Bild: ZDF/Ben Knabe
Er schuf die Sendung unserer Generation: einen Spagat von 1990 bis 2019, vollgestopft mit Politik und Popkultur.

In einer meiner ersten Erinnerungen an Jan Böhmermann sitzt der Moderator an der Seite von Gina-Lisa Lohfink auf zwei Pferdeattrappen und reitet zur Musik von "Bibi und Tina" vor einer Leinwand. "Janni und Gina" nennen sich die beiden, Gina-Lisa kann kaum aufhören zu lachen.

Es ist ein Gag aus der ersten Folge "Neo Magazin", damals im Oktober 2013 noch ohne das "Royale". Die Szene ist so albern wie authentisch. Und der Kern dessen, was ich an Jan Böhmermann immer gemocht habe: Der Intellektuelle aus den Zehnerjahren veräppelt ganz befreit mit einer TV-Trash-Größe aus den Nullerjahren unsere Kindheitserinnerungen aus den Neunzigern. 

Jan Böhmermann schuf mit dem "Neo Magazin" die Sendung unserer Generation: einen Spagat von 1990 bis 2019, vollgestopft mit Politik und Popkultur. 

Nun ist nach sechs Jahren und 42 Tagen Schluss. Am Donnerstagabend lief die 167. Ausgabe vom "Neo Magazin Royale" auf ZDFneo. (SPIEGEL) Böhmi geht jetzt in die Sendepause, ab Oktober 2020 startet er mit einer komplett neuen Show dort, wo er immer hin wollte: im ZDF-Hauptprogramm. Wie die aussehen wird, ist noch unklar.

32 Jahre alt war Jan Böhmermann als er anfing – aber gefühlt doch erst Anfang 20. Irgendwie merkte man ihm an, dass die Studentenpartys noch nicht lange her waren. Dass er noch mitreden konnte. Er hörte die Rapper, von denen man selbst gerade erst erfuhr und hatte die Apps schon wieder gelöscht, die man selbst gerade erst installiert hatte. Die lustige Blaulicht-Meldung, aus den Web.de-News, hatte er schon wieder in einen Metagag verwandelt.

Meine Kommilitonen und ich haben die Sendung damals jeden Donnerstagabend angeschaut – und uns am Freitag über die Gags ausgetauscht. Wir haben Photoshop-Philipp geliebt und William Cohn gehuldigt. Wir haben selbst "Captain Obvious"-Witze gemacht und die "Bastel Brothers" gefeiert.

Das "Neo Magazin" war in Zeiten von Netflix und Amazon Prime einer der letzten linearen TV-Anker für Millennials, neben dem "Tatort" und "Joko und Klaas" vielleicht. Pflichtprogramm, bei dem man rechtzeitig mitreden musste. Und dabei im Gegensatz zu Trash-TV und "Tatort" kein guilty pleasure, sondern ein pretty pleasure. Fürs Einschalten musste man sich nicht schämen oder rechtfertigen, man konnte damit angeben.

Dann ging irgendwas verloren: Ich weiß nicht, ob ich älter wurde. Oder ob Böhmermann einfach nicht mitalterte. Aber wir haben uns auseinandergelebt. 

Das "Neo Magazin" blieb wie es war. Das war gut und schlecht zugleich: Die immergleichen Witze über das Saarland oder Sachsen, die immer wieder tollen, aber doch so austauschbaren Revue-Nummern, die nur noch bemühte "Prism is a Dancer"-Fremdschämerei. Aber Jan Böhmermann selbst veränderte sich. Er wurde erfolgreicher, bekannter, landete nach seinem Erdogan-Stunt sogar auf dem SPIEGEL-Titel. Irgendwann wirkte er nur noch wie ein moralisch erhobener Zeigefinger im Anzug.

Böhmermann wirkte auf mich nun nicht mehr wie der authentische Junge, der mit Gina-Lisa auf Stoffpferden herumreitet. Er wirkte abgehoben. 

Ich hingegen wollte mich nicht mehr einfach nur von seinen Gags berieseln lassen, sondern wieder einen Kracher. Eine diplomatische Krise rund um ein "Ziegenficker"-Gedicht auslösen? Das reichte mir nicht mehr. Ich wollte einen deutschen John Oliver sehen. 

Stattdessen salbaderte Jan Böhmermann nun in der letzten Staffel "Neo Magazin Royale" über Wochen hinweg einen sehr, sehr unlustigen SPD-Gag herbei und wurde, nun ja, irrelefant. 

Für seine letzte Sendung hatte ich mir nun noch mal das ganz große Ding gewünscht: Ist Andi Scheuer nur eine Böhmi-Marrionette? Hat das "Neo Magazin Royale"-Team das AfD-Spendenkonto gehackt? Oder wenigstens eine Praktikantin in unsere bento-Redaktion eingeschmuggelt?

Nein, nichts von allem. Stattdessen würdigte Jan Böhmermann in der allerletzten Folge vor allem sein Team. Im Einspieler läuft, krabbelt, klettert er in einer einzigen Einstellung durch das gesamte Studio, man bekommt eine Ahnung, wie viele Menschen am Erfolg der Sendung mitwirkten. Dann wird Figuren seiner Sendung in Songs und Revuenummern gedacht. Es ging endlich mal nicht mehr nur um ihn, sondern ums Team.

Vielleicht war das jetzt wirklich ein Abschied. Vielleicht wird es aber auch ein Neuanfang. Auf jeden Fall wirkte der Böhmerjunge erstmals tatsächlich wie: ein Böhmermann.


Gerechtigkeit

"Vor dem Klimastreik war mein Leben langweilig": Was ein Jahr FFF für Demonstrierende bedeutet
Wir haben Schülerinnen und Schüler wieder getroffen und gefragt, ob sie noch dabei sind.

Vor knapp einem Jahr standen sie zusammen, froren und riefen Parolen, die inzwischen jeder kennt: "Wir sind hier, wir sind laut..." Politiker warfen ihnen damals vor, die Schule zu schwänzen. Heute macht das niemand mehr. "Fridays for Future" hat in den vergangenen zwölf Monaten Hunderttausende Menschen auf die Straßen gebracht. Im November wurde das Klimaschutzgesetz verabschiedet. Und am Mittwoch wurde Greta Thunberg vom Time-Magazin schließlich zur "Person des Jahres" gekürt.

Knapp ein Jahr später sind viele Demonstrierende von den Ergebnissen dennoch enttäuscht. Einige "Fridays for Future"- Ortsgruppen kündigten an, diese Form des Straßenprotestes zunächst nicht weiter fortzuführen. Das soll aber nicht das Ende des Klimaprotestes sein, es soll neue Aktionen geben, schreibt beispielsweise "Fridays for Future" Berlin: