Ein guter Händedruck fragt nicht, zweifelt nicht, sondern fühlt sich an wie eine Vereinbarung.

"Guten Abend", sagt Jürgen Domian, 58. Händedruck: sehr gut.

Draußen ist es stockdunkel, minus zwei Grad. Gleich beginnt "Domian", live aus Köln. Die Sendung, die Jürgen Domian als Zuhörer, Helfer, als Menschen berühmt machte. Für die er 21 Jahre lang dann wach war, wenn andere schliefen. In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember hört er auf.

Es ist das Ende einer Ära, das kann man wohl ohne Übertreibung sagen. 25.000 Gespräche hat Domian geführt, pro Sendung schalten bis zu 60.000 Leute ein. Es ist dieser unwiderstehliche Voyeurismus, der Ekel, das wohltuende Gefühl, sich in einem Anrufer wiederzuerkennen – all das macht den Erfolg der Sendung aus.

Und, dass hier jeder die Berechtigung hat, von seinen Gefühlen zu berichten. Ob Opfer oder Täter, Domian ist da. Noch.

Wie fühlt sich dieser Raum an, in dem man alles sagen darf? Um das herauszufinden, haben wir Domian und sein Team durch eine Nacht begleitet.
23.02 Uhr: Ich lebe asozial.

Sein Auto, ein robuster Geländewagen, parkt in der Tiefgarage der WDR-Studios, mit dem Rad fährt Jürgen Domian schon lange nicht mehr zur Arbeit. Das war früher. Dann lauerten ihm Leute nach der Sendung auf, weil sie seine Meinung nicht teilten. Seitdem nimmt er den Wagen.

Die Tür fliegt auf, Domian kommt rein, in dunkler Daunenjacke. Das Make-up hat er schon zu Hause aufgelegt, es ist viel und lässt die Haut im Gesicht gebräunt aussehen. Muss sein, da "Domian" nicht nur im Radio läuft, sondern auch im Fernsehen.

Christoph ist schon da, er hat als Redakteur seit eineinhalb Jahren die Verantwortung für alles, was in der Sendung passiert. Jetzt gerade beantwortet er Mails von Leuten, die es in die Sendung schaffen wollen und begrüßt die Fans auf Domians Twitter-Account: "Moin!"

Viel, viel zu tun – so sieht es in der Redaktion aus:
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Domian zieht die Jacke aus, streicht sich über das Hemd. Heute: weiß-schwarz kariert. An der rechten Hand trägt er einen breiten Silberring.

Er könnte diese Sendung noch zehn Jahre machen, sagt er. Nur, dass er langsam mal wieder die Sonne sehen will. "Wegen der Nachtarbeit lebe ich die ganze Woche asozial. Keine Zeit, soziale Kontakte zu pflegen."

Er hatte schon zwei Hörstürze, seine Ärzte sagen: Das ist die Arbeit, die geht an die Substanz. Domian sagt: "Man gewöhnt sich nie daran."

23.32 Uhr: Hirsch-Putz.

Die Redaktion, die in ihrer Größe einem Schulhof ähnelt und in der sonst die Macher des Radiosenders "1Live" arbeiten, ist mit weißen Schreibtischen und Rechnern gepflastert. Nachts ist es hier leer, durch Glasfronten dringt Dunkelheit. Im vorderen Bereich ist eine Ecke erleuchtet, da sitzen die drei Rechercheure und der Psychologe, die die Anrufe vor der Sendung entgegennehmen und Leute vom Vortag zurückrufen, die weitere Hilfe brauchen.

Im Gespräch mit Redakteur Christoph.(Bild: Nike Laurenz / bento)

Redakteur Christoph putzt den weißen Deko-Hirsch, der seit der ersten Sendung an Domians Seite weilt und sein Geweih gen Studiodecke reckt, während der Moderator mit Verzweifelten, Süchtigen, Traurigen spricht. Nun soll der Hirsch für einen guten Zweck versteigert werden.

