Es wird, wie in jedem guten Thriller, ein Spiel gegen die Zeit.

Der vorerst letzte Vorhang fiel am 15. März, nach einer Wiederholung des Oscar-Gewinners "Parasite". Seitdem stehen die Ledersessel verwaist im Saal des bei Studentinnen und ausländischen Touristen beliebten Kinos Savoy in Hamburg. In der Coronakrise wird es wirtschaftlich langsam eng für Theaterleiter Gary Rohweder. James Bond hätte hier mit "No Time To Die" – im Savoy nur im englischen Original – gerade für lange Schlangen sorgen sollen. Doch der Start des Blockbusters wurde vorerst in den späten Herbst geschoben. 

Werden Programmkinos die Coronakrise überstehen?

Ob es kleine Programmkinos wie das Savoy dann noch gibt? "Allein die Rückzahlungen der vorbestellten Tickets waren ein riesiger finanzieller und zeitlicher Aufwand", berichtet Theaterleiter Gary. Seither bleiben die Einnahmen aus, Mieten und Gehälter müssen trotzdem gezahlt werden. 

Das Hamburger Kino Savoy, vor der Krise

(Bild: Savoy )

Die Politik sagte frühzeitig Hilfen für geschlossene Betriebe und ihre Mitarbeiter zu (SPIEGEL). Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld helfen vielen Kinos jedoch kaum, da bundesweit fast zwei Drittel ihrer Angestellten geringfügig beschäftigt sind. Für sie werden die Hilfen nicht gezahlt. Wer auf feste Mitarbeiter setzt, muss das Kurzarbeitergeld vorstrecken. So auch im Savoy, das bisher niemanden entlassen wollte.

Wie viel der vom Staat und vom Land Hamburg zugesagten Hilfe kam bisher an? "Noch nichts", sagt Gary. Durch den Antragsstau und die Überlastung der zuständigen Behörden verzögert sich die Zahlung. 

Die Hälfte der deutschen Kinos steht in Gefahr, in den kommenden Wochen Insolvenz anmelden zu müssen, ergab eine Mitgliederumfrage des Hauptverbands deutscher Filmtheater (HDF Kino). Gemeinsam mit der AG Kino, dem Verband der kleineren Programmkinos, hat der HDF schon Ende April einen Katalog mit Vorschlägen vorgelegt, wie trotz Corona schon bald wieder Filme gezeigt werden könnten. Die vorgestellten Ideen reichen von freibleibenden Sitzen bis zu regelmäßigen Desinfektionen und besserer Durchlüftung (SPIEGEL). Doch böte das wirklich einen ausreichenden Schutz? 

Zwei Stunden mit mehreren Dutzend Fremden in einem dunklen Saal, irgendwo hustet jemand, jeder zweite schiebt sich mit der Hand Popcorn ins Gesicht: Kinos klingen momentan wie Christian Drostens Albtraum. Erst Ende Mai, bei der nächsten Telefonkonferenz zwischen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten, soll es einen Zeitplan geben, wann und wie Kinos wieder öffnen könnten. Theaterleiter Gary Rohweder kann das, trotz aller Einbußen, nachvollziehen: "Gesundheit geht vor, das ist klar."

Ein Besucher Dresdner Autokinos mit einer Gasmaske. Seit Anfang März bis Ende April wurden über 120 neue Anträge auf Betrieb von Autokinos eingereicht

(Bild: Sebastian Kahnert / dpa)

Für viele Filme gab es bisher ein Kino-exklusives "Fenster", in dem sie nur im Kino verfügbar sind. Doch auch bei den Filmverleihern laufen die Kosten weiter, weshalb viele jetzt die alten Regeln aufbrechen. Selbst der Oscar soll in diesem Jahr auch an Filme vergeben werden dürfen, die gar nicht im Kino liefen (SPIEGEL). Bisher galt das als Sakrileg. 

Die große Intransparenz

Während einige Filmstarts bloß verschoben werden, erscheinen andere Filme direkt digital. Einige davon, wie "Die Känguru-Chroniken" – die nach einer erfolgreichen Woche im Kino auf Streamingdiensten weiterliefen – sollen mit Teilen der Einnahmen einen Hilfsfonds für strauchelnde Kinos finanzieren. 15 Prozent sollten an die Kinos gehen, wurde zum Digitalrelease Anfang April verkündet. Wie oft der Film gekauft wurde, möchte aber beispielweise Amazon Prime Video auf bento-Anfrage nicht beantworten. Und auch der "X Verleih" gibt keine Auskunft, wie viel Geld nun an wen geflossen ist. 

Nach dem von Corona durchkreuzten Kinostart von "Berlin, Berlin" hat sich Netflix die Ausstrahlungsrechte gesichert, hier bekamen die Kinos nichts. Filmverbände fordern in einem offenen Brief an die Kulturstaatsministerin bereits eine Kinoschutz-Umlage, die die Streaming-Dienste dauerhaft zahlen sollen. 

Am Ende wird der Überlebenskampf der Kinos trotz aller Bemühungen und Versprechungen, wie in jedem guten Thriller, ein Spiel gegen die Zeit: Können sie lange genug durchhalten, bis ein Impfstoff gefunden wird?

Kino-Fans können versuchen, den tödlichen Countdown für ihre Lieblingshäuser zu verlängern. Indem sie Gutscheine kaufen, Crowdfundingkampagnen unterstützen (etwa hier für Hamburgs Kinos bei Startnext) oder Online-Portale wie hilfdeinemkino.de oder kino-on-demand.com nutzen. Bei ersterem gibt es Kinowerbung, bei zweiterem Kinofilme zu sehen. Ein großer Teil der Erlöse geht in beiden Fällen an ein Kino, das Zuschauer selbst wählen dürfen.

Hinter "Hilf deinem Kino" steckt Weischer, Deutschlands größter Vermarkter von Kinowerbung. Geschäftsführer Frank Senger gibt gegenüber bento an, dass das Portal seit dem Start im März 4,5 Millionen bezahlte Werbespots zeigen konnte – und zusätzlich über 40.000 Euro Spenden generierte. "Kino on Demand"-Chef Philipp Hoffmann schweigt über die genauen Nutzungszahlen, freut sich aber über steigende Nachfrage. 

Am Ende liefert all das aber nur einen Bruchteil dessen, was die Kinos brauchen.

Was brauchen die Kinos wirklich?

40 Millionen Gäste weniger hätten die Kinos bei einer dreimonatigen Schließung, 17 Millionen Euro Einnahmen gehen ihnen laut Lobbyverband HDF verloren – jede Woche. Betreiber kleiner Kinos gehen nun an ihre Reserven und stellen Investitionen zurück, die sie eigentlich für den Kampf gegen die großen Ketten und Streaming-Anbieter bräuchten. Das könnte zu einem noch stärkeren Verdrängungswettbewerb führen.

"Wenn ein kleines Kino schließt, dann für immer", sagt Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH), zu bento. Die Programmkinos existierten meist nicht, weil sie so rentabel seien – sondern, weil Menschen mit Herzblut dahinter steckten. Die Stadt Hamburg stellte daher im April mit einem Soforthilfeprogramm 550.000 Euro für Hamburger Traditionskinos bereit.

„Wir glauben an die Kraft des Kinos und arbeiten daran, dass die Kinos die Krise überstehen.“
Helge Albers

The future is now

Bund und Länder stellen der gesamten Kulturszene in den kommenden Monaten Hilfen von bis zu 2 Milliarden Euro in Aussicht. Damit sollen auch neue Projekte gefördert werden, die trotz Corona funktionieren (SZ). Die Einnahmen von Kinos sind bisher aber an den physischen Besuch gebunden. Anders als Musikclubs es gerade mit ihren Partys versuchen, können Kinos ihre Filme bisher nicht ins Netz streamen.

Einer, der das ändern will, ist der Filmproduzent Jan Krüger. Seine Firma "Cinnovation" startete vergangene Woche ihren eigenen, kinonahen Streaming-Dienst: CVOD, kurz für Cinema Video on Demand. Auf cvod.de wird am 10. Mai der erste virtuelle Kinotag stattfinden: Der achtfache Filmpreis-Gewinner "Systemsprenger" wird dann in virtuellen Kinosälen gezeigt, dazu gibt es gestreamte Podiumsdiskussionen mit allen Preisträgerinnen und Preisträgern.

"Das Live-Erlebnis, die Kuratierung der Inhalte und die Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen: All das soll mehr bieten, als nur einen Film aus einem virtuellen Regal auszuleihen", sagt Krüger zu bento. Ein Drittel des Ticketpreises geht an teilnehmende Kinos, die Käuferinnen und Käufer selbst wählen dürfen. Zukünftig könnten Kinos hier auch eigene, exklusive Events im digitalen Raum veranstalten. 

Ein ganz ähnliches Konzept nutzte schon Fynn Kliemann bei der Premiere seiner biografischen Doku "100.000 – Alles, was ich nie wollte". Eigentlich sollte die Party im Savoy stattfinden und der Film dann nur einen einzigen Tag lang in über 200 deutschen Programmkinos gezeigt werden, 107.000 Menschen gaben online an, beim Event teilnehmen zu wollen, "in einer Zielgruppe, die nicht viel ins Kino geht", sagt Ole Hellwig, der Regisseur und Produzent des Films, zu bento. 

Dann kam Corona. Statt des einen Tags im Kino gab es den Film 24 Stunden lang im Netz, Kliemann saß für die Anmoderation allein vor der Kamera im Savoy. 25 Prozent der Gewinne – etwa 200.000 Euro – spenden er und sein Team an die Programmkinos.

YouTuber, Heimwerker, Musiker: Fynn Kliemann bei der Premiere seines Films im Savoy

(Bild: notsold GmbH)

Wie der Überlebenskampf der Kinos ausgeht, wird neben der Politik vor allem von den Zuschauern abhängen. "Der Support unserer Fans und Stammgäste ist gewaltig", berichtet Gary Rohweder. "Aktuell werden besonders viele Gutscheine gekauft. Das hilft enorm." Doch ohne die versprochenen Hilfen und die Rückzahlung des vorgestreckten Kurzarbeitsgeldes werde es nicht gehen. Ein Hoffnungsschimmer sei immerhin, dass Hamburg nun endlich auch die Autokinos zugelassen habe (Stadt Hamburg). Originalversionen internationaler Blockbuster lassen sich schließlich auch entspannt im Auto genießen. 


Uni und Arbeit

Wie sich das Arbeitsleben durch Corona verändert: "Wir sind unwillentlich Teil eines riesigen Experiments"
Wir haben mit jungen Menschen aus Uganda, der Türkei, China, den USA, Schweden und Spanien gesprochen.

Die weltweite Corona-Pandemie wirbelt die Lebens- und Arbeitswelt junger Menschen durcheinander. Studierende wissen nicht mehr, wie sie ihr Studium finanzieren sollen, Berufseinsteiger verzweifeln bei der Jobsuche, die Arbeitsbedingungen in vielen Berufen haben sich verändert: ob plötzliches Homeoffice in der WG oder pausenloses Arbeiten während der Pflegeausbildung. Junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stehen durch befristete Verträge und Probezeit-Regelungen besonders unter Druck – obwohl auch sie sich Sicherheit im Job wünschen (DGB Jugend).