Die letzte Folge vor der Sommerpause im Speed-Check

Jan Böhmermann verabschiedete sich mit seinem "Neo Magazin Royale" in die Sommerpause – und hatte mit YouTuber Rezo, 26, einen Gast am Start, um den sich die klassischen Talkshows zurzeit wohl prügeln würden. 

Rezo, der Zerstörer der CDU und SPD. Der YouTuber, nachdem bereits ein Wahl-Effekt benannt wurde. Haben die Grünen auch ihm und seinem millionenfach angeschauten 55-Minuten-Video ihren deutschen Wahlerfolg bei der Europawahl zu verdanken? Gerade unter uns jungen Wählerinnen und Wählern? Jedenfalls war die Erwartungshaltung groß, als am Mittwoch bekannt wurde, wer da bei Jan Böhmermann auf dem Sessel Platz nimmt.

Doch zerstört wurde in dieser Ausgabe "Neo Magazin Royale" lediglich die Homöopathie – mit kleinen Videoschnipseln und einem Gospel-Song. Das Rezo-Interview blieb der unvollendete Placebo-Effekt der Sendung: große Wirkung erhofft, aber nichts passierte.

Das "Neo Magazin Royale" mit Rezo im Speed-Check:

Die größte Zerstörung:

20 Minuten lang knöpft sich Böhmermann Hersteller homöopathische Mittel, Verbände, Krankenkassen und die Wirkungslosigkeit der angeblichen Medikamente vor. Das machte er wie schon häufiger in John-Oliver-Manier: ein schneller Zusammenschnitt aus den Medienberichten der vergangenen Wochen, Schnipseln aus Werbevideos und Aufzeichnungen von Fachtagungen. Gegen Ende schluckte Böhmermann dann noch eine Hand voll weißer Kügelchen. Nichts geschah.

Obwohl: Böhmermann fing an zu singen. Mit Gospel-Chor und Rapper trällerte er den Homöopathie-Song. Chartverdächtig war das nicht, aber hoffentlich wird er wenigstens den Anhängern der Pseudomedizin als Ohrwurm im Gedächtnis bleiben: "Homöopathie ist Quatsch…"

Erster gelungener Gag im Rezo-Interview:

Der folgte gleich zur Begrüßung: Böhmermann erklärte, er habe sich die Anmoderation lange überlegt. "Hey Rezo, du alter Zerstörer", sagte er in Anspielung auf Philipp Amthors nie erschienenes Antwort-Video, von dem der CDU-Politiker nur den ersten Satz verraten hatte.

Der Opa-Moment:

Böhmermann hieß Rezo im "richtigen Fernsehen" willkommen. 

Die Lehrstunde für Politikerinnen und Politiker:

Rezo (dEr jA gAr NiChT sToTtErt!!) erklärte, dass es ihm für die "paar guten Leute" in Union und SPD extrem leid tue. Anschließend wandelte er sich zum Politik-Berater und erklärte, was Politikerinnen und Politiker jetzt verändern müssten. Wenig überraschend:

  • Fehler einsehen und "sich einfach mal entschuldigen"
  • "Weniger scheiße bauen"
  • "Menschlicher und klarer werden in der Sprache"

Dann verriet er, dass er vor dem Anti-CDU-Video bereits einen Deal "safe in der Hand" hatte. Ihm sei aber bewusst gewesen, dass er ihn danach nicht mehr habe. Dem war dann auch so. "Ging nicht um viel Geld?", fragte Böhmermann. "Doch", antwortete Rezo.

Okay, die Einnahmen sind weg. Aber mit höherer Reichweite und Popularität lassen sich bestimmt neue Vertragspartner finden.

Der versöhnlichste Moment:

Vor wenigen Tagen hatte der CDU-Politiker Roderich Kieswetter ein Video weiterverbreitet, in dem behauptet wurde, Rezo wäre nur eine Marionette und für sein Video bezahlt worden. Kiesewetter entschuldigte sich, für seinen Tweet erhielt er 12.000 Likes. Rezo antwortete: "Schwamm drüber".