"Muss man gut saubermachen, weil Jürgen den immer mit seinen Schminkehänden anfasst", sagt Christoph. Keiner hier sagt Domian, alle sagen Jürgen.

00.00 Uhr: Der erste Anruf.

Die drei Rechercheure wechseln wöchentlich. Heute heißen sie Sebastian, Marcus und Heinrich und telefonieren von nun an zwei Stunden mit 200 Menschen, die Domian sprechen wollen.

Der Abend hat ein Thema. Worüber sie sprechen, was sie hören oder sehen möchten, das haben sich die Zuhörer in einer Umfrage vorab selbst ausgesucht: Übersinnliche Phänomene. Ereignisse, die sich niemand erklären kann.

Ein Vorgespräch dauert nur wenige Minuten. Die drei Telefone klingeln wieder, sobald die Hörer aufgelegt sind.

Sebastian hat ein weißes Blatt Papier vor sich. Während eines Telefonats macht er sich Notizen. Und er googelt. Zum Beispiel: "Messerstecherei in Frankfurt". Darüber will gerade jemand reden.

Rechercheur Sebastian.(Bild: Nike Laurenz / bento)

Nicht alle wissen oder verstehen, dass sie heute nur anrufen sollen, wenn sie von Übersinnlichem berichten können. Deswegen geht es am Telefon um alles. Und es geht durcheinander.

Marcus: "Und, wie ist dein Alltag gerade so?"

Heinrich: "Gundula, alles Gute zum Geburtstag!"

Sebastian: "Du bist Hellseher? Woran merkst du das?"

Marcus: "Hast du keinen Job?"

Sebastian: "Hänger in der Leitung. Hallo?"

Heinrich: "Dann erzähl doch mal."

Zwischendurch schiebt sich Sebastian die Mütze zurecht: "Wenn man so viele Gespräche führt, und das um die Zeit: boah."

00:48 Uhr: Noch kurz Puder.

Während das Team telefoniert, richtet Domian sein Studio her: stellt den Hirsch auf und die Tafel mit der Telefonnummer, die für manche Leben bedeutet. 0800 220 5050.

Dann schlendert er durch die Redaktion, setzt sich überall mal hin, hört zu. Er ist konzentriert.

Mit dem Psychologen, der auch Jürgen heißt, redet er über eine Anruferin, die Alzheimer hat und zurückgerufen werden soll. Psychologen-Jürgen soll weitere Hilfe anbieten.

Die Redaktion um Mitternacht.(Bild: Nike Laurenz / bento)

"Das ist hier ein Familienbetrieb", sagt Domian. "Weil es hier keine Hierarchie gibt und alle total entspannt sind", sagt Psychologen-Jürgen. Die Kollegen hängen aneinander, manche arbeiten seit mehr als zehn Jahren hier. Es ist auch für sie ein Abschied.

Domian geht sich nachpudern. Noch ein paar Minuten bis zur Sendung, zeigt eine digitale Wanduhr mit roten Ziffern.

01.03 Uhr: Wie groß ist der Engel?

Die erste Anruferin bekommt Domian von Christian ins Studio gestellt, noch ein Mensch im Team. Er ist seit 16 Jahren dabei und arbeitet als Realisator in der Regie. Ein Raum mit einigen Computern, die das Domian-Fernsehbild zeigen und von dem aus sich direkt ins Studio blicken lässt.

Von hier aus wählt Christian aus den Anrufern, die die drei Rechercheure als sendungstauglich eingestuft haben, noch einmal aus, ruft sie zurück, spricht kurz mit ihnen und stellt sie dann ins Studio.

Christian trägt Kapuzenpullover und kaut Kaugummi. Alles, was gerade wichtig für ihn ist, sind fünf Leitungen, auf die er Anrufer schiebt, die dort warten, bis sie ins Studio kommen.

Realisator Christian.(Bild: Nike Laurenz / bento)

Es geht schnell und es ist laut. "Ich würd gern länger mit dir sprechen, geht aber nicht", ruft Christian. "Du kommst als nächstes in die Sendung."

