Bild: Netflix
Bei der neuen Netflix-Serie verloben sich Singles rasant.

Seien wir ehrlich: Schon immer war nicht nur der Charakter bei der Partnerwahl ausschlaggebend, sondern auch das Aussehen. Doch seit es Datingapps wie Tinder gibt, ist das Aussortieren nach Äußerlichkeiten einfacher denn je. Ist er mindestens 1,80 Meter? Macht er Yoga? Ist er blond? Wenn nein: weg damit und weitersuchen.

Die neue Reality-Serie "Liebe macht blind" auf Netflix will das Gegenmodell zu dieser Schnelllebigkeit sein. 15 Männer und Frauen sollen die Liebe ihres Lebens finden, ohne sich dabei ins Gesicht zu blicken – mit dem Ziel, am Ende des Experiments zu heiraten. 

Und selbst, wenn man bei Dating-Shows schon einiges gesehen hat: Diese Show bewegt auf irritierende Weise.

Spoiler-Warnstufe rot

Wir haben dich gewarnt. Hier verraten wir alles. Wenn du die Serie oder den Film noch nicht gesehen hast und das noch vor hast, betrittst du diese Seite auf eigene Gefahr.

Liebesbekundungen nach fünf Tagen

Das Setting kommt dabei relativ klassisch daher. Eine Hand voll Singles, ein kalt lächelndes Moderatorenpaar und eine stylische Wohnung. Das Besondere an dieser: Die "Pods", kleine Wohnzimmer, getrennt von einer undurchsichtigen Glaswand. In denen sitzen sich die Kandidatinnen und Kandidaten in wechselnden Konstellationen gegenüber, können sich hören, aber nicht sehen. In langen Gesprächen tauschen sie sich über Werte, Ziele und Kleinkram aus. Ablenken kann man sich nicht, bei Social Media nach Bikini-Fotos stalken auch nicht – Smartphones sind in den zwei Wochen Liebesknast nämlich verboten. Die Teilnehmenden laufen allerdings ohnehin kaum Gefahr, eine böse optische Überraschung zu erleben: Denn alle von ihnen sind durchschnittlich bis überdurchschnittlich attraktiv und vor allem top trainiert und gestylt.

(Bild: Netflix)

Bei den Teilnehmenden führt das Dating-Bootcamp dazu, dass sehr schnell sehr starke Gefühle aufkommen. Lauren und Cameron zum Beispiel verloben sich noch in der ersten Folge, währenddessen schluchzen sie "Ich liebe dich, ich liebe dich". Und sie sind nicht die einzigen: Auch einigen anderen kommt das L-Wort überraschend schnell über die Lippen, manchmal gleich für mehrere Personen. Die Liebesgeständnisse der Paare aus den anderen Pods hören sich an, als hätten sie schon einiges durchgestanden, den Tod des geliebten Hundes oder zumindest die erste gemeinsame Wohnung. Doch nichts davon ist passiert. Stattdessen nur durch eine Wand geflüsterte Gespräche und ganz viele Showhormone. 

Liegt es an mir – oder ihnen?

Natürlich trägt die Intensität der Gefühle zum Unterhaltungswert der Sendung bei. Wenn alles nur im Vagen bleiben und den Kandidatinnen die Sache doch zu abgefahren würde, wäre "Liebe macht blind" furchtbar langweilig. Dennoch ist die Geschwindigkeit, in der Menschen, die grundsätzlich authentisch und nicht grundsätzlich unsympathisch wirken, von Liebe sprechen und einen potenziell lebenslangen Bund eingehen, furchteinflößend.

Im Alltag vergehen oft Monate, manchmal Jahre, bis Paare sich trauen, von Liebe zu sprechen. Und jeder, der sich vor dem Ablauf eines Jahres verlobt, kann mindestens mit hochgezogenen Augenbrauen rechnen. Wenn er sich überhaupt selbst für diesen Schritt entscheiden mag – schließlich weiß man um die Scheidungsrate, und überhaupt, Monogamie ist ja ein völlig veraltetes Konzept.

In der Netflix-Romanze hingegen gehen die Verliebten von null auf hundert. Nach Ablauf der ersten, der "blinden" Phase sind sich tatsächlich ganze sechs Paare sicher: Das ist der Partner fürs Leben. 

