Bild: dpa / bento-Montage
Lindsay Lohan strauchelt zurück in die Öffentlichkeit.

Es gibt diese Tage, an denen ich im Dunkeln nach Hause komme und vollkommen unzufrieden bin: Die Schlange an der Supermarktkasse war wieder viel zu lang, zum Sport konnte ich mich sowieso nicht aufraffen und kochen wäre jetzt wirklich zu viel verlangt. In solchen Momenten, in denen die Billig-Fertigpizza im Ofen vor sich hin bäckt, gibt mir nur eine Sache Kraft: Lindsay Lohans neue Reality-Show.

Ja, das 32-jährige Sorgenkind Hollywoods ist (mal wieder) zurück: Nach einer knapp fünfjährigen TV-Pause hat sich Lindsay anscheinend endlich von ihrer kontroversen Dokuserie mit Oprah Winfrey erholt und boxt sich nun – mal tapfer lächelnd, mal tapfer weinend – den schweren Weg zurück zur Relevanz. 

Ihr neuester TV-Clou mit dem Titel "Lindsay Lohan's Beach Club" ist zwar alles andere als innovativ, spannend oder gut – trotzdem kann ich nicht aufhören, mit Lindsay zu leiden.

Denn nachdem die Frau, die nach eigener Aussage erst "zehn bis 15 Mal" Kokain konsumiert hat, es bedrohlich oft mit Neuanfängen in den USA versucht hat, setzte sie sich zuletzt ins Ausland ab, um ihre Marke neu aufzubauen. Mit "Marke" meine ich dabei ihr Image als exzessive Partygängerin, das jetzt zu Geld gemacht werden soll. 

Bislang klappt das schon überraschend gut: Nach einem Club in Athen soll die "Lohan-Brand", wie sie ihre wackelige Karriere seit Kurzem beschreibt, um zwei Strand-Clubs erweitert werden. Für den neuesten Standort auf Mykonos sucht Lindsay gemeinsam mit ihrem "Friend and Businesspartner" Panos nun nach vertrauenswürdigen, gutaussehenden und talentierten "VIP-Hosts", die sich um die ganze besonderen Gäste in Lindsays und Panos Beach-Club kümmern.

Allerdings hat die ehemalige "Mean Girls"-Schauspielerin die Rechnung ohne den Sender MTV gemacht, der ihr anstelle von ausgebildetem Fachpersonal eine Reihe von lauten, egozentrischen und alkoholbegeisterten Amerikanerinnen und Amerikanern quer über den Atlantik geschickt hat. Und die dürfen sich jetzt in der Serie ganz ohne Schamgefühl um den Ruf als beste Arbeitskraft streiten. 

(Bild: MTV)

Wie schlimm es um den Personal-Nachwuchs steht, merkt die arme Lindsay auch, als sie unangekündigt mit ihrem Mini-Cooper in die Einfahrt der Gäste-Villa braust, um ihre neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenzulernen. "Ich bin sehr sensibel, habe ein gutes Herz, aber ich möchte auch, dass die Dinge perfekt laufen", macht sie kurz darauf mit gewohnt brüchiger Stimme einer Bewerberin klar, die nur in BH und sichtlich betrunken neben Lindsay Platz nimmt. 

Schon an dieser Stelle tut es mir weh, hinzusehen. 

Denn für Lindsay Lohan scheint die ganze Show wirklich eine emotionale Achterbahn zu sein, schließlich soll Versuch Nr. 312 zurück ins Herz der Popkultur ja auch gelingen. 

Immer mal wieder muss Lindsay mitten im Satz plötzlich abbrechen, um sich eine Träne aus dem Augenwinkel zu streichen, noch bevor diese überhaupt die entsprechende Drüse verlassen hat. "Fuck" sagt sie dann, hinter einem typischen MTV-Bleepton verborgen. "Ich möchte einfach nicht, dass diese Leute meinen Laden ruinieren."

In solchen Momenten will ich sie am liebsten in den Arm nehmen, und sagen, dass ab jetzt alles besser wird: Dass ihr erstes Google-Ergebnis irgendwann nicht mehr eine belanglose Schlagzeile mit den Worten "Lindsay Lohan: So bewahrt sie ihre Gesichtsfarbe" sein wird. Dass sie es vielleicht doch noch irgendwann auf das Cover des "Forbes" Magazins schafft. Denn Lindsay strengt sich ja wirklich, wirklich an.

(Bild: MTV)

"In meinem Club mache ich alles", sagte sie in einem Interview. Damit bezog sie sich ausnahmsweise nicht auf ihren Drogenkonsum. Als Besitzerin packt sie im Beach Club tatsächlich an: Hier und da räumt sie ein Handtuch mit ihren schwachen Händchen beiseite und steht ihren neuen VIP-Betreuern mit Rat und Tat zur Seite. "Ich weiß, dass dieser Job sehr hart ist", erklärt sie der Kandidatin May, die nach eigenen Angaben gerne mit ihren Kunden flirtet und schon in der zweiten Stunde ihres ersten Arbeitstages – relativ grundlos – zu weinen beginnt. "Der Druck ist einfach enorm hoch."

Und mit Druck kennt sich Lindsay Lohan nun einmal gut aus: In den vergangenen 15 Jahren hat sie so ziemlich keine Schlagzeile ausgelassen. Zuletzt stand sie in der Kritik, weil sie in einem Instagram-Livestream versucht hatte, einer syrischen Flüchtlingsfamilie die Kinder wegzunehmen. 

Und während Ablehnung der allgemeine Konsens gegenüber der 32-jährigen ist, komme ich nicht umhin, Mitleid zu haben mit ihren zahlreichen Versuchen, endlich mal wieder die Kurve zu kriegen.

Doch wieso tue ich mir diesen Schmerz, eine erwachsene Frau beim Scheitern zu begleiten, an? Vermutlich ist es ganz einfach: Weil ich mich dadurch besser fühle. Und dazu ist diese Reality-Show doch auch da: Dass Menschen wie ich, schamvoll bekrümelt mit den Resten einer Fertigpizza, uns besser fühlen können. Dass ich nach einem Tag, an dem ich mal wieder meine gesamte Existenz in Frage gestellt habe, sagen kann: Immerhin bin ich nicht Lindsay.

Hier kannst du die gesamte erste Folge von "Lindsay Lohan's Beach House" ansehen: 


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