Die Bauchbinde der Woche:

Auf Platz 1: "Das ist der YouTuber, den ich meinte, Opa". Dicht gefolgt von: "Greta Thunberg des Internets". Besser lässt sich Rezo wohl nicht beschreiben.

Die kleinste Zerstörung:

Böhmermann verabschiedet sich in die Sommerpause und fragt Rezo, ob er auch eine Pause mache. Rezos Antwort: "Bin ich Beamter, oder was?"

Fazit: Das Zerstörungslevel

55/100. Die Homöopathie war für Böhmermann einfach kein ebenbürtiger Gegner und wird wohl trotz seiner Abrechnung nicht den gleichen Vertrauensverlust erleiden müssen wie die CDU in den vergangenen Wochen. Trotzdem eine solide vorgetragene Zerstörung und anschließend ein lockerer Talk mit Rezo auf Augenhöhe.


Streaming

Wie realistisch ist "How to Sell Drugs Online (Fast)"?
Wir haben mit jungen Menschen darüber gesprochen.

Eine Serie, die gerade beweist, dass deutsche Produktionen nicht immer so staubig aussehen müssen wie der "Tatort", läuft gerade bei Netflix. In "How to Sell Drugs Online (Fast)" will der nerdige 17-jährige Moritz seine Exfreundin Lisa zurückgewinnen. Die hat nach einem Auslandsjahr allerdings Ecstasy für sich entdeckt. Also bastelt Moritz zusammen mit seinem Kumpel Lenny einen Online-Shop für synthetische Drogen.

Die Serie ist spannend, es macht Spaß sie anzugucken. Aber "How to Sell Drugs Online (Fast)" vermittelt ein fragwürdiges Bild vom Drogenkonsum unserer Generation.

Inspiriert wurde die sechsteilige Staffel von der wahren Geschichte des Leipzigers Maximilian S. alias "Shiny Flakes", der aus seinem Kinderzimmer heraus einen millionenschweren Onlinehandel mit Drogen aufzog. Rund zwei Jahre lang verkaufte der damals 20-Jährige mehr als 900 Kilogramm Rauschmittel über das Internet – bis er 2015 aufflog und zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. (SPIEGEL ONLINE)

Was die Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" vermittelt: Drogen sind eigentlich ganz nett – und so richtig viele Nachteile gibt es nicht. Selbst "Bubba" (Bjarne Mädel), der vollkommen fertige Dealer, wirkt in seiner Rolle eher wie eine bemitleidenswerte Witzfigur. Nur einmal landet eine der Schülerinnen aufgrund einer Überdosis im Krankenhaus. Aber selbst diese Szene wirkt nicht schlimmer als der Tag nach einer Blinddarm-OP. Klar, denn nicht die Drogen selbst waren an diesem Zusammenbruch Schuld, sondern die Überdosis. Gefährlich wird es in der Serie nur, wenn man das Wohnzimmer nicht schnell genug aufgeräumt hat, bevor die Eltern wieder nach Hause kommen. 

Dass es nach dem Konsum von Ecstasy zu Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Angstzuständen und Depressionen kommen kann, wird in der Serie kaum thematisiert. Ganz zu schweigen von den unangenehmen Nebenwirkungen, die sich bei regelmäßigem Konsum einstellen: Mundtrockenheit, Übelkeit und Verspannungen der Kiefermuskeln. Später kann es zu Schäden an Leber und Nieren sowie Herz- oder Hirn kommen. (Sueddeutsche.de)

Wer in "How to Sell Drugs Online (Fast)" Stoff braucht, fragt einfach mal den Pumper im Sport-LK. Wer was verkaufen möchte, hängt sich an die Nerds im Mathe-LK. Alles kein Problem. Solange man sich an ein paar Regeln hält, wird auf Drogen alles nur noch besser. Und am nächsten Morgen hat man lediglich ein zerknautschtes Gesicht. Wir haben uns gefragt: Ist unsere Generation wirklich so kaputt und naiv, dass wir Pillen schlucken wie Kopfschmerztabletten? Ohne über die Folgen nachzudenken?

Wir haben mit drei jungen Menschen darüber gesprochen, wie realistisch die Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" ist.