Bild: Jojo Whilden / Netflix

"Seasons pass us by and we think that we've got time, but here we are – at the end", singt eine Frauenstimme, während mir bekannte Gesichter in die Kamera winken, sich umarmen und weinen. Ich sitze auf meinem Bett und weine mit. Ich habe soeben den finalen Abspann meiner Lieblingsserie gesehen. 

"Orange Is The New Black" ist vorbei. Für mich endet damit das Beste an Netflix. 

Seit Ende Juli ist die siebte und letzte Staffel der US-amerikanischen Gefängisserie verfügbar. Das Lied zum Abspann, geschrieben von Danielle Brooks, ist eine Liebeserklärung an die Serie, den Cast und die gemeinsame Zeit. Ein Satz darin trifft mich besonders:

„It’s hard to let you go, I’ll miss you more than you know and I won’t forget how you made me feel.“

"Ich werde dich mehr vermissen als du denkst und ich werde nicht vergessen, was du mich hast fühlen lassen" – das trifft auch auf mein Verhältnis zur Serie zu.

"Orange Is the New Black" ist für mich mehr als nur eine Serie. Ja, sie erzählte Geschichten, die mich berührten, mich zum Lachen und Weinen brachten. Vor allem aber Geschichten, die mich prägten. Die Serie ist divers, bunt und – genau wie die Welt, in der wir leben. "Orange Is the New Black" hat sich vieles getraut – und in meinen Augen alles richtig gemacht. 

Das Ende von "Orange Is The New Black" ist ein großer Verlust für die Vielfalt auf Netflix. 

Im fiktiven Gefängnis Litchfield kamen Frauen aller Hautfarben, Körperformen, Religionen, Kulturen und Sexualitäten zusammen. Manche schminkten sich, doch die meisten sahen einfach so aus, wie sie eben aussehen. Sie schlossen Freundschaften, verliebten sich, hassten sich, verbündeten sich. 

Wenige Serien stellen derart starke, komplexe und authentische Frauenrollen in den Vordergrund. Noch weniger Serien zeigen Queerness als Normalität. 

Queere Beziehungen wurden in der Serie stets "wie alle anderen Liebesgeschichten behandelt", sagt Taylor Schilling, die mich als Piper Chapman sechs Jahre lang begleitet hat. Sie hat recht: Queeren Menschen gab "Orange Is the New Black" das Gefühl, sich nicht nur über die sexuelle Identität und Orientierung definieren zu müssen, sondern einfach sein zu können, wer sie eben sind. 

Wem dies inzwischen normal erscheint, sollte sich daran erinnern, dass die Serie dazu viel beigetragen hat. Als "Orange Is the New Black" im Jahr 2013 als dritte eigene Netflix-Produktion begann, war es in meinem Umfeld bei weitem nicht normal.

Auch die Besetzung hat Standards für andere Produktionen gesetzt. Dass eine Transgenderfigur von einer Schauspielerin dargestellt wurde, die selbst transgender ist, wirkt wie eine logische Casting-Entscheidung. Trotzdem war es revolutionär, denn in der TV-Geschichte wurde die Darstellung von Minderheiten – wenn es sie überhaupt gab – meist von Menschen übernommen, die selbst eher dem Mainstream entsprechen. "Orange is the New Black" hat einen Beitrag geleistet, dies zu ändern.

Verantwortlich für all dies ist Jenji Kohan. Die Regisseurin ist nicht nur bekannt für starke Frauenrollen und diverse Charaktere, sondern auch für ihren scharfen Humor und ihre brutale Ehrlichkeit bei unangenehmen Themen.

Jenji Kohan hat sich nie davor gescheut, harte politische Fragen in den Mittelpunkt von "Orange Is the New Black" zu stellen. 

Zum Beispiel "Black Lives Matter". In der vierten Staffel kommt es nach einem stillen Protest der Häftlinge zu Unruhen: Wärter lösen den Protest auf und reißen einige der Frauen zu Boden. Eine von ihnen ist Poussey Washington. Ihr wird mehrere Minuten lang von einem Wärter die Luft abgedrückt, kurz darauf stirbt sie. Unschuldig. Der Verantwortliche kommt frei, im Gefängnis entwickelt sich ein Aufstand, bei dem einer seiner Kollegen erschossen wird.

Die Ereignisse erinnern nicht von ungefähr an einen Vorfall am 17. Juli 2014 in New York, der einer der Auslöser der "Black Lives Matter"-Proteste war. Nach einer Polizeikontrolle starb dort der schwarze US-Amerikaner Eric Garner. Drei Polizisten warfen ihn zu Boden, einer von ihnen drückte ihm die Luft ab. Im Juli 2019 wurden die Ermittlungen gegen den Polizisten eingestellt. (Spiegel Online)

In der letzten Staffel hätte Jenji Kohan sich darauf beschränken können, einfach nur die Handlungsstränge zu einem zufriedenstellenden Ende zu führen. Stattdessen thematisiert sie weibliche Genitalverstümmelung und die unmenschlichen Zustände in den US-Grenzzentren zu Mexiko

Immer wieder führt sie den Zuschauerinnen und Zuschauern die Brutalität des Systems vor Augen, immer wieder breche ich in Tränen aus. Weil es sich leider nicht um Fiktion handelt, sondern um den grausamen Alltag vieler Menschen.

Achtung: Der nächste Absatz enthält Spoiler aus Staffel 7. Falls du sie noch nicht gesehen hast, kannst du ihn überspringen.

Ich sehe beispielsweise den zurückgekehrten Charakter der Maritza Ramos, die während einer Latino-Party von Beamten festgenommen und in ein Abschiebelager gebracht wird. Für Darstellerin Diane Guerrero ein sensibles Thema: Ihre Eltern und ihr Bruder wurden nach Kolumbien abgeschoben, als sie 14 war. (Los Angeles Times)

Mit Szenen wie dieser hat mich die Serie oft aus dem Netflix-Sofa-Koma in die Realität zurückgeholt. Mir wurde klar: Nur, weil es "weit weg" passiert, sollte es mich nicht weniger interessieren. Dass ich mich für diese Menschen genauso einsetzen sollte wie für die Personen in meiner unmittelbaren Nähe. 

In einem Interview mit der "New York Times" erklärt Regisseurin Jenji Kohan:

„[Die Serie] ist ein Aufruf zum Bewusstsein, ein Aufruf zum Einfühlungsvermögen und ein Aufruf, Ungerechtigkeit zu fühlen und etwas dagegen zu unternehmen.“

Ein hohes Ziel, doch genau das hat "Orange Is the New Black" geschafft. 

Ich hätte 2013 kaum gedacht, dass ich nach dem Schauen einer Serie Geld an den Poussey Washington Fond spenden würde, der ganz real gemeinnützige Organisationen unterstützt. 

But here we are – at the end.


Gerechtigkeit

Ich bin Sexarbeiter – und ihr könnt mir meinen Job nicht verbieten

Es ist eine heiße Julinacht, ich sitze oben ohne auf meinem Balkon und rauche. Es war ein langer Tag im Bordell, ich bin zufrieden und erschöpft von der körperlichen Arbeit. Wer auf dem Bau arbeitet, fühlt sich vielleicht so, wenn er oder sie erfolgreich ein sauberes Fundament gegossen hat. Ich denke an meine fünf Kunden, die respektvoll und großzügig waren.