Wir haben Kolumbianer gefragt: Was stört euch an "Narcos"?

"Narcos" war im vergangenen Jahr eine der meistgefeierten Serien überhaupt auf Netflix. Gute Recherche, tolle schauspielerische Leistungen und ein Spannungsbogen, der den Zuschauer nach jeder Episode mit der Lust nach mehr zurücklässt. Im August soll deswegen nun eine zweite Staffel über den Drogenboss Pablo Escobar starten.

Doch auf Facebook hat nach der Veröffentlichung von "Narcos" schnell dieses Bild die Runde gemacht. Mehr als 3000-Mal wurde es geteilt, hauptsächlich von jungen Kolumbianern.

*I needed to take a moment to address this trend* Yes, Pablo Escobar is part of our History. No, he does not define...

Posted by Camila Quintero on Thursday, 5 November 2015
Wir haben Kolumbianer gefragt: Was stört euch so sehr an "Narcos"?
Camila, 25, studiert Psychologie in Miami

Ich studiere in Miami, komme aber ursprünglich aus Medellín. Als Kolumbianerin, die im Ausland lebt, habe ich viel dafür gekämpft, dass die Menschen mich als die Person sehen, die ich bin: stark, herzlich, optimistisch. Doch Serien wie "Narcos" lassen das leider nicht zu.

Ich will unsere Vergangenheit nicht verschleiern, auf keinen Fall. Ich will mich nur langsam von ihr lösen. Die Zeiten der großen Drogen-Kartelle in Medellín oder sonst wo sind vorbei. Escobar ist 1993 gestorben. Seitdem ist viel in Kolumbien passiert. Wir sind als Nation zusammengewachsen. Und trotzdem sieht die Welt nur eins in uns: Pablo Escobar.

In der Fotostrecke: Wofür steht Kolumbien?
Und die Landschaft erst:
1/12
Paula, 22, studiert internationale Beziehungen in Berlin

Ich bin Austauschstudentin in Deutschland und habe schon mit vielen Deutschen und Menschen aus anderen Ländern zusammengearbeitet. Das erste, was ich meist gesagt bekomme, ist: "Ah, du kommst aus Kolumbien – also nimmst du viele Drogen, nicht wahr?" Das ist einfach geschmacklos.

Aber daran merkt man, was Serien wie "Narcos" auslösen: Sie pflanzen die dunkle Vergangenheit Kolumbiens in die Köpfe der Menschen. Dabei hat sich seither so viel verändert. Ich will, dass man uns für unseren Kaffee kennt, für unser tolles Fußballteam, für die kolumbianische Literatur.

Laura, 23, Bauingenieurin aus Medellín

Ich habe "Narcos" nicht gesehen und ich werde mir die Serie auch nicht anschauen. Ich habe lange überlegt, ob ich es tun soll. Aber für mich ist es eine grundsätzliche Sache: Egal wie diese große Tragödie aufgearbeitet ist, es wird nicht funktionieren.

Gerade wenn es Nicht-Kolumbianer sind, die ihre Sicht auf das Geschehene präsentieren. Wie können sie annehmen, dass sie den Drogenkrieg in meinem Heimatland auch nur ansatzweise verstehen? Die Angst und die Unsicherheit, die das ganze Land sogar bis in meine Generation gespürt hat.

Auch wenn Escobar schon tot war, als ich geboren wurde: Nach so einem erfolgreichen Drogenimperium gibt es Nachahmer, andere Menschen, die Kartelle aufbauen und unser friedliches Leben stören.

Andrés, 25, Beamter aus Barranquilla

Netflix hat aus der gewaltvollen und traurigen Geschichte Kolumbiens ein Unterhaltungsprodukt gemacht. Gleichzeitig glaube ich aber, dass das Publikum, das "Narcos" schaut, nicht unbedingt an den geschichtlichen Aspekten interessiert ist. Die Leute wollen eine aufregende, actiongeladene Serie sehen, über die sie sich mit anderen Menschen unterhalten können.

