Bild: YouTube
Es zeigt, was passiert, wenn Youtuber mit Klicks von Kids reich – und dann feige werden

Marcel Eris könnte mit seiner Geschichte ein Vorbild sein. Er hat alles, was ein moderner Held braucht: Eine harte Vergangenheit, aus der er sich herausgekämpft hat und einen kometenhaften Aufstieg – bei dem er zum erfolgreichsten Livestreamer Deutschlands wurde.

Über drei Millionen Follower auf Youtube (1,9 Mio.) und auf der Streaming-Plattform Twitch (1,5 Mio) folgen MontanaBlack.

Nun hat er ein Buch über sein Leben geschrieben. Schon vor der Veröffentlichung war es auf Platz eins der Amazon Bestseller Liste, in vielen Buchläden ist es vergriffen. Eine Autogrammstunde in Lübeck besuchten über 3000 Fans.

Ich wollte das Phänomen MontanaBlack verstehen – und habe seine Biografie gelesen.

Im letzten Jahr wurden mir seine Videos immer öfter auf YouTube vorgeschlagen – bis ich draufklickte. Mit meinen 23 Jahren passe ich nicht wirklich in seine Zielgruppe. Er ist 31 – seine Fans sind hauptsächlich Jugendliche, zwischen 12 und 18.

Trotzdem war mir MontanaBlack auf den ersten Blick symphatisch.

"Monte", wie ihn die Kids nennen, wirkt, als versuche er durch den YouTube-Job seine Kindheit zu verlängern. Er ist ungezwungen, spricht Jugendsprache. "Digger" in jedem zweiten Satz. Wen er gut findet, der ist ein "Ehrenbruder". Was er gut findet ist "aktiv", was er nicht gut findet ist "passiv". Das "Monte"-Vokabular ist ein Erkennungszeichen unter seinen Fans.

"Monte" geriet schon oft hart in die Kritik. Auf Twitter und in Streams äußert er sich frauenfeindlich und aggressiv. Er nannte eine Twitter-Userin "Dämliches Weib" (Twitter) und beleidigte sie danach weiter ("Zu Hause bist du die, die ihre Beine breit macht"). Einen Fan, der vor seiner Tür auftauchte (MontanaBlack hat seine Postleitzahl im Gesicht tätowiert) nannte er einen "Hurensohn". (YouTube)

Für MontanaBlack sind das Witze. Seine Anhängerschaft stand ihm immer loyal und treu zur Seite und verteidigt ihn in Kommentaren oder Forum-Beiträgen blind.

MontanaBlack ist nicht nur Gamer.

Die Videos, die mich trotz alldem zeitweise zum "Monte"-Zuschauer gemacht haben, sind Teil seiner Serie "Vom Junkie zum Youtuber" von 2014 (Youtube). MontanaBlack ist damals bereits bekannt. In der Serie spricht er offen über seinen Drogenmissbrauch und den Kampf gegen die Sucht. Parallel dazu flackert ein Ego-Shooter-Gameplay über den Bildschirm – trotzdem hat mich die Geschichte gefesselt.

Ich will wissen: Wer ist Marcel Eris? Ein Gamer, der sein Herz auf der Zunge trägt, oder ein berechnender Typ, der durch Klicks von Kindern reich geworden ist – und sich jetzt vor der Verantwortung drücken möchte?

Also habe ich sein Buch gelesen: "Vom Junkie zum Youtuber".

Ich kaufte mir das 267 Seiten lange Werk in einem großen Hamburger Buchladen. "Das ist doch der Typ aus Buxtehude, oder?", fragte mich die Kassiererin. "Wir haben überlegt hier eine Autogrammstunde zu machen. Aber das lassen wir lieber. Es wären bestimmt um die 7.000 Leute gekommen."

Der erste Teil des Buchs ist spannend: Es geht um Eris als Menschen.

Es ist die Hoffnung, die uns Menschen auch in unseren dunkelsten Stunden am Leben hält.

Mit viel Pathos beginnt der Prolog mit dem Titel "Abstieg". Ich merke schnell, das Buch ist für Teenager geschrieben:  Kurze Sätze, wenig Kommas, viel Lautsprache - eben so, wie "Monte" auch in seinen Videos spricht.

