"Das geht nicht zusammen"

Am Montagabend ging Klaas Heufer-Umlauf zum ersten Mal mit "Late Night Berlin" bei ProSieben auf Sendung. Bjoern Krass hat die Premiere der Show noch nicht gesehen, als ich mit ihm spreche. Trotzdem ist er überzeugt: "Late Night Berlin" hält kein halbes Jahr durch.

Klingt hart? Unfair? Voreingenommen? Krass spricht aus Erfahrung. Er ist nicht nur Journalist, sondern auch Lehrbeauftragter für Medienökonomie. In seiner 20-jährigen Berufslaufbahn hat er für den RBB, die ARD und ProSiebenSat1 Media gearbeitet. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, ob "Late Night Berlin" eine Chance hat:

In den USA ist Late Night eine Institution, seit Jahren laufen mehrere Shows erfolgreich nebeneinander. Warum soll das in Deutschland nicht auch gehen?

Da gibt es erstmal einen ganz entscheidenden Unterschied: Die amerikanischen Late Night Shows trauen sich was. Nehmen wir Jimmy Kimmel, einen der bekanntesten US-Moderatoren: Bei den Oscars hat der sich auf die Bühne gestellt und gesagt, der Oscar sei der perfekter Mann – er behält seine Hände bei sich und hat keinen Penis.

So einen Spruch würde kein Moderator in Deutschland heute bringen. Da ist einfach die Angst vor dem Shitstorm zu groß. Man möchte keine Grenzen überschreiten, nichts Falsches sagen, niemanden verletzten. Das mag ein hehres Ziel sein – es führt aber zu zahnloser Comedy. 

Wenn man nun schon nicht mit Humor punkten kann, dann bräuchte man wenigstens spannende Gäste. In amerikanischen Late Night Shows geben sich die Hollywood-Stars die Klinke in die Hand. Da hast du eine Woche den Cast von "Avengers" in der Sendung und in der nächsten den von "Star Wars".

Wen willst du hier denn einladen, um Leute an einem Montag um 23 Uhr vor den Fernseher zu locken? Anne Will? Na, herzlichen Glückwunsch! Jetzt können also alle Leute, die Anne Will schon sonntags nach dem "Tatort" nicht sehen wollen, sie einen Tag später auch noch auf Pro Sieben sehen! Wenn das mal nicht Must-See TV ist!

Es gab ja aber durchaus erfolgreiche deutsche Late Night Shows. Wie erklärst du zum Beispiel den Erfolg von "TV Total"?

Ganz einfach: Stefan Raab. Der Grund, warum "TV Total" so lange funktioniert hat, war die Marke Stefan Raab. Es gab ja nicht nur "TV Total", es gab auch die Wok-WM, das Turmspringen oder den Bundesvision Song Contest. An Stefan Raab kamst du einfach nicht vorbei. Der hat die Zuschauer immer wieder neu abgeholt und dabei weit über die Grenzen einer einzelnen Fernsehsendung hinaus gedacht. Sowas findet heute nicht mehr statt.

Spinnen wir mal rum: Was müsste man denn tun, um mit einer Late Night Show in Deutschland Erfolg zu haben?

Ich glaube ehrlich gesagt, da kann man gar nicht viel tun. Das "Neo Magazin Royale" zum Beispiel macht ja vieles gut. Aber das Publikum dafür ist und bleibt überschaubar. Sicher: Wenn Jan Böhmermann mal wieder Erdogan beleidigt oder irgendwo einen Fake-Kandidaten einschleust, dann gehen die Quoten auch mal für ein oder zwei Wochen durch die Decke – aber das war's dann auch.

Das Publikum für Late Night ist in Deutschland einfach kein Massenpublikum. Das Volk der Dichter und Denker sind wir schon lange nicht mehr. Viele Menschen wollen sich abends einfach berieseln lassen – aber eine gute Late Night Show zündet nur dann, wenn der Zuschauer bereit ist mitzudenken. Das geht nicht zusammen.

Dann bist du aber nicht mehr Jan Böhmermann, sondern Mario Barth – kennste, kennste, kennste.
Bjoern Krass

Du musst dich also entscheiden: Du machst entweder anspruchsvolles Programm für eine kleine Gruppe, die auch immer mit einem Auge nach Amerika schielt, oder du machst Unterhaltung für die Masse. Dann bist du aber nicht mehr Jan Böhmermann, sondern Mario Barth – kennste, kennste, kennste.

Was kann denn Klaas mit "Late Night Berlin" deiner Meinung nach maximal erreichen?

Eine gute Quote außerhalb einer werberelevanten Höhe, die höchstwahrscheinlich nur durch eine aufwendige Werbekampagne gehalten wird. Da kann sicher mal was Schönes bei rauskommen. Aber das nächste große Ding ist das nicht.


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Late Night Berlin: Böhmermann crasht die erste Sendung von Klaas
"Du planst wochenlang deine eigene Sendung und am Tag darauf reden alle nur über die Werbung"

Die erste Ausgabe Late Night Berlin auf ProSieben — für den Moderator Klaas Heufer-Umlauf und den Sender eine große Sache. Artsy Intro, tolles Studio, Shiny Floor, ein paar Gags am Anfang, ARD-Talkerin Anne Will zu Gast, Musik von Casper.

Und dann, kurz vor Ende der Show, im Werbeblock: Überraschung, ZDF-Oberchefspaßer Jan Böhmermann, der dem Klaas mal eben die Show stiehlt. Mit einer Werbung für eine Autovermietung.