Ob ein Anrufer zu Domian durchgestellt wird, das hat nichts damit zu tun, wie abgedreht ein Fall ist, sagt Christian. "Wir sind in keiner Weise von der Quote getrieben. Auch, wenn sicher nicht jeder Anrufer großes Entertainment ist – jeder Einzelne ist wichtig."

Wer sich gesund anhört, nicht berauscht ist, eine gute Verbindung hat und nicht so klingt, als wolle er sich oder anderen etwas antun, hat die Chance, Domian seine Geschichte zu erzählen.

Mausklick, Christian schnappt sich eine Leitung. Ruft: "Ich stell dich jetzt durch!"

Heidrun, 69 und sicher, dass sie einen Todesengel gesehen hat, ist jetzt live.

"Wie groß ist denn der Engel?", fragt Domian. "Er ist ein großer Mann", sagt Heidrun.

Gelächter in der Regie, aber kein Auslachen. So, wie hier jeder sagen kann, was er will, darf auch jeder lachen. Mal einen Spruch reißen, was amüsant finden, gemeinsam schmunzeln: Es hilft, sich von den Geschichten der Anrufer abzugrenzen.

01.13 Uhr: Honig auf Wunden.

Domian und Heidrun reden über den Tod, in der Redaktion klingeln weiter die Telefone. Noch immer können es Leute zu Domian schaffen.

Das Anstrengende an diesem Abend: Ständig rufen welche an, die sich zu einer Anruferin vom Vorabend äußern möchten. Eine 55 Jahre alte Frau mit offenen Beinen.

"Da hilft Honig. Wirklich Honig", sagt jemand am Telefon. Auch das verdient Anerkennung. "Honig. Schreibe ich mir auf", sagt der Rechercheur. Und tut es wirklich.

01.44 Uhr: Die Idioten satt.

Redakteur Christoph sitzt auch in der Regie, er macht Twitter auf. Draußen, im Internet, trendet #Domian.

Immer wieder bekunden Anrufer, wie schade sie es finden, dass Domian aufhört. "Ich gehe mit großem Wehmut", sagt Domian dann.

Das Internet interpretiert Worte wie diese für sich. "Domian hört doch nur auf, weil er die ganzen Idioten satt hat", schreibt einer auf Twitter. "War das mal wieder scheiße", schreibt ein anderer. Und noch einer: "Jetzt stirb doch endlich mal."

"Twitter ist teilweise echt böse", sagt Redakteur Christoph. "Aber bei ganz berührenden Anrufen wird es dort auch mal auffällig still."

Im Studio berichtet Anruferin Shirin, sie klingt einsam, von ihrem Treffen mit Gott. Sie steht in engem Kontakt zu ihm, sagt sie.

Hinter der Scheibe öffnet der Techniker einen Salat.

02.11 Uhr: Halb-spektakulär.

Vorbei. Domian kommt aus dem Studio, sein Wasserglas hat er während der Sendung geleert, jetzt trinkt er noch was. Ginger Ale.

Ein Klickschwein wie das Jukebox-Video, ein heftiger Fall, der auf YouTube tausendfach geklickt wird, war diesmal nicht dabei. "Die Sendung war mittelmäßig", sagt Domian. "Wir hatten schon Sendungen, die gruseliger waren. Aber wenn man jeden Tag eine Sendung macht, kann man nicht jeden Tag ein Highlight hinlegen."

Extreme Fälle aus 21 Jahren – wegen dieser Probleme suchten Menschen Domians Hilfe:
Jule, 17, hat einen Freund, der sich eine Rose in den Penis gesteckt hat.
Marcel, 29, ist männliche Domina und hat einen Kunden, der gern Marcels Smegma haben möchte, um es sich aufs Brötchen zu schmieren.
Eine Mutter hat eine 15 Jahre alte Tochter, die in Domian verliebt ist.
Sebastian, 24, ist Neonazi.
Kathrin, 24, steht auf eitrige Pickel und darauf, sie auszudrücken.
Edwin, 26, treibt es mit 60 Kilogramm frischem Hackfleisch.
Christian, 25, studiert Medizin – und liebt Sex mit Leichen.
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Die Kollegen rücken auf ihren Bürostühlen im Kreis zusammen, jetzt besprechen sie die Sendung nach. Jeder äußert, was er von den Gesprächen hält, die Domian geführt hat. Gemeinsame Verarbeitung.

