Bild: dpa/ Chris Melzer
Spoiler: Es liegt nicht in erster Linie an Netflix.

Eine weitere Studie hat bestätigt, was wir sowieso schon alle wissen: Deine "House of Cards"-Sucht macht dich depressiv.

Forscher an der University of Toledo haben herausgefunden, dass Nutzer, die täglich zwischen zwei und fünf Stunden kontinuierlich Serien oder Filme bei Anbietern wie Netflix, Hulu oder Amazon Video konsumieren, tendenziell stärker unter Stress, Angstzuständen und Depressionen leiden. Das Team hinter der Studie spielt die Ergebnisse keineswegs herunter: Sie bezeichnen Binge-Watching als ein wachsendes Gesundheitsrisiko, das in Angriff genommen werden muss.

Nicht die Tatsache, dass man Netflix suchtet, ist das Problem. Das Problem ist, dass man es alleine tut.

Binge-Watching und Depressionen werden oft miteinander in Verbindung gebracht. Trotzdem beweist das nicht, dass Netflix – wie vom Team der University of Toledo dargestellt – eine gesellschaftliche Bedrohung ist. Das Problem bei diesen Fragen und deren Präsentation in der Öffentlichkeit: Korrelation hat nicht gleich Kausalität zur Folge. Nur weil Netflix-Nutzer viel Zeit damit verbringen, Frank Underwood dabei zuzuschauen, wie er sich an die Macht intrigiert, heißt das nicht, dass sie das traurig macht.

Das größere Problem bei solchen Depressions-Studien ist, dass sie an das Thema von vornherein falsch herangehen: Nicht die Tatsache, dass man Netflix suchtet, ist das Problem. Das Problem ist, dass man es alleine tut.

Die Forschung hat schon vor langer Zeit bewiesen, dass unsoziales Verhalten, genauso wie zu viel Zeit allein vermehrt zu Gefühlen wie Unglück oder Melancholie führen. In einem Artikel für das Magazin "Slate" aus dem Jahr 2013 hat Jessica Olien geschrieben, dass Isolation "uns umbringt". Sie schreibt weiter: "Einsamkeit ist ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko. Studien über ältere Menschen und soziale Isolation haben herausgefunden, dass bei denjenigen ohne ausreichend soziale Interaktion das Risiko, verfrüht zu sterben doppelt so hoch war. Dies kann mit dem Sterberisiko verglichen werden, das durch Rauchen verursacht wird. Außerdem ist Einsamkeit ungefähr doppelt so gefährlich wie Fettleibigkeit."

Eine Studie der University of Buffalo und der Mount Sinai School of Medicine aus dem Jahr 2012 bestätigte das: Von anderen Menschen über einen längeren Zeitraum abgeschottet zu sein, schadet unserem seelisches Wohlergehen. Die Forscher hinter dem Experiment haben Mäuse untersucht, die über einen Zeitraum von acht Wochen in Isolation gehalten wurden; das Ziel war es, die Mäuse in eine depressive Passivität zu zwingen. Obwohl Mäuse typischerweise soziale Tiere sind, verweigerten diejenigen, die schließlich aus der Isolation entlassen wurden, den Kontakt zu den anderen Nagetieren.

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Erfahrung von Einsamkeit die Myelin-Produktion im Hirn drosselt, einem Protein, das wie eine Art Schutzschicht für die Nervenzellen im Gehirn wirkt. Was hat das jetzt alles mit Depressionen zu tun? Eines der gängigsten Symptome von Multipler Sklerose sind Depressionen – und Multiple Sklerose wiederum steht in Zusammenhang mit einem Mangel an Myelin im Nervengewebe.

Das Alleinsein hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Hirnfunktion.

Obwohl das nicht bedeutet, dass Isolation zu MS führt, zeigt es dennoch: Das Alleinsein hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Hirnfunktion. Dies ist ein Phänomen, das unsere Mütter womöglich gut verstehen. Vor vier Jahren hat eine Gallup-Umfrage unter Hausfrauen gezeigt, dass Mütter, die sich zu Hause um den Haushalt kümmern, eine 64 Prozent höhere Depressionsrate aufweisen als arbeitende Mütter.

