Bild: imago images / United Archives
Die Filme aus dem Studio Ghibli gibt es ab Februar auf Netflix. Und sie kommen genau richtig.

"Ich zeige euch, wie man einen Gott umbringt", ruft die Anführerin ihren Soldaten aus der Eisenhütte zu, die sich auf den Weg in die Schlacht machen. Um ihre riesigen Öfen für die Produktion von Eisenerz zu beheizen, brauchen die Bewohner der Siedlung Unmengen an Holz. Die Tiere, Geister und Götter des Waldes wehren sich gegen die Zerstörung der Natur. Eine junge, von Wölfen aufgezogene Frau, und ein Krieger müssen sich zusammentun, um eine Katastrophe zu verhindern.

Als ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal den Animationsfilm "Prinzessin Mononoke" sah, war ich tief beeindruckt. 

Ich kannte fast alle Zeichentrickfilme aus den Disney-Studios, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Und ich war und bin nicht alleine damit: Der Regisseur und Produzent des Films – Hayao Miyazaki – ist einer der berühmtesten zeitgenössischen Regisseure Japans.

Ab dem 1. Februar kommen die Filme von Studio Ghibli, in dem Miyazakis Filme erschienen, nach und nach zu Netflix

Das ist nicht selbstverständlich, denn das Animatonsstudio hatte sich lange geweigert, die Filme in Streamingportalen bereitzustellen. (RND)

In den Filmen von Studio Ghibli geht es um Identität, um Freundschaft, Liebe und den Tod. Aber es geht auch um einen besonderen Bezug zur Natur und um die Beziehung der Menschen mit ihrer Umwelt. 

Deshalb könnte es keinen besseren Zeitpunkt geben als jetzt, sich die Filme Miyazakis anzusehen, sie wieder- oder ganz neu zu entdecken. Jetzt, wo Umweltthemen durch die Klimakrise omnipräsent sind; jetzt, wo sich die Generation der Millennials und die Generation Z gegen die Politik auflehnen und junge Frauen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer laut für den Klimaschutz und die Umwelt kämpfen.

Was ist das Studio Ghibli?

Der Animationsfilm "Nausicaä aus dem Tal der Winde" von Hayao Miyazaki aus dem Jahr 1984 war so erfolgreich, dass daraufhin das Animationsstudio Ghibli gegründet wurde, das von den Regisseuren und Produzenten Miyazaki, Isao Takahata und Toshio Suzuki geleitet wurde. Zwei Jahre später entstand der Spielfilm "Das Schloss im Himmel". Das Animationsstudio hat seinen Sitz in Tokio und nutzt bis heute weiterhin klassische Animationstechniken neben der digitalen Produktion am Computer. Zu den bekanntesten Filmen von Studio Ghibli gehört "Chihiros Reise ins Zauberland", der 2003 mit einem Oscar als bester Animationsfilm prämiert wurde.

Diese Themen behandelt auch Miyazakis Filme: Wie gehen wir Menschen mit unserer Umwelt um? Verlieren wir die Achtung für die Natur und damit auch immer mehr den Bezug zu ihr? Oder haben wir ihn schon längst verloren?

Der Film "Ponyo", in dem sich ein Goldfisch in ein kleines Mädchen verwandelt, zeigt die Verschmutzung der Meere und die Auswirkungen der industriellen Schifffahrt. In "Mein Nachbar Totoro" geht es um den Zauber der Natur. Und bei "Nausicaä aus dem Tal der Winde" begeben sich die Zuschauenden in einen tödlichen Wald und erfahren, was die Menschen mit seiner Toxizität zu tun haben.

Die Natur spielt eine zentrale Rolle in Miyazakis Filmen. Dabei zeigt er vor allem ihre Schönheit – in weiten Landschaften, aber auch in kleinen Details. 

Das Animationsstudio nutzt neben der digitalen Bearbeitung noch immer klassische Techniken wie das Abfotografieren von handgezeichneten Folien – und das sieht man (Ghibli World). Tief hängende Wolken und satte, blühende Wiesen, über die ein wandelndes Schloss stakst oder eine Stadt am Meer mit sich sanft wiegenden Segelschiffen. Unzählige Details versetzen einen beim Zusehen sofort in die Geschichte. 

Wer die Zeichentrick-Serie "Heidi"als Kind gesehen hat, kennt diese liebevoll gestalteten Szenerien: die Hintergrundzeichnungen wie die Schweizer Berge und die Altstadt Frankfurts stammen nämlich ebenfalls von Miyazaki. Egal ob Bergpanorama, grüne Felder oder Hafenstädte mit Kopfsteinpflaster: Man sieht, welchen großen Wert seine direkte Umwelt für Miyazaki und seine Filme hat.  