(Bild: Netflix)

Nicht einen Tag zusammen verbracht

Dabei ist das Aussehen des anderen nicht das Einzige, was die Kandidaten zu diesem Zeitpunkt nicht kennen. All die Dinge, die den Alltag eines Paares mitbestimmen – Freunde, Angewohnheiten, Eigenheiten – können nicht in die Waagschale gelegt werden. Im Alltag sind es die meisten Menschen auf Partnersuche hingegen gewohnt, genau das zu tun: Abzuwägen, potenziellen Partnern eine mentale Pro-und-Contra-Liste auszustellen, Alternativen zu checken und sich erst, wenn man ganz sicher ist, festzulegen.

Man kann "Liebe macht blind" deshalb nicht schauen, ohne sich die Frage zu stellen: An wem liegt es, dass mich diese schonungslose Bereitschaft zur Selbstaufgabe in der Zweierbeziehung so irritiert – an mir oder an denen?

Die Kandidatinnen für verrückt zu erklären, ist dabei einfach. Menschen, die im Reality-TV auftreten, stehen schließlich ohnehin unter diesem Generalverdacht. Doch vielleicht offenbart die Show auch einfach nur, wie einsam manche Menschen sind. Wie sehr sie sich den einen Partner wünschen, wie sehr sie sich wünschen, nicht mehr rechts und links schauen zu müssen. Und dass all die vermeintlichen Optionen am Ende eine Menge einsamer Menschen zurücklassen, die eigentlich mit einer einzigen Option zufrieden wären.

Liebe muss nicht gleich blind machen, aber...

Natürlich kann man statt Tinder nicht jeden in die "Liebe macht blind"-Pods sperren. Aber trotz all des Wahnsinns zeigt die Serie auch, was vielen Dates oder später Partnerschaften tatsächlich fehlt: ehrlicher und echter Austausch.

Nachdem sie sich ihre Liebe gestanden haben, sagt Lauren zu Cameron: "Ich habe Angst, aber ich vertraue dir." Sie lässt sich auf ihn ein – auch wenn sie sich fürchtet. Ihre Beziehung scheint in diesem Augenblick tatsächlich rein, völlig frei von den Eindrücken von außen, unabhängig von der Meinung anderer Menschen. Sie vertrauen einem Menschen, der sich nur aus dessen eigenen Erzählungen zusammensetzt. Sie glauben daran, dass ihr Austausch ehrlich und offen ist. Und dass das mit dem Äußeren schon hinhauen wird.

Das mag riskant klingen. Doch Vertrauen in den Partner und vor allem in die Beziehung ist gerade ihr wichtigstens Fundament. Vor allem, wenn man sich immer wieder auf Instagram vergleichen und auf Tinder jemand noch Attraktiveres erswipen kann. Das Vertrauen liegt auch darin, dass der andere gut für einen ist – egal ob er klein, unsportlich oder braunhaarig ist.


Gerechtigkeit

Rassistisches AfD-Malbuch: "Satire" als Rekrutierungsstrategie
Der Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung, eine Expertin hält das Berufen auf Satire für eine "durchschaubare Strategie".

Menschen mit Knochen im krausen Haar bedrängen Frauen im Schwimmbad. Männer mit Turban und vollverschleierte Frauen schweben säbelschwingend auf fliegenden Teppichen um den Kölner Dom. Frauen mit Kopftuch stehen in einer großen Gruppe versammelt, umgeben von Massen an Kindern. 

All das sind Darstellungen aus dem Buch "Nordrhein-Westfalen zum Ausmalen", das die AfD-Fraktion aus dem Landtag in NRW herausgegeben hat. Das Malbuch lag auf einem von der Fraktion veranstalteten Bürgerdialog am Montag in Krefeld aus. 

Die Zeichnungen, die mit "Roberto Obscuro" signiert sind, sind voller rassistischer Klischees. Bei der Polizei ist eine Anzeige eingegangen, der Staatsschutz ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung. 

AfD-interne Kritk: "Widerlich"

Über den Fall wurde bundesweit berichtet, jetzt gibt es auch Kritik aus der AfD selbst. Burkhard Schröder, Sprecher der AfD Krefeld, bezeichnet das Malbuch als "vollkommen geschmacklos". Er selbst habe bei dem Bürgerdialog am Montag ein Grußwort gesprochen, sagte er bento, nach eigenen Angaben jedoch erst am nächsten Tag erfahren, was in den ausgelegten Malbüchern abgebildet ist. 

