Bild: Netflix
Wird "Marseille" das europäische "House of Cards"?

Zur Einstimmung gibts ein Näschen. Bürgermeister Robert Taro (Gérard Depardieu) schnupft das Koks, den schweren Körper gesenkt, in einem in kaltes Blau getauchten Kabuff direkt aus einem handlichen Röhrchen. Dann tritt er aus dem kleinen Raum auf die Ehrentribüne des brodelnden Fußballstadions Vélodrome in Marseille; der Körper richtet sich auf, der Blick weitet sich, die Sonne lacht vom Himmel. Seit 20 Jahren gilt: Das ist Taros Stadt! Aber wie lange noch?

Die Eingangssequenz von "Marseille" gibt denn auch gleich die Richtung der achtteiligen Thriller-Serie vor: Die Hinterzimmerperspektive wird ins Panorama geweitet und führt ins Leben und Sterben der Stadt; in die Luxusquader mit Meerblick, die Sozialbausiedlungen mit beschränktem Hoffnungshorizont, auf die aufgebrezelten Promenaden und muffelnden Fischmärkte.

"Marseille" ist die erste in Frankreich produzierte Serie von Netflix. Das Setting wurde vom US-Fernsehanbieter smart gewählt, Marseille ist ein guter Ort für ein solches Macht- und Elendspanorama, hier gibt es Arm und Reich, altes französisches Geld und Multikultischattenwirtschaft, und alles liegt dicht beieinander. Die Gettos befinden sich zum Beispiel nicht wie im Fall Paris außerhalb der Stadt, sondern in ihr drin. Vom Austernrestaurant zum Plattenbau ist es nur ein kurzer Vespa-Ritt.

Das passiert in "Marseille":
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Hier wie dort bislang sehr beliebt: Depardieus Zwei-Zentner-Zampano Taro, der Fischweiber liebkost und seine Nase, zumindest anfänglich, in Kokain und Dekoltees gleichermaßen vergräbt.

Der Bürgermeister, logo, schaut Netflix

Doch der französische Schauspieler, was für ein Comeback nach so vielen Ausfällen, liefert mehr als eine große Oh-là-là-Show auf Autopilot. Nach und nach tritt hinter dem von Drogen, Geltungssucht und Fleischeslust lädierten Politiker eine vielschichtige Person hervor.

Das Kokain nimmt der Bürgermeister zum Beispiel nur, um die Schmerzen eines Unfallleidens zu lindern, seine Libido lässt er nicht in fremden Betten, sondern bei lustvollen Reden im Stadtrat Marseilles von der Leine. Und in seiner Freizeit schaut er offensichtlich gerne neue Serien. Auf seinem Handydisplay, kleiner Schleichwerbegag in eigener Sache, ist jedenfalls einmal kurz das Netflix-Logo zu sehen.

Taro liebt seine Stadt. Und er liebt die Macht. Und manchmal ist die eine Liebe eben nicht von der anderen zu trennen. Gerade verkündete er im Parlament, Marseille zur "Hauptstadt Südeuropas" machen zu wollen. Ein gigantisches Casino am Hafen soll den Plan vorantreiben. Wer seine Frau in so ein elegantes Etablissement ausführt, so die Rechnung, kauft ihr vorher auch noch teuren Schmuck bei einem der vielen Juweliere in der Stadt. Die Steuereinnahmen wären enorm, zumal man durch die Eröffnung eines Casinos auch das illegale, dezentrale und von der Mafia kontrollierte Glücksspiel unter Kontrolle bringen könnte.

Das Kino-Marseille der Siebziger- und Achtzigerjahre, das man aus "French Connection" und etlichen Jean-Paul-Belmondo-Action-Filmen kennt, ist in der Netflix-Serie trotz kleiner unvermeidlicher Referenzen passé. Die zwielichtige Hafengegend, die damals für Drogenübergaben und Verfolgungsjagden herhalten musste, ist längst gewienert, beleuchtet und in der Hand von Stadtentwicklern und Investoren. Vor den Elendsquartieren steht eine mediterrane Hochglanzfassade, für die Autor Dan Franck und Regisseur Florent Emilio-Siri eine jeden Hedge-Fonds-Manager begeisternde, effektvoll geschnittene Luxusoptik finden.

Auch Du, mein Sohn Lucas?

So erinnert "Marseille" in vielerlei Hinsicht an die italienische Mafia-Serie "Gomorrha", in der sich die alten Dons den neuen globalen finanziellen Herausforderungen stellen müssen. Derart detailgenau wie in "Gomorrha" werden die Geld- und Machtströme zwar nicht nachgezeichnet, aber auch in der Netflix-Produktion wird deutlich: Die Macht hat, wer Docks und Hafenbrachen in Dienstleistungs- und Wohnparadiese umgestaltet. Wer die Stadt baulich in der Hand hat. Immobilien sind das neue Kokain.

Vielleicht wirkt der melancholisch koksende Taro deshalb so sympathisch gestrig. Den modernen Part übernimmt hier Taros junger, dynamischer und offensichtlich drogenfreier Gegenspieler Lucas Barres (Benoît Magimel), der politische Ziehson, der sich in der zentralen Casino-Frage aus dem Hinterhalt gegen den Alten stellt und dabei auch nicht vor dem Schulterschluss mit der Mafia zurückschreckt.

Auch du, mein Sohn Lucas? Doch trotz des shakespearschen Vatermords und des über acht Teile ausgebreiteten Komplotts und Gegenkomplotts ist "Marseille" allen Spekulationen der letzten Monate zum Trotz kein französisches "House of Cards" geworden. Lucas Barrot fehlt das ausgeruhte Kalkül eines Frank Underwood, das ja immer reiner Selbstzweck ist und von den Autoren nicht durchpsychologisiert und auch kaum sexualisiert wird.

Der "Marseille"-Schurke ist hingegen ein Getriebener der eigenen Geschichte, der durch Selbstverleugnung gelernt hat, immer genau jene Gestalt anzunehmen, die sein Gegenüber in ihm sehen will. Meist sind diese Manipulationen erotisch aufgeladen. Einmal nähert sich Barrot unter der Dusche eines Schwimmbads einem schwulen Chefredakteur, einer Parlamentarierin entlockt er regelmäßig beim Geschlechtsverkehr wichtige Informationen. Brisantes gegen Coitus.

Und so muss Barrot, dem zwischenzeitlich bei all dem Intrigieren und Kopulieren die Puste ausgeht, in einer Szene der Kollegin das ausgesucht geschmackvolle Mieder vom Leib streifen, um sie oral zum Höhepunkt bringen. Kleine Pointe in dem vielleicht vor allem für US-Amerikaner sehr französisch anmutenden Stellungskrieg um die Macht in Marseille.

"Marseille" ist seit Donnerstag bei Netflix verfügbar.

Die Besprechung ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Art

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