist erstaunlich, wie schnell sich Kinder anpassen können", sagt Marcel. Helen trug erst Kopftuch, jetzt Lippenstift. Farah hielt Bombengeräusche für die Normalität, jetzt sind für sie Müllabfuhr und Kopfsteinpflaster normal, sagt sie.

Zur Oscar-Verleihung am 26. Februar wird Marcel Hala mitnehmen, sie hat bereits ein gültiges Visum. Die beiden sitzen dann zwischen Dutzenden Hollywood-Stars. Die Kinder werden allerdings nicht dabei sein. Nach Donald Trumps kurzzeitigem "Muslim Ban" war es für sie schwer geworden, eine Einreiseerlaubnis zu erhalten.

Daumen drücken für "Watani" ist klar. Aber wer soll die Oscars in den anderen Kategorien gewinnen?

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