Christian fand Heidrun unterhaltsam. "Aber die ließ sich kaum unterbrechen." Christoph findet, Shirin war zu lang on air. 14 Minuten. Über Vera, die in der Sendung von wandelnden Tischen berichtet hat, sagt Domian: "Halb-spektakulär."

02.50 Uhr: Viel Scheiße.

So langsam ist für alle wieder an Schlaf zu denken, auch für den Psychologen. Nach Sendungen, in denen es um extreme Neigungen geht, um Zwänge oder Gewalt, hat er meist noch länger zu tun. Mehrere Male schaltete die Redaktion schon die Polizei ein, weil Anrufer Suizid oder Straftaten androhten.

"Es passiert halt viel Scheiße auf der Welt", sagt Christian, der Realisator. "Dass man Geschichten hört, die man sonst nie hört, hat mich aufgeschlossener gemacht. Seit ich hier arbeite, habe ich ein differenzierteres Bild der Gesellschaft."

Nacht für Nacht kommt das Team zusammen, um für andere da zu sein – andere brauchen sie. Und sie brauchen sich. Dass Domian aufhört, erfuhren sie als erstes. "War ein Schock für uns", sagt Christian. Wer ihn auf einen möglichen Nachfolger für Domian anspricht, dem sagt er: "Es kann nur einen geben."

03.05 Uhr: Zeit zu gehen.

Wenn Domian nach der Sendung nach Hause kommt, geht er nicht gleich ins Bett, in seinen Adern kocht Adrenalin. Vor halb sechs legt er sich nicht hin. Stattdessen liest er mitten in der Nacht Zeitungen, mehrere hintereinander. Weil er gut informiert sein will, sagt Domian. "Auch für meine Anrufer."

Die müssen schon bald damit klarkommen, dass die Nacht nach all den Jahren wieder nur ihm gehört.


Grün

Studenten verlieren möglicherweise den Zugriff auf digitale Uni-Texte
Ab Januar könnten die Hochschulen Bücher und Aufsätze auf ihren digitalen Lernplattformen sperren.

An Unis und FHs droht ein Rückfall in analoge Zeiten. Ab Januar könnten viele Onlineaufsätze für Studenten gesperrt werden. Der Grund: Digital zur Verfügung gestellte Texte auf Lernplattformen wurden bisher mit der VG Wort, welche die Rechte der Urheber vertritt, pauschal abgerechnet. Das hatte das Bundesverfassungsgericht kritisiert, der entsprechende Vertrag läuft Ende 2016 aus.

Im Oktober hatten KMK und VG Wort deshalb einen neuen Rahmenvertrag zur Einzelabrechnung ausgehandelt. (Den Vertrag im Wortlaut findest du hier.) Er sollte am 1. Januar in Kraft treten und sieht vor, dass in Zukunft 0,008 Euro pro Seite, Student und Semester von der Universität zu zahlen sind.

Was ist das Problem mit dem Vertrag?

"Der enorme Mehraufwand durch die geforderte Einzelerfassung sowie zahlreiche offene rechtliche, technische und organisatorische Fragen" würden die Neuregelung blockieren, sagt Klaus Hoffmann-Holland, Vizepräsident für Studium und Lehre an der FU Berlin. Die FU werde deshalb, wie die anderen Berliner Unis auch, dem Vertrag nicht beitreten. Ähnliche Ankündigungen gab es aus allen Bundesländern.

Für Studenten heißt das: Die Copycard erlebt ein Revival.

Was bisher digital auf Laptop oder Tablet geladen und auch ausgedruckt werden konnte, muss jetzt wieder Seite für Seite aus den entsprechenden Lehrbüchern kopiert werden. So kündigten etliche Hochschulen an, ihre Onlinekurse zum Ende des Monats abzuschalten.