Bild: Fredrik Von Erichsen/dpa
In "Frau Jordan stellt gleich" spielt sie eine Gleichstellungsbeauftragte.

Brüste auf einem Eis-Plakat, sexuelle Belästigung vom Chef, ein aufdringlicher Flirt: Sexismus zieht sich durch alle Bereiche des Alltags. Nun stellt sich Autorin und Schauspielerin Katrin Bauerfeind dem entgegen – zumindest in ihrer neuen Serie. 

In "Frau Jordan stellt gleich" (ab dem 23. September auf Joyn) spielt sie die Gleichstellungsbeauftragte einer Kleinstadt. Das Drehbuch zur Büro-Comedy stammt passenderweise von Stromberg-Autor Ralf Husmann. 

Wir haben mit Katrin Bauerfeind, 37, darüber gesprochen, ob man Feminismus nur durch Humor an die Massen bringen kann.

bento: In deiner neuen Serie spielst du eine Gleichstellungsbeauftragte. Auch privat bezeichnest du dich als Feministin. Viele Menschen tun sich mit diesem Begriff noch immer schwer. Warum, glaubst du, ist das so?

Katrin Bauerfeind:  Bevor wir in die Feminismusdebatte einsteigen, muss ich sagen: Wir haben eine Comedyserie gemacht. Wir sind nicht die Serie zum Feminismus, wir wollten keine Emanzencomedy und wir haben nicht die Witzeseite der EMMA verfilmt. Wir dachten, es ist an der Zeit auch über das Thema zu lachen, was übrigens nicht dasselbe ist, wie sich darüber lustig zu machen.

Und zur Frage: Feminismus bedeutet für mich einfach nur, dass Männer und Frauen dieselben Möglichkeiten haben sollten. Da geht es um Fairness. Deswegen verstehe ich nicht, warum sich viele mit dem Begriff schwertun.

Der Feminismus in der humorlosen Ecke. Wie ist es, wenn du das Thema bei deinen Bühnenprogrammen ansprichst?

Wenn du auf der Bühne stehst und sagst, "Hey Leute, heute geht's um Feminismus", dann wird es kurz sehr leise im Saal. Feminismus ist ein bisschen wie Darmspiegelung. Da denken alle: Ist irgendwie wichtig, aber total lästig und keiner hat da Bock drauf. Aber es hilft ja nichts! Beides ist einfach notwendig!

In der Serie muss sich deine Figur, Eva Jordan, mit Fällen von Sexismus und sexueller Belästigung beschäftigen. Kennst du ähnliche Ereignisse auch aus deinem eigenen Leben?

Ich glaube, die einzige Frau, die keine Benachteiligung erlebt hat, ist die Queen.

Weiß man nicht...

Ja, stimmt, weiß man tatsächlich nicht, aber ihre Position ist wenigstens schon mal safe. Und ich finde, Zahlen sind hier stärker als Einzelgeschichten: Männer und Frauen bekommen nicht dasselbe Geld für denselben Job. Gerade mal 30 Prozent der Rollen mit Text in Hollywood werden von Frauen gespielt. Umfragen an einer deutschen Filmhochschule haben ergeben, dass fünf Jahre nach dem Abschluss eines Regiestudiums 100 Prozent der Männer als Regisseure arbeiten, aber nur 25 Prozent der Frauen – und ich glaube nicht, weil die Frauen alle schlechter sind. 

Sexismus ist ein sehr komplexes Thema. Es geht nicht nur um Arschgrapscher und Brüste auf Werbeplakaten, sondern auch um latente Anzüglichkeiten und strukturelle Machtverhältnisse. TV-Humor hingegen arbeitet oft mit Stereotypen – davon ist auch eure Serie nicht frei. Reduziert man das Thema damit nicht nur wieder auf Klischees?

Ich glaube, dass dieser Gedanke nur zu Humorlosigkeit führt, vor allem bei einer Comedyserie. "The Big Bang Theory" entkräftet kein einziges Klischee über Nerds und ist grade deswegen eine gute und lustige Serie. "Sex and the City" zeigt kaufsüchtige Frauen, bei denen es ansonsten vorwiegend um Männer geht. Kann man feministisch schwierig finden. Trotzdem ist das eine gute Serie gewesen, auch weil es zum ersten Mal ein komplett weibliches Ensemble war. So ist das bei der Jordan auch. Wir spitzen zu, aber das ist die Aufgabe von Comedy.

Außerdem kommen Klischees auch immer irgendwo her. Der Tourist in Socken und Trekking-Sandalen mit der Kamera um den Hals ist eben nie ein Spanier, sondern immer ein Deutscher!

In einer Szene pusht sich die Hauptfigur die Brüste für ein Meeting hoch und bezeichnet sich dafür selbst als Schlampe. In einer anderen lästern zwei Frauen über eine Kollegin und nennen sie eine Hexe. Klar lässt sich darüber lachen, weil das bekannte Klischees sind. Aber ist es nicht langweilig, solche Bilder zu wiederholen?

Wir wollen unterhalten und gleichzeitig auf das Thema aufmerksam machen. Nicht mehr Schlampe oder Hexe zu sagen, ist vielleicht auch eine Möglichkeit, aber ich wäre da eher beim Humor. In beiden Szenen machen wir uns ja auch sehr deutlich über diese Klischees lustig, was etwas anderes ist als das Klischee zu bedienen und den platten Gag zu machen.

Außerdem ist die Realität außerhalb der deutschen Großstädte noch viel klischeehafter als wir es je sein könnten. Ich saß im Urlaub in den Bergen in einer Hütte mit durchweg jungem Personal und über dem Ofen hing eine aufwendige Stickarbeit mit dem Satz "Der beste Schatz für einen Mann, ist eine Frau die kochen kann".

Wir können mit der Serie womöglich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass sowas nicht mehr zeitgemäß ist. Wir machen das, indem wir verschiedene Positionen zeigen und den Leuten die Möglichkeit geben, darüber zu lachen. Und ich bin mir sicher, hätten wir das Häkeldeckchen in der Sendung, würde man es uns als übertrieben und klischeehaft vorwerfen. 

War das Thema Gleichstellung auch hinter den Kulissen Thema bei euch? 

Wir behandeln in der Serie auch den Bechdel-Test. Der stellt drei einfache Fragen, mit denen man rausfinden kann, ob es ein tendenziell frauenunfreundlicher Film ist: Spielen mehr als zwei Frauen mit, sprechen diese beiden Frauen miteinander und wenn ja, über etwas anderes als einen Mann? "Herr der Ringe" fällt durch, "Findet Nemo" oder auch "Harry Potter". "Frau Jordan stellt gleich" übrigens nicht. 75 Prozent des Hauptensembles sind Frauen. Die anderen 25 Prozent sind ein sehr feministischer Mann.

Drehbuchautor ist allerdings ein Mann. Ralf Husmann, der auch schon Stromberg geschrieben hat.

Ralf Husmann ist unser Headautor. Unter den Drehbuchautoren, die zugeliefert haben, sind insgesamt mehr Frauen als Männer. Uns war das Thema vor und hinter der Kamera wichtig.

Glaubst du, dass ein Thema Menschen ernsthaft erreichen kann, wenn man es mit Humor angeht? 

Ich hoffe. In Deutschland will man ja immer streng trennen: entweder ernst oder lustig! Deswegen gibt es das bei uns eigentlich nicht. Die Amerikaner machen das toll. Amy Schumer hat gezeigt, dass man dieses Thema nach vorne bringen kann, indem man Menschen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. Ich halte jedes Manifest und jede wissenschaftliche Arbeit dazu für genauso wichtig. Solange wir dasselbe Ziel haben, ist doch egal, wie wir das erreichen. Ich wäre da aber eher beim humorvollen Weg.

Witzige Frauen gelten trotzdem noch immer als Nische.

Bis in die Sechziger stand in den Benimmfibeln: "Die Dame halte sich mit der Darbietung von Scherzen bei Tische zurück." Lustig und Frauen war nicht vorgesehen. Humor war ganz klar Männerdomäne. Aber dafür sind wir schnell: Vor zehn Jahren haben sich Frauen noch Perücken aufgesetzt und Brillen, die aussahen wie Aschenbecher. Dann wusste man: Oha. Das soll jetzt lustig sein. Heute gehen Frauen in einer Bandbreite von Cindy aus Marzahn bis Carolin Kebekus ganz selbstverständlich auf Bühnen und füllen Stadien. Die Sache läuft!


Fühlen

Was es für BDSMler bedeutet, wenn plötzlich alle Choker tragen
Was macht es mit einer kulturellen Szene, wenn alle sie kopieren?

Wer heute in eine WG kommt, stolpert mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Flur über schwarze, geschnürte Stiefel von Dr. Martens. Oder hängt seine Jacke an eine Garderobe, an der eine Bomberjacke baumelt. Seit einigen Jahren sind die Schnürstiefel und Jacken das, was man als "Trend" bezeichnen würde - also modisch massentauglich geworden. Aber bevor die Kleidungsstücke ihre Karriere antraten, wurden sie fast ausschließlich von bestimmten Gruppen getragen. Und zwar nicht, um modisch zu sein – sondern als Teil ihrer Identität. 

Was macht es mit der Identität dieser Menschen, wenn plötzlich alle ihre Erkennungsmerkmale tragen? 

Auch wenn man es vermuten könnte: Das Nirvana-Shirt bei Zara oder H&M oder die Dr. Martens in fast jedem Schuhladen sind kein plötzlicher Anflug von Nostalgie. Es sind Kopien einer Subkultur, in diesem Fall von Skinheads und englischen Mods. Auch die zerissene Jeans, Karohemden und lange Haare waren in den Achtziger- und Neunzigerjahren nicht nur die Erkennungszeichen der Fans von Nirvana oder Pearl Jam sondern auch derer, die sich dem Lebensstil dieser Bands und dem Grunge nahe fühlten. In den vergangenen Jahren sah man den Stil plötzlich wieder auf Social Media, bei Prominenten wie Cara Delevigne oder Miley Cyrus. Fans und Bekleidungshersteller adaptierten es geschäftstüchtig.