Sharon Lerner von "Slate" argumentierte, der Grund dafür sei die fehlende Anerkennung in der amerikanischen Gesellschaft für den schwierigen Job als Mutter. "Es fällt nicht schwer zu erkennen, warum man sich nicht wertgeschätzt, verärgert und, naja, depressiv fühlt, wenn einem der Status nicht anerkannt wird, der mit einer Beschäftigung einhergeht," schrieb sie. "Menschen leben von Anerkennung. Unser Glück hängt davon ab, ob wir uns wertgeschätzt fühlen."

Aber Mutter zu sein, ist harte und oft auch eine isolierende Arbeit – eine Arbeit, die einen außerdem von Arbeitskollegen fernhält. Wenn man den ganzen Tag in einem Büro arbeitet, das man mit Menschen teilt, die ähnliche Verantwortungen haben wie man selbst, dann ist man Teil einer Gemeinschaft. Aber wenn man auf Kinder aufpasst, ist es wahrscheinlich, dass man über mehrere Stunden der einzige Erwachsene ist. Niemand ist da, bei dem man sich beschweren oder mal Dampf ablassen kann. Man hat weniger Unterstützer den Tag über, die einem dabei helfen, die Gefühle von Entfremdung und Angst zu lindern.

Wenn Mütter sich mit einem hohen Risiko, depressiv zu werden konfrontiert sehen, dann geht das anderen Amerikanern ähnlich: In den vergangenen Jahren fangen immer mehr Amerikaner einen Job an, den sie von zu Hause aus machen können. Laut einer jüngsten Gallup-Umfrage arbeiten 37 Prozent der Amerikaner von zu Hause aus – eine Quote, die im vergangenen Jahrzehnt um 23 Prozent gestiegen ist. Forbes etwa sagt voraus, dass dieser Zustand immer mehr zur Normalität werden wird; Büros werden von virtuellen Arbeitsplätzen ersetzt werden. Im digitalen Zeitalter ist Alleinsein die Zukunft der Arbeit.

Vor dieser Realität haben Akademiker seit Beginn des modernen Internetzeitalters gewarnt.

Vor dieser Realität haben Akademiker seit Beginn des modernen Internetzeitalters gewarnt. 1998 fand Robert Kraut von der Carnegie Mellon University heraus, dass der Internetzugang von zu Hause aus die Depressionsrate unter Nutzern gesteigert hat. Er nannte es das "Internet Paradox", da die Technologie, die dafür erfunden wurde, um uns einander näher zu bringen, tatsächlich das Gegenteil bewirkte. Mehr als ein Jahrzehnt später haben zahlreiche Studien das gleiche über Facebook herausgefunden – je mehr Zeit man auf der Seite verbringt, desto unglücklicher wird man.

Obwohl die Forscher ihren Fokus darauf legten, dass Technologie das Gefühl von sozialer Isolation bestärkt, sollten wir uns auf den Mangel an Verbundenheit ins konzentrieren, der diese Gefühle überhaupt erst auslöst.

Das ist das viel größere Problem als die Netflix-Sucht: 2009 berichtete Dr. Stephen Ilardi von "Psychology Today", dass 25 Prozent der Amerikaner "überhaupt keine sinnstiftenden sozialen Kontakte haben – nicht eine einzige Person, auf die sie sich verlassen können". Diese Zahl steigt dramatisch an, wenn man mit einkalkuliert, dass etwa die Hälfte der Menschen Rat oder Unterstützung bei der Familie einholt. Im Grunde bedeutet das, dass die Hälfte aller Amerikaner keine echten Freunde hat.

Wenn man sich also fragt, warum so viele Netflix-Nutzer stundenlang depressiv vor dem Bildschirm sitzen, dann könnte das daran liegen, dass sie nirgendwo anders hingehen können.

Nico Lang ist ein Meryl-Streep-Enthusiast, Kritiker und Essayist. Er schreibt für "Salon", "Rolling Stone" und "The Guardian". Er ist außerdem der Autor von "The Young People Who Traverse Dimensions" und Co-Autor von der "bestsellingBOYSanthology"-Serie. Er twittert unter @Nico_Lang.

Dieser Beitrag von Nicol Lang ist zuerst auf The Daily Dot erschienen. Übersetzung: Carolina Torres


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