Er hätte "niemals zugelassen, dass die Bücher bei der Veranstaltung ausgelegt werden", wenn er den Inhalt gekannt hätte. Der AfD-Fraktion habe er deutlich gemacht, dass er über die Aktion verärgert sei. Besonders "die Darstellung der Schwarzen mit Knochen im Haar" finde er "widerlich". Als rassistisch will er das Buch jedoch nicht bezeichnen.

NRW-AfD spricht von "Satire für Erwachsene" - und rudert zurück

Die nordrhein-westfälische AfD antwortet nicht auf Nachfragen, sondern schickt eine Pressemitteilung. Die Kritik an ihrem Malbuch sei ein "absurder Angriff auf die Satirefreiheit". Das Buch sei von einigen "Linksextremisten der Antifa" entdeckt worden, die darin einen "angeblichen Skandal" sehen wollten. Es seien keine Schwarzen mit Knochen im Haar abgebildet, sondern "Mitteleuropäerinnen mit Badekappen".

Es handle sich bei dem Buch um einen "Kunstband mit satirischen Skizzen zur Lage des Landes", das an ein "Malbuch für Erwachsene" angelehnt sei. 

Das Malbuch, das bento in digitaler Form vorliegt, soll sich also an Erwachsene richten? Im darin enthaltenen Grußwort der Fraktion klingt das anders. "Liebe Leser, liebe Freunde, liebe Kinder", heißt es da. Ein Bild sage manchmal mehr als tausend Worte und erreiche Betrachter aller Altersstufen und Bevölkerungsschichten. Das Ausmalen ermögliche "spielerische Formen der Aneignung politischer Themen". 

Der Fraktionsvorsitzende Markus Wagner tönt: "Wenn Antifa-Extremisten die Kunstfreiheit angreifen, kann es nur eine Antwort geben: Wir erhöhen die Auflage!"

Nur einen Tag später rudert die Fraktion in einer weiteren Pressemitteilung zurück. Nach genauerer Überprüfung habe man festgestellt, dass einige Skizzen im Malbuch "so definitiv nicht in Ordnung" seien. Dass die Malbücher in dieser angeblich nicht freigegebenen Version auslagen, sei ein "organisatorischer Fehler" gewesen. Der Fraktionsvorsitzende Wagner will nun nicht mehr die Auflage erhöhen, sondern bezeichnet seine Einschätzung vom Vortag als "Fehler".

Humor zur Rekrutierung für rechte Bewegungen

Die ursprünglich gewählte Taktik der AfD ist nicht neu: Das Berufen auf Satire sei eine durchschaubare Strategie der AfD, um sich weniger angreifbar zu machen, sagt Katharina Kleinen-von Königslöw. Die Kommunikationswissenschaftlerin ist Professorin an der Uni Hamburg und Expertin für politische Satire. "Rechte Bewegungen nutzen Satire und politischen Humor, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben und ihre Ideen massentauglicher zu machen." Humor werde, vor allem in sozialen Medien, gezielt eingesetzt, um Nachwuchs für rechte Bewegungen zu rekrutieren. Die Strategie sei vor allem in den USA verbreitet, werde jedoch zunehmend auch von der Neuen Rechten in Deutschland genutzt. 

Die Assoziation einiger Nutzer in sozialen Medien, die sich von den Abbildungen an antisemitische Karikaturen aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnert fühlen, kann Katharina nachvollziehen. "Die Art, wie die dargestellten Personen enthumanisiert werden, ähnelt sich durchaus," sagt sie. 

Sie traut es der AfD auch zu, das Buch entgegen ihrer Behauptung explizit für Kinder entwickelt zu haben. In der Bewertung sei das ein wichtiger Unterschied: "Im Gegensatz zu Erwachsenen können Kinder nicht einordnen, was sie da sehen. Sie sind beeinflussbarer." 

"Das muss öffentlich werden, Leute müssen sich mit mir aufregen"

Gesehen haben das Malbuch Jonas Stickelbroeck und Fritz Heyer. Beide sind 20 Jahre alt und seit kurzem Mitglieder der Grünen Jugend Krefeld. 

Im Gespräch mit bento berichten sie, dass sie zunächst auf einer Demonstration gegen den von der AfD veranstalteten Bürgerdialog gewesen seien. Danach hätten sie sich entschlossen, sich auf AfD-Veranstaltung umzusehen und dort einige Info-Materialien – darunter das Malbuch – mitgenommen.