Zwei Frauen am Rande der emotionalen Erschöpfung zeigen dem zeitgenössisch interessierten Publikum das moralische Korsett der Fünfzigerjahre. Carol, der neueste Streifen von Todd Haynes, lebt von stolz ausgeführten Pelzmänteln, teuren Anwesen und heimlich aneinander gepressten Lippen.

Im Zentrum der Erzählung: zwei Verliebte. Carol, gespielt von Cate Blanchett, ist verheiratet und hat eine Tochter. Therese, verkörpert von Rooney Mara, ist wesentlich jünger und arbeitet in einem Spielzeugladen. Es soll der Ort sein, an dem sich die beiden das erste Mal treffen. Die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmt, das Gespräch entwickelt sich unschuldig. Carol bestellt eine Spielzeugeisenbahn und vergisst nach der Zahlung ihre Handschuhe am Verkaufstresen. Kontaktanbahnung ohne Internet.

(Bild: Carol )
Wer hat’s erfunden?

Der US-amerikanische Regisseur Haynes war zuletzt für die HBO Miniserie “Mildred Pierce“ verantwortlich und versucht mit Carol an seinen Erfolg von "Safe" (1995) anzuschließen. Vielleicht liegt es an der deutschen Synchronisation, vielleicht an der für die eigentliche Thematik übertriebenen Weihnachts-Szenerie: Die gewünschte Tiefe bleibt trotz gleichmäßigem Druck auf das Kitsch-Pedal über weite Teile des Films aus.

Der Film basiert auf dem Roman "The Price of Salt“ von Patricia Highsmith. Die in Texas geborene US-amerikanische Schriftstellerin interessierte sich Zeit ihres Lebens nicht nur für die moralischen Fesseln der Gesellschaft, sondern auch für das Innenleben ihrer Protagonistinnen. 1953 veröffentlichte sie - unter einem Pseudonym - die Geschichte einer lesbischen Liebe. Ihre eigene Erfahrung als Verkäuferin in einer Spielzeugabteilung inspirierte sie zu dem Roman. Erst 1984 bekannte sich die Literatin zur Autorschaft, um nicht als Autorin von lesbischen Geschichten abgestempelt zu werden.

Worum geht es?

Während Carol seit Längerem weiß, dass sie sich nicht zu Männern hingezogen fühlt, ist das Thema für die sexuell weniger erfahrene Therese absolut neu. Eigentlich lebt sie doch auch in einer Beziehung mit Richard. "Wollen Sie ihn heiraten?", fragt Carol. Daraufhin merkt Therese an, dass sie ja nicht einmal wisse, was sie zum Essen bestellen solle. Genau diese Unentschlossenheit ist es, die Carol interessant findet.

Der Großteil der gemeinsamen Zeit ist von Ungewissheit geplagt. Wann werden sie sich wiedersehen und wenn, was hat das für Konsequenzen auf Carols bereits laufendes Scheidungsverfahren? Sich zu verlieben war in den Fünfzigerjahren wahrlich nicht die einfachste Angelegenheit - schon gar nicht für Frauen, die Frauen lieben. Heimlichtuerei, gemeinsames Abtauchen in Hotels, geteilte Zigaretten im Auto.

Was gelingt?

Schauspielerisch gegenüber Cate Blanchett zu bestehen, ist die vielleicht größte Herausforderung. Mara meistert sie mit Bravour. Manch einem kommt ihr Gesicht bekannt vor, ganz richtig: 2011 spielte sie Lisbeth Salander in der US-amerikanischen Neuverfilmung von Stieg Larssons erstem Teil der Trilogie: Verblendung.

Carol ist für die 2016 anstehenden Golden Globes in den Kategorien "Best Picture" und "Best Director" nominiert. Sowohl Cate Blanchett als auch Rooney Mara sind für die Rolle der besten Schauspielerinnen im Rennen. Für die deutschen Synchronstimmen können sie nichts. Wer den Film genießen möchte, sollte unbedingt in die englische Originalfassung. Ansonsten führen Sätze wie: "Unser Leben vor uns ausgebreitet, ein immer währender Sonnenaufgang" zu stimmungsabträglicher Schmalz-Overdose.

Woran scheitert es?

Carol überzeugt lediglich bedingt. Natürlich, Blanchett spielt wie gewohnt auf höchstem Niveau und ist die ideale Besetzung für eine gestandene Frau Anfang vierzig. Und auch Mara sieht in den viel zu großen Kleidern genauso verloren wie jemand aus, der noch auf der Suche nach sich selbst ist. Und trotzdem: Zwei Stunden sind viel zu kurz, um all die Gedanken- und Szenensprünge adäquat übermitteln zu können.

Die Anziehung zwischen den beiden Hauptdarstellerinnen ist da, das steht nicht zur Diskussion. Und doch wirken genau jene intimen Szenen einen Tick zu angestrengt. Anders als in "Blau ist eine warme Farbe“ fehlt den Akteurinnen das rechte Maß an Authentizität. Die leisen Annäherungsversuche müssten lauter für sich sprechen, die Impulsivität stärker zum Ausdruck gebracht werden.

Die zwischenmenschliche Komplexität ist etwas, in das Außenstehende nur selten vordringen können. Sie spielt sich zwischen Bettlaken in heimlich gebuchten Hotels und unvorsichtig geleerten Getränken ab, um 2 Uhr morgens, wenn man vor lauter gegenseitigem Anstarren nicht mehr aufhören kann. Weil es nichts Schöneres gibt, als den Körper des anderen.

Carol lebt nicht vom herzzerreißenden Dialog zwischen zwei Menschen, die vielleicht ein gutes Leben miteinander gehabt hätten, sondern von der vorweihnachtlichen Stimmung, die bei falscher Dosierung zum Emotionskoma führen kann. Carol ist ein ganz und gar amerikanisches Kinokunstwerk, das zu recht für seine Szenerie und Dramaturgie gelobt wird.