Bild: RTL
"Die Wahrheit über Mann und Frau"? Ist den Kleinen egal.

Sich über Mario Barth aufzuregen, ist in etwa, wie im Sommer nach Wespen zu schlagen. Klar, die Viecher nerven, und das Leben wäre schöner ohne sie – aber am Ende kommt man doch nicht gegen sie an, und wenn man gestochen wird, ist der Einzige, der sich ärgert, doch wieder man selbst. 

Deswegen ist meine Strategie in beiden Fällen dieselbe: Ignorieren und hoffen, dass es irgendwann von selbst verschwindet.

Bei der Vorschau für Mario Barths neue RTL-Show "Die Wahrheit über Mann und Frau" habe ich trotzdem kurz einen Schreck bekommen. Denn die schmeißt Barth nicht alleine – sondern gemeinsam mit 100 Kindern. Die sollen Fragen zu Barths Lieblings- und einzigem Thema "Männer und Frauen" beantworten, weil – haha – Kinder und Betrunkene sagen schließlich immer die Wahrheit. Erlesene Studiogäste sollen dann erraten, was die Kinder auf die Fragen geantwortet haben.

Eine wehrlose halbe Grundschule als Vehikel, um Mario Barths sexistischen Bockmist zu zementieren? Klingt furchtbar, klingt wie etwas, wo man lieber das Jugendamt statt den Fernseher einschalten sollte. Klar, dass ich mir das angucken muss.

Die erste Folge "Die Wahrheit über Mann und Frau" steigt dann auch in etwa dort ein, wo man sie erwartet hat: bei ein paar schönen Kack- und Furzwitzen.

Für solche Späße hat sich Mario Barth auch offensichtlich genau die richtige Runde ins Studio eingeladen: Neben ihm, natürlich streng nach Geschlechtern getrennt, sitzen: 

  • Comedian Ingo Appelt, dessen Humor ungefähr genauso schlecht gealtert ist wie seine Frisur, 
  • Sportkommentator Frank Buschmann, der wieder mal beweist, warum er lieber in einer Kabine auf einer Fußballtribüne geblieben wäre, und 
  • Steffen Henssler, der zwar in der gesamten Sendung höchstens drei Sätze sagt, trotzdem als ausreichend großer Sexist zu gelten scheint, um ebenfalls auf dem Sofa sitzen zu dürfen.

Und auf der Frauencouch dann:

  • Sophia Thomalla, Schauspielerin und Instagram-Provokateurin, 
  • Ex-Hausmeister-Krause Janine Kunze 
  • sowie RTL-Moderatorin Angela Finger-Erben. 

Die Aufgabe dieser drei besteht scheinbar vor allem darin, auf die rumpelnde und furzwitzelnde Männercouch mit beständigem Augenrollen zu reagieren.

Damit man stets weiß, welches Sofa gerade im Bild ist, sind die Männer in Schwarz-Blau, die Frauen in Knallrot und Leopardenmuster eingekleidet.

Kennste, kennste, kennste.

(Bild: dpa)

Die Gäste im Studio fügen sich auch ansonsten nahtlos in das Mario-Barth-Weltbild, in dem Männer immer nur auf dem Sofa liegen und Eier kraulen und Frauen immer shoppen und Dinge in kleinen Joghurtbechern einfrieren wollen. "Die Muttis sind ja immer die, die…", "Ein Mann würde ja niemals…", "Frauen denken ja immer, dass…", so beginnt jeder Satz. Alles ganz einfach, man ist sich einig, und man freut sich darüber. 

Fast schon bewundernswert, wie Mario Barth es in dieser Runde immer noch schafft, mit Sprüchen a la "Ich bin gerne ein Mann, Genderwahnsinn nein, danke" doch noch den Preis für den größten verbalen Mist mit nach Hause zu nehmen.

So weit, so ätzend. Doch es gibt genau einen Grund, weshalb man bei der Sendung nicht komplett das Kotzen bekommt. Und das sind die Kinder.

Denn die lassen sich von Mario Barths Gerede und seinen Suggestivfragen beeindruckend wenig beeindrucken. In die Kamera geben sie stattdessen viele gute Antworten, witzige Antworten, schlaue Antworten.

Mario Barth versucht, "in den Pool pinkeln" zu einem urmännlichen Instinkt hochzureden. Die Kinder sagen einfach nur, das sei unhygienisch, und dass sie nicht aus Versehen das Pipi von anderen Leuten schlucken wollen.

Mario Barth fragt, wer ist lustiger, Mama oder Papa? Die Kinder sagen: Mama, weil die ganz viele Witze kennt. Papa, weil der beim Zähneputzen immer schielt. Manche sagen: keiner von beiden. Andere: beide gleich. 

Die Kinder reden dabei von Menschen, nicht von Geschlechtern.

Natürlich gibt es auch den kleinen Jungen, der sagt, Frauen seien "immer hysterisch", weil er das irgendwo (bei seinen Eltern? Oder doch im Fernsehen?) so mitbekommen hat. Oder den, der Männer als "Heulsusen" bezeichnet. Aber in einer Welt, in der Hunderttausende Menschen einen Mario Barth im Fernsehen oder im Olympia-Stadion sehen wollen, kann man wohl nicht damit rechnen, dass ein bisschen was von dessen antiquierter Sicht auf Liebe und Beziehungen nicht auch schon bei den Kleinsten zu finden ist. Und außerdem schauen wir hier gerade immer noch RTL.

Und trotzdem kann man sich freuen über die Mehrheit der Kinder, die einem Mario Barth mit Riesen-Süßigkeiten-Eimer ins feixende Gesicht sagen, dass Männer und Frauen gleich schlau sind, dass Frauen zu zweit aufs Klo gehen, um da Sex zu haben (wieso auch nicht!), und dass Männer und Frauen bei einer Erkältung gleich viel jammern. Kinder, die von ihren Eltern und ihrem Umfeld offenbar die Möglichkeit bekommen, sich abseits plumper Klischees zu entwickeln.

Bleibt zu hoffen, dass sie sich einfach weiterhin ihre eigene Meinung bilden können. Und nach "Die Wahrheit über Mann und Frau" niemals, niemals wieder etwas mit Mario Barth zu tun haben müssen.


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