Bild: Maja Hitij/ dpa
"Auserwählt und ausgegrenzt"
Was ist passiert?

Wie viel Diskriminierung gegenüber Juden gibt es heute in Europa? Eine umfangreiche und sehr schwierige Frage, der die öffentlich-rechtlichen Sender Arte und Westdeutscher Rundfunk (WDR) einmal nachgehen wollten. Sie beauftragten zwei Autoren, einen Beitrag darüber zu drehen. 

Herausgekommen ist die 90-minütige Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa", um die jetzt ein Streit entfacht ist. Als die beiden Sender nämlich das Endprodukten der beiden Autoren Sophie Hafner und Joachim Schroeder sahen, waren sie unzufrieden, entschieden sich gegen eine Ausstrahlung. 

Die Begründung: Anders als abgesprochen, habe der Schwerpunkt nicht auf Europa gelegen, sondern vor allem im Nahen Osten. Außerdem bemängelte die Redaktion, dass zu viele Behauptungen aufgestellt wurden, ohne dafür Belege zu liefern. Zusammengefasst: Sie fanden den Film journalistisch mangelhaft. (Meedia)

Eine Entscheidung, die von vielen Seiten kritisiert wird. Schließlich sind Antisemitismus, Hass gegen Juden und Israel heikle Themen, die in den Medien abgebildet werden sollten. Aber wie sorgfältig und ausgewogen hat die Dokumentation das gemacht?

Die "Bild" entschied sich in der vergangenen Woche, die Dokumentation zu zeigen – ein kleiner Eklat in der Medienbranche. Doch nun – nach all der Diskussion – haben auch die ARD und Arte beschlossen, den Beitrag auszustrahlen. Am Mittwoch um 22.15 in der ARD mit anschließender Diskussion bei der Talkshow von Sandra Maischberger. Um 23 Uhr dann bei Arte.

Was zeigt die Dokumentation?

Die Macher des Films besuchen zahlreiche Orte in Deutschland, Frankreich und in Israel selbst – ein Wirrwarr aus verschiedenen Handlungssträngen beginnt. Darum geht es zum Beispiel:

  • Die Macher besuchen eine Demonstration der so genannten "Neuen Rechten" in Berlin. Zu sehen ist unter anderem  Jürgen Elsässer, Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins "Compact". Er befürchtet die "Israelisierung und die Amerikanisierung der Welt".
  • Wissenschaftler kommen zu Wort. Sie erklären, welche Sprache und Formulierungen benutzt werden, um Hass gegen Israel auszudrücken. Niemand würde öffentlich sagen, Israel sei das Übel der Welt. Kritik werde geschickter verpackt.
  • Ein weiterer Experte erklärt: Das Bedürfnis, den Nationalsozialismus zu relativieren, sei auf Seiten der Linken teilweise noch ausgeprägter, als bei den Rechten.

  • Linke Demonstranten erklären, dass man gerade in Deutschland nichts gegen Israel sagen könne, weil man gleich als Antisemit beschimpft würde.
  • Der Hilfsorganisation "Brot für die Welt" wird vorgeworfen, dass sie NGOs finanziell unterstützten würde, die Mythen über Israel verbreiten und den Staat diffamieren. Die Organisation selbst kommt nicht zu Wort. 
  • Es geht um den Gaza-Streifen, die Korruption der Palästinenser-Organisation Hamas, verschwundene Hilfsgelder und vor allem die Frage: Wer verursacht mehr Leid, die Palästinenser oder die Israelis?
  • Die Autoren besuchen einen Arbeiter aus Palästina, der seit 30 Jahren mit Israelis zusammenarbeitet. Er berichtet über das freundschaftliche Verhältnis. 

  • Die Doku zeigt Ausschnitte aus Rap-Videos, die voller Hass gegen Juden und Israel sind.
  • Außerdem besuchen die Autoren ein Krankenhaus in Israel, das nach Anschlägen sowohl Opfer wie auch Täter behandelt. Ärzte erzählen davon, dass sie Konflikte außen vor lassen und einfach nur Menschen helfen, wieder gesund zu werden.
  • Schließlich geht es um Kriminalität in Frankreich und Angriffe bis hin zum Mord an Menschen jüdischen Glaubens. Die Frage: Handelt es sich hier um Judenhass oder schlicht um Kriminalität?
  • Zum Schluss erzählen junge Juden aus Frankreich, dass sie lieber in Israel leben möchten.

Der WDR hat die einzelnen Vorwürfe noch einmal einem Faktenchef unterzogen. Hier kannst du die Ergebnisse nachlesen.

Unser Eindruck, nachdem wir den Film gesehen haben:

Die Dokumentation ist oft undurchsichtig und setzt viel Wissen über den Israel-Konflikt voraus. Viele unterschiedliche Aspekte werden aufgegriffen, ohne alle Seiten abzubilden. Das Ziel einer Dokumentation sollte es sein, dass man nachher schlauer ist als vorher. 

Hier werden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. 

Die Autoren wollen im Film vor allem eines beweisen: Das Gedankengut aus dem Nationalsozialismus ist nicht ausgestorben – in Deutschland nicht, in Frankreich nicht und unter Palästinensern schon gar nicht. Sie deuten immer wieder an: Wer Palästinenser unterstütze, mache sich oft auch zum Judenhasser.

Das Problem ist, dass viele NGOs, Gruppen und Politiker in einen Topf geworfen werden und nur Wenige die Chance bekommen, sich zu erklären.

Wie haben jüdische Verbände reagiert?

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und auch Historiker wie Michael Wolffsohn und Götz Aly plädierten für eine Ausstrahlung. Zentralratspräsident Josef Schuster schrieb in einem Brief an Arte, er wolle die Doku nicht journalistisch bewerten, dennoch könne er die formalen Gründe nicht nachvollziehen. Der wachsende Antisemitismus sei höchst relevant, die Doku gehöre zum Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. (Tagesspiegel)

Doch der WDR hatte zunächst immer wieder argumentiert, dass Betroffene, die in dem Film mit Vorwürfen konfrontiert würden, selbst nicht zu Wort kämen – wie zum Beispiel "Brot für die Welt". Das hätte zu den Standards der journalistischen Arbeit gehört. (Mitteilung der ARD)

Über all diese Mängel soll nun in der anschließenden Talkshow diskutiert werden. Nun heißt es bei den Öffentlich-Rechtlichen: Der Zuschauer soll sich eben selbst seine Meinung bilden.


Fühlen

Lisas Bekenner-Video: "Vor 18 Jahren verlor ich alle meine Haare"

Als Lisa elf Jahre alt war, entdeckte sie eine runde kahle Stelle auf ihrem Kopf. Innerhalb weniger Monate fielen ihr alle Haare aus - auch Wimpern und Augenbrauen. Die Ursache: Alopecia areata, also kreisrunder Haarausfall. Die Ursache dieser Erkrankung ist bis heute nicht abschließend geklärt. Behandeln kann man sie nicht. Lisa musste akzeptieren lernen, dass sie ihre Haare möglicherweise nie wieder sieht. 

Die ersten Jahre versteckte sie sich unter einer Perücke. Weshalb sie diese 2015 abgelegt und seither nie wieder getragen hat, erzählt sie in ihrem Bekenner-Video.

Lisa will Frauen mit dem gleichen Problem helfen. Dazu hat sie das Foto-Projekt "Schönlinge" ins Leben gerufen. 27 Frauen mit kreisrundem Haarausfall zeigen, dass sie auch ohne Haare weiblich und schön sind.