Jemand hat 2019 endlich richtig verstanden.

Lena Meyer-Landrut tanzt im Sonnenschein durch den Sand. Nein, eigentlich tanzt sie auf einem iPhone-Bildschirm und singt. Plötzlich legt sich ein eingehender Anruf über die tanzende Lena: Die Wahrheit ruft an. "Cancel", "Not Now", abgelehnt. Eine eingehende iMessage ploppt auf – die Angst schreibt zurück: "Good Call". 

Szenen aus Lenas neuem Video zur kürzlich veröffentlichten Single "Don't lie to me". Das Lied ist die zweite Auskopplung ihres im April erscheinenden Album "Only Love, L". Das Besondere: 

Das gesamte Musikvideo gibt es nur noch im Hochkantformat, also Smartphone-optimiert. 

Gedreht von Paul Ripke, der sonst mit Influencerinnen wie Caro Daur shootet oder mit Joko Winterscheidt abhängt. Da wussten Leute, was sie tun – und für wen. 

Es ist alles andere als ein klassisches Musikvideo. Es ist viel eher ein Mitschnitt dessen, was bei vielen 16- bis 26-Jährigen auf dem Smartphone und drumherum stattfindet: nämlich so ziemlich das ganze Leben. Beziehungsprobleme werden über iMessages geklärt, Bestätigung fürs gute Aussehen gibts via Instagram, Ablenkung bei Youtube. Gezeigt wird das Ganze in Hochkant, weil es sowieso niemand am Rechner anschaut. 

Das Video demonstriert: Lena hat wie kaum jemand verstanden, wie das Internet funktioniert – und wie ihre Fans leben. 

Der Text des Liedes handelt von zweien, die nicht ehrlich miteinander waren, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Auf die Nachricht: "Hatte schon Angst, ich war zu offen und direkt heute früh. Gut zu sehen, dass es dir gut geht", will Lena erst antworten: "Ehrlich gesagt fühle ich mich total schlecht", löscht dann das "schlecht" und ersetzt es durch ein "großartig". 

Während sie tippt, ploppen Instagram-Kommentare zu ihrem letzten Selfie auf: "Du siehst so toll aus, "Du bist die beste". Wo in anderen Musikvideos die Kamera auf das Handy in der Hand schwenken würde, um den Dialog zu filmen, wird bei Lena einfach komplett der Handy-Screen zum Video. 

Klar, im Text und auch in dieser Aufmachung steckt bekannte Kritik: Lügen fällt digitaler leichter, weil man niemandem dabei ins Gesicht schauen muss. In Apps wie Instagram verliert man sich leicht, vergleicht sich ständig und macht sich abhängig von Likes und Kommentaren. 

Aber gleichzeitig zeigt Lena damit eben vor allem: Sie weiß, was los ist bei ihren Fans. Sie weiß, dass viele von ihnen einen Großteil ihrer Zeit am Smartphone verbringen – und das so wollen. Deshalb bekommen sie auch das Video genau so serviert, inklusive der Aufforderung, vielleicht weniger krass am Handy zu hängen oder dabei zumindest etwas ehrlicher zu sein. 

Fast neun Jahre, nachdem sie mit "Satellite" den ESC für Deutschland gewann, wirkt die Sängerin in "Don't lie to me" so souverän wie nie. Statt des eingeübten Oberstufen-Englisch, mit dem sie damals ARD-Experten und TV-Total-Zuschauer beeindruckte, singt sie heute lockerer und freier. Ihr Englisch klingt immer noch sehr gut, aber weniger fleißig. Die Schulzeit in Lenas Karriere ist offensichtlich vorbei.

Auch auf die ewigen Gerüchte, sie sei ungesund dünn oder gar magersüchtig, reagiert die 27-Jährige demonstrativ selbstbewusst: 

Als das Video fast vorbei ist, steht sie vom Restaurant-Tisch auf, geht zur Toilette – und erbricht schließlich einen Strahl voll goldenem Feenstaub. 

Es wirkt wie ein letzter Snapchat-Filter. Eigentlich ist es aber ein Kommentar: Hier hat eine Pop-Künstlerin ihre Sprache gefunden. In Hochkant wie in Wirklichkeit.

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Fühlen

Wir haben mit einem Sexroboter-Entwickler über billige Sextoys, C3P0 und das Patriarchat gesprochen
"Unser aktuelles Projekt ist ein Roboter, der stundenlang lecken kann"

Der Sexroboter der Zukunft klingt im ersten Moment eher wie ein Zahnarztinstrument. Der "Nekropneum Fuckenbrust Neckhammer 40k" zischt, saugt und hämmert. Nichts an der Maschine erinnert an die animierten Sexpuppen, die man sonst aus Fernsehdokus kennt. Überall schauen Drähte heraus, der Roboter steht einsam im rot beleuchteten Eck eines Darkrooms.

Genau so soll es sein, sagt Johannes Grenzfurthner. Wichtiger als die Optik sind ihm die Funktionen. Der österreichische Künstler baut mit seiner Gruppe "monochrom" seit etwa 15 Jahren Sexroboter und Maschinen, die neue Lust versprechen. Nebenher bastelt das Kollektiv noch Roboter, die Cocktails mixen.