Diejenigen, die wirklich etwas über Kolumbiens Geschichte wissen wollen, schauen dann eher Dokumentationen. Deswegen weiß ich nicht so recht, was ich von "Narcos" halten soll. Auf der einen Seite ist es in Ordnung, dass sich Menschen ohne weiter darüber nachzudenken unterhalten lassen wollen. Jedoch bin ich als Kolumbianer so direkt davon betroffen, dass es mich ärgert zum Objekt dieser Unterhaltung gemacht zu werden.

Santiago, 25, Unternehmer aus Barranquilla

Filmisch betrachtet ist "Narcos" eine super Sendung. Ich habe sie mir gerne angesehen. Wichtig ist für mich vor allem, dass man sich dabei immer bewusst macht, dass das, was "Narcos" zeigt, die Vergangenheit ist. Wenn ich Menschen aus anderen Ländern kennenlerne, dann finden sie es meist total cool, dass ich aus dem Land von Pablo Escobar komme. Es ist aber nicht cool. Im Gegenteil.

Für mich ist das die größte Kritik an der Serie. Diese große und beeindruckende Produktion aus Amerika macht "Narcos" und damit Pablo Escobar zu einem Hype, den er nicht verdient. Ich will nicht, dass die Leute Escobar cool finden.

Cristian, 26, Journalist aus Bogotá

Ich mag es nicht, dass bei "Narcos" wieder dieser Stereotyp unterstützt wird. Ein weiteres Mal wird Kolumbien ausschließlich mit Drogen in Verbindung gebracht.

Ich fühle mich, als wären wir in dieser Vergangenheit gefangen.

Aber das Problem ist auch, dass viele ältere Menschen genau diesen Content hier sehen wollen. Ich erinnere mich, dass es vor einigen Jahren eine Abstimmung für eine neue Soap gab, bei der die Menschen entscheiden sollten, was sie sehen wollen. Und sie haben sich tatsächlich für das Leben der Paramilitär, Escobar und anderer böser Menschen entschieden.

Natalia, 20, studiert Jura in Cali

Escobar kam ursprünglich aus Medellín. Die Menschen von dort haben einen ganz bestimmten Akzent, den wir "paisa" nennen. Sogar reine Kolumbianer haben Probleme, diesen Akzent vernünftig zu imitieren.

Aber wenn man sich "Narcos" anschaut, da merkt man sofort, dass der Schauspieler nicht aus Kolumbien kommt. Wagner Moura ist Brasilianer, Spanisch ist also noch nicht mal seine Muttersprache. Natürlich ist das etwas, das ich als Kolumbianerin stärker bemerke als andere Zuschauer. Aber für mich macht es die Serie unauthentisch.

Moisés, 22, studiert Kommunikationswissenschaften in Barranquilla

Mir reicht es langsam mit der Stigmatisierung von uns Kolumbianern. Ich arbeite ehrenamtlich mit Jugendlichen aus den Vereinigten Staaten und wenn ich sie frage, was sie über Kolumbien wissen, antworten sie natürlich mit dem Drogenhandel und Pablo Escobar.

Ich finde auch, dass es mittlerweile genug ist mit den ganzen Serien über den Drogenhandel in Kolumbien. Es ist beleidigend und nervt mich. Leider geben die Medien Ausländern kaum andere Anhaltspunkte, um sich ein vernünftiges Bild über mein wundervolles Land zu machen.

Mehr Netflix


Sport

Junge aus Trost-Video bekommt Reise nach Portugal geschenkt

Er tröstete einen weinenden Franzosen und Europas Fußballfans feierten ihn dafür. Jetzt will sich Portugal bei dem jungen Fußballfan für die Geste bedanken. Die Tourismusbehörde des Landes lädt ihn zu einer Reise nach Portugal ein. (SPIEGEL ONLINE)