Die Rolle der Natur und Umwelt in Miyazakis Filmen

Geprägt durch die Geschichte seines Heimatlandes Japan und seine eigene Kindheit in der Nachkriegszeit, ist der Konflikt zwischen Mensch und Umwelt ein Thema, das sich durch das gesamte Leben des Regisseurs Hayao Miyazaki zieht.

Schon seit dem 19. Jahrhundert wurde durch die Schwermetallproduktion die Umwelt in Japan immens belastet. Aber auch in der modernen Geschichte Japans spielt der Bezug zur Umwelt eine auffällige Rolle. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Umwelt durch Industrie und ökonomisches Wachstum stark in Mitleidenschaft gezogen. In den Siebzigerjahren ging das Wort "kogai" ("durch die Umweltbelastung bedingt"), in die japanische Umgangssprache ein. (Stadtforschung Aktuell)

Zeichentrickfilme müssen häufig gegen das Vorurteil ankämpfen, nur für Kinder zu sein. Dabei gibt es gerade in Japan Animationsfilme für Menschen jedes Alters. In den Filmwelten von Hayao Miyazaki tauchen zudem Waldgeister oder sprechende Flammen auf. Doch die Vorstellung, dass Dinge einen Geist oder eine Seele besitzen, hat in Japan keineswegs etwas Kindisches. Dort gibt es den Shintoismus. Er gehört zu den animistischen Religionen, die sich dadurch auszeichnen, auch Objekten eine Seele oder einen innewohnenden Geist zuzusprechen. (SPIEGELARD

Die Bezeichnung "Animismus" gibt es auch in der Entwicklungspsychologie. Insbesondere Kinder im Vorschulalter glauben, dass unbelebte Dinge aus ihrer Umwelt, wie Wolken oder eine Puppe, lebendig sein können. Diese animistische Sichtweise wird auch als magisches Denken bezeichnet. (Stangl)

Vielleicht faszinieren mich die Filme des Studio Ghibli deshalb so, weil sie in mir ein kindliches, animistisches Denken ansprechen und tatsächlich beinahe magisch wirken. 

Auch damit bin ich offenbar nicht alleine: John Lasseter, Regisseur und Drehbuchautor bei Pixar, erzählte, dass, wann auch immer seinem Team die Ideen ausgingen, er eine Szene aus einem Film Miyazakis abspielte. Neben "Toy Story" wurde so beispielsweise auch der Pixar-Film "Oben" von Studio Ghibli beeinflusst (MTV). Gerade das kann sie auch für Filmliebhaberinnen und -liebhaber westlicher Produktionen so spannend machen.

Wenn in den Filmen ein mürrischer Flussgeist in ein Badehaus kommt und dort vom Müll der Menschen befreit wird oder ein Katzenbus durch die Nacht fliegt, bin ich als erwachsene Zuschauerin überrascht. Das Kind in mir nimmt das alles aber als ganz natürlich hin – weil es wie selbstverständlich passiert.

Miyazakis Animationsfilme schaffen Bewusstsein gegenüber Umweltthemen, vermitteln Ehrfurcht vor der Natur und betrachten das Verhältnis der Menschen mit ihrer Umwelt, ohne dabei zu belehren.

Im Gegensatz zum politischen Diskurs, den "Fridays for Future"-Demos oder Fotos von Plastik in den Meeren, vermitteln die Filme vorrangig keine bedrückenden Gefühle wie Klimaangst oder Flugscham. Sie lassen einen nicht in Panik verfallen. Stattdessen öffnen sie ungezwungen den Blick für das, was uns wichtig sein sollte. Das funktioniert so gut, weil wir die Natur und unsere Umwelt durch die Filme vor allem mit den Augen eines Kindes sehen. Und damit auch die Bedrohung sowie unsere Pflicht zur Bewahrung der Umwelt aus einer anderen Perspektive betrachten können – einer, bei der die Motivation nicht die Angst vor der Katastrophe ist, sondern die ganz natürlich aus dem Respekt und der Achtung vor der Umwelt entsteht. Miyazakis Filme erinnern mich daran, warum wir diese Umwelt schützen und für eine lebenswerte Zukunft eintreten müssen. 

Könnte man sein Bewusstsein dafür schöner schärfen als mit einem Film, der zeigt, wie wundervoll die Welt ist – und dass am Ende alles gut wird?


Gerechtigkeit

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Ich kenne mein Kind am besten und weiß, wie ich mit ihm umgehen will.

Eltern, das war lange Zeit vor allem: Mütter. Der Vater ging das Geld ranholen. Zum Glück ändern sich Zeiten. Viele junge Eltern teilen sich gemeinsam ihre Verantwortung fürs Kind.