Bild: Netflix
Der Netflix-Film zeigt vier Quereinsteigerinnen im US-Wahlkampf - aber nur eine von ihnen setzt sich gegen das Establishment durch.

Die erste Szene in "Knock Down the House" ist gleich eine der bezeichnendsten der Doku, die vier Politik-Quereinsteigerinnen im Wahlkampf begleitet: Die Demokratin Amy Vilela sitzt bei einer Diskussionsveranstaltung neben anderen -etablierten - Kandidaten ihrer Partei, als die Moderatorin in die Runde fragt, wer von ihnen Gelder von Unternehmens-Lobbygruppen ablehne. Vilela meldet sich als einzige der Kandidaten – aus dem Publikum gibt es dafür Jubelrufe. Doch bei den Vorwahlen in Nevada, bei denen sie wenig später antritt, scheitert die Außenseiter-Kandidatin dennoch: Für sie stimmen nur knapp über 3000 Menschen, rund neun Prozent der Stimmen gehen an sie. Sie ist raus, das Establishment siegt. 

Filmemacherin Rachel Lears stellt uns in "Knock Down the House" (Deutscher Titel: "Frischer Wind im Kongress") vier Kandidatinnen vor, die als Politik-Quereinsteigerinnen das alte Establishment herausfordern wollten. Wäre eine davon nicht Alexandria Ocasio-Cortez gewesen, die anschließend auch in den Kongress gewählt wurde, "Knock Down the House" wäre eine Doku über einen aussichtslosen Kampf geworden – und die Ausstrahlungsrechte wären mit Sicherheit nicht für zehn Millionen Dollar an Netflix gegangen. 

So ist es auch nicht verwunderlich, dass nun Alexandria Ocasio-Cortez – kurz AOC – klar im Mittelpunkt des Netflix-Dokumentarfilms steht. Gegen jede Wahrscheinlichkeit bezwang sie bei der parteiinternen Vorwahl in ihrem Wahldistrikt den alteingesessenen Abgeordneten Joe Crowley, einen der bis dahin mächtigsten Demokraten im US-Kongress.

Vom Gegner unterschätzt

In ihrem Distrikt in den New Yorker Stadtteilen Bronx und Queens war AOC die erste Gegenkandidatin seit 14 Jahren. Die Demokraten haben ihn fest in der Hand: Wer die Vorwahl gewinnt, gewinnt später in der Regel auch den Distrikt.

In "Knock Down the House" erzählt AOC, wie der etablierte Crowley diesen Distrikt kontrolliert habe. Und sie wirft ihm vor, dass er auch die Demokratie unterdrückt hätte: Weil er alle Wahlrichter ernannt habe, habe sie für ihre Zulassung zur Wahl mehr Unterschriften sammeln müssen als eigentlich nötig – jede kleinste Unstimmigkeit in der Liste sei als ungültig gewertet worden.

Crowley machte aber offensichtlich den Fehler, dass er AOC nicht richtig ernst nahm. 

Das wird in der Doku immer wieder deutlich: Bei einem TV-Duell der beiden greift die Quereinsteigerin AOC den etablierten Crowley von Beginn an scharf an, während dieser in seiner Einleitung noch lobende Worte für seine Konkurrentin findet. Man gewinnt den Eindruck, Crowley empfinde AOC nicht als Gefahr. Bei einer weiteren öffentlichen Debatte drei Tage später erscheint er dann auch gar nicht erst persönlich, sondern lässt sich von einer Stadträtin vertreten. Die hat jedoch unter diesen Voraussetzungen gegen die wortgewandte AOC keine Chance. 

Dazu zeigt der Film Auftritte der Herausforderin im Lokalradio in der Bronx, wo sie über Crowley sagt: "Er wohnt nicht einmal hier. Er wohnt in Virginia, Leute!" AOC dagegen ist in der Bronx geboren und kehrte auch nach dem College dorthin zurück. In ihrem Distrikt leben 70 Prozent People of Color, die meisten davon sind wie sie lateinamerikanischer Abstammung. 

"Jeder in meinem Distrikt hat diesen 'Victoria's Secret'-Katalog meines Gegners bekommen", sagt AOC und spielt darauf an, Crowleys Wahlprogramm gleiche eher einem Hochglanz-Werbeprospekt: Statt Inhalten präsentiere er nur Phrasen. Auf der Rückseite ihres eigenen Flyers sind ihre Forderungen abgedruckt: 100 Prozent erneuerbare Energien, gebührenfreies College, die Polizeibehörde ICE abschaffen. 

Auch dieser linke Populismus ist Teil dessen, was AOC zum Sieg verhalf – die Behörde ICE wurde als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September gegründet und soll die Einwanderungsgesetze der USA durchsetzen und war zuletzt vor allem aufgrund der Trennung von Familien an der Grenze zu Mexiko in der Kritik. Bei den Anhängern von AOC kommen solche Forderungen gut an, sind aber politisch kaum machbar – allein schon aufgrund der Größe der Behörde: rund 20.000 Menschen sind bei ICE beschäftigt. 

Bis auf Alexandria Ocasio-Cortez scheiterten alle

Doch was bei all den mitreißenden Szenen mit AOC schnell in Vergessenheit gerät, sind die drei anderen Geschichten, die in "Knock Down the House" lediglich angerissen und teilweise gar nicht zu Ende erzählt werden. 

Und so bleibt am Ende vor allem die Szene hängen, in der AOC mit ungläubigem Blick auf den Monitor zum ersten Mal sieht, dass sie die Wahl gegen ihren Konkurrenten gewonnen hat. Dass sie das Establishment besiegt hat. 

Es war kein einfacher Kampf – aber vielleicht hat ihn AOC für künftige Quereinsteiger ein bisschen leichter gemacht.


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