Es geht zunächst nicht um YouTube, sondern Marcel Eris' Leben vor dem Hype. Wie er in Buxtehude zwischen Großeltern, Mutter und Vater aufwächst, mit 12 Jahren das erste Mal Drogen auf dem Schulhof konsumiert und in Supermärkten klaut, Autos knackt und mit seinem Freund Rene in ein Haus einbricht. Mit Anfang 20 ist er selbst ein gebrochener Mensch. Von der Sucht nach Marihuana und Kokain gezeichnet lässt er sich in eine Entzugsklinik einweisen. Marcel berichtet von Weinkrämpfen, Gefühlschaos und Familienzerwürfnissen.

Den Macho lässt er trotzdem raushängen

Den spannenden Passagen stehen sexistische Kommentare über seiner Ex-Freundin gegenüber.

Insgeheim fand sie es wohl ganz sexy, dass ich ihr eine Ansage gemacht hatte.

und

Ich dachte darüber nach, wie ich sie wohl beeindrucken konnte. Also schickte ich ihr ein Schwanzbild von mir.

Eine Einordnung gibt er hier nicht. Reue? Reflektion? Fehlanzeige.

"In meiner Welt war ich einfach nur ein Typ, der sein Ding machte und die Menschen dabei zuschauen ließ", schreibt Eris in seinem Buch.

Dann wird aus Marcel MontanaBlack

Es geht um die Zeit nach Eris' Entzug und seine Karriere als Webvideo-Produzent. 

Skandale wie der Online-Casino-Fall, bei dem MontanaBlack vorgeworfen wurde, Werbung für Glücksspiel zu machen, werden zwar angesprochen, aber gleich wieder relativiert. "Für mich war das alles nur Spaß.", schreibt er über seine Glücksspiel-Streams.

1000 Euro waren auf den ersten Blick vielleicht viel Geld. Aber ich hatte mittlerweile monatliche Einnahmen von mehreren Zehntausend Euro. Das war also für mich nur ein wenig Spielgeld.

2018 wurde dem Youtuber Rassismus vorgeworfen. In einem Livestream benutzte er das Wort "Schlitzauge" und sagte "Ich hasse Regen... und jetzt dreht mal Regen um." Viele YouTuber (z.B. KuchenTV) und Onlineportale (z.B. Übermedien) kritisierten ihn dafür hart. Aber seine Community stand auch in dieser Zeit hinter ihm. Im Buch behauptet Eris, alles sei "nur ein Spruch" gewesen. Die ganze Empörung habe er nicht verstehen können.

In beiden Fällen begibt er sich in die Opferrolle, statt sein Handeln zu reflektieren.

Dabei fragt sich MontanaBlack in der Biografie mehrmals, ob er Verantwortung für seine Zuschauer tragen muss. "Mache ich vielleicht doch einen Fehler?", "Beeinflusse ich meine Zuschauer vielleicht doch unbewusst?". Und:

Wenn da jüngere Zuschauer sind, war das ja nicht meine Schuld. Ich war doch nicht verantwortlich für ihr Leben. Oder doch?

Eris stellt sich diese Fragen - auf die Antworten verzichtet er aber.

Das Buch ist spannend. Auch weil es zeigt, mit wie viel Naivität Youtuber wie MontanaBlack ihrer machtvollen Rolle begegnen und ihren Einfluss unterschätzen. Den Menschen, die sein Leben finanzieren, sollte er mehr Verantwortungsbewusstsein entgegenbringen.

Auf der letzten Seite seiner Biografie fragt sich Eris noch einmal: "Wenn ich jetzt auch anfange, die Verantwortung für meine neue Rolle als MontanaBlack zu übernehmen, vielleicht eröffnen sich mir dann auch wieder neue Perspektiven?". Er nimmt sich vor, es zu versuchen. Leider klingelt in diesem raren Moment der Selbstreflexion sein Handy...

"Ja?"

"Yo, du Penner. Bist du eingeschlafen oder was?"

"Hey, Rene, du Arsch."

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Fühlen

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Der Einkaufsdruck ist groß. Ständig müssen wir etwas verschenken. Wenn nicht gerade Weihnachten ansteht, ist Valentinstag oder Ostern oder jemand hat Geburtstag. Okay, Hochzeiten und Geburten gelten als besondere Ausnahmesituationen. Aber alle anderen Anlässe wiederholen sich jährlich.