Denn sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt finden statt – jeden Tag.

"Es wird hart, es wird bitter und für manche kaum zu glauben, aber wir müssen da jetzt gemeinsam durch", sagt die Autorin Sophie Passmann, als sie das fünfzehnminütige Video von Joko und Klaas eröffnet. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben 15 Minuten Sendezeit von ihrem Sender Pro Sieben gewonnen, die sie nutzen, ohne selbst aufzutreten  – sie nennen es "Männerwelten". Passmann moderiert und führt den Zuschauer durch eine "Ausstellung" in einer abgedunkelten Halle. Zu sehen sind unter anderem "Dickpics" oder Frauen, die von sexueller Belästigung sprechen, die sie erlebt haben (SPIEGEL).

Hier ist das ganze Video zu sehen:

Auch ich könnte da stehen, denke ich, während ich das Video sehe und mir immer unwohler wird. Ich erinnere mich zum Beispiel an Tweets, in denen mir sexualisierte Gewalt angedroht wurde, weil in meinem Profil stand, ich sei Feministin. Ich denke an den Mann, der mich im ersten Semester an der Bushaltestelle ansprach, mich bis an die Uni verfolgte und wegen dem ich monatelang jeden Mittwoch einen Umweg lief. Oder an den, der mir nachts allein auf dem Nachhauseweg hinterherschrie, ich sei eine "dreckige Schlampe". Und den, der mich aus dem Nichts heraus in einem Club an sich drückte, meine Arme festhielt und mir über die Wange leckte, weil ich gerade noch meinen Kopf zur Seite drehen konnte.

Fast die Hälfte aller Frauen in Deutschland seien in ihrem Leben bereits Opfer sexueller Gewalt geworden, heißt es am Ende des Videos. Jede siebte Frau in Deutschland habe bereits strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt. Das ist hart, das ist bitter und das ist für manche immer noch kaum zu glauben. 

Kritik ist gut, Support ist besser

Ich bin froh, dass sich Joko und Klaas dazu entschieden haben, die gewonnene Sendezeit auf diese Weise zu nutzen. Ich finde den Beitrag gut und wichtig. In Sozialen Netzwerken wird das Video geteilt, geliked und kommentiert. Aber es gibt nicht nur positive Kritik. Die Debatte um das Video zeigt mir wieder einmal, dass auch innerhalb des feministischen Diskurses eine feministische Position gegen eine andere argumentieren kann.

Die Autorin, Rapperin und Linguistin Lady Bitch Ray kritisiert das Video zum Beispiel. Und sie hat Recht: Die Macherinnen und Macher des Videos verzichten auf die Perspektiven von Women of Color, trans- oder intersexuellen Frauen. Sie klammern Frauen aus, die Erfahrungen machen, die in diesen 15 Minuten nicht beachtet werden.

Ich halte diese Art von Kritik für gerechtfertigt, auf den ersten Blick aber nicht für besonders konstruktiv. Personen, die sich für Feminismus stark machen, die sich gegen sexuelle Gewalt aussprechen, die sich gegen Sexismus, politische, soziale und ökonomische Ungleichheit stellen, sollten sich in erster Linie unterstützen.

Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt müssen sichtbar werden

"Männerwelten" repräsentiert Gewalt gegen Frauen, macht diese sichtbar und einem großen Publikum zugänglich. Über zwei Millionen Zuschauende erreichte das Format zur Primetime auf Pro Sieben. Mehr als eineinhalb Millionen davon waren zwischen 14 und 49 Jahren alt. (DWDL) Genau diese Präsenz wünsche ich mir für dieses gesellschaftliche Thema. 

Aber: Es gibt nicht nur den einen Feminismus, nicht nur weiße, privilegierte Feministinnen. In "Männerwelten" fehlen Menschen mit Behinderung, die Repräsentation der LGBTQ-Community oder People of Color, die sexuelle Belästigung und Gewalt verstärkt erfahren. 

Es gibt nicht den einen Feminismus. Deshalb gibt es auch innerhalb des Feminismus verschiedene Sichtweisen. Nicht jede Feministin ist Alice Schwarzer. Es gibt einen weißen Feminismus, der sich seiner Privilegien oft nicht bewusst ist, einen traditionellen Feminismus, der seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat, einen modernen und jungen Feminismus, der sich über das Internet vernetzt und ziemlich viel dazwischen. Es gibt Women of Color, die weiße Feministinnen daran erinnern, dass sie zu lange vergessen wurden, religiöse Feministinnen oder den radikalen Feminismus "TERF" (Tagesspiegel).

Klar, dass es nach einem solchen Video keine einheitliche Meinung gibt. Klar, dass es Diskussionen gibt. Aber genau das ist es auch, was "Männerwelten" für mich perfekt ergänzt: Der Beitrag löst eine Diskussion aus, die das, was fehlt, schließlich inkludiert. Und das ist das Beste, was passieren kann. All das zur Primetime, um 20:15 Uhr und danach, für immer, als Video im Internet. Als Grundlage für eine Diskussion, in der verschiedene Stimmen Vielfalt fordern, die so vielleicht in Zukunft stärker mitgedacht wird.

Die Kritik an solchen Beiträgen kann, insbesondere wenn sie konstruktiv ist, den Beitrag selbst noch besser machen und Input für neue Formate liefern. Auf Twitter, Instagram und Facebook wird diskutiert, Menschen erzählen von ihren eigenen Erlebnissen oder erinnern an die, die vergessen wurden. 

Dadurch bekommt die Thematik noch mehr Aufmerksamkeit, liefert Ideen für weitere Projekte und schafft im besten Fall mehr Verständnis. Genau das brauchen wir. Genau das ist wichtig. Denn sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt finden statt – jeden Tag. Das ist hart, das ist bitter und das ist für manche immer noch kaum zu glauben. Aber solange das so ist, müssen wir da durch.


Gerechtigkeit

Wie die Coronakrise den Straßenverkehr endlich klimaneutral machen kann
Von Pop-Up-Fahrradwegen und neuen Spielstraßen

Lou Töllner inszenierte vergangene Woche vor dem VW-Werk in Wolfsburg einen Tatort. Täter ist in dieser Darbietung die Autoindustrie – zum Opfer wird das Klima. Gemeinsam mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future protestierte Lou damit gegen mögliche Kaufprämien für Autos, die der Industrie durch die Coronakrise helfen sollen. Diese Prämie, angelehnt an die Abwrackprämie aus der Finanzkrise 2009, wünschen sich die Autokonzerne und auch die Ministerpräsidenten der drei Autoländer Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen von der Regierung. (DER SPIEGEL)

"Wir haben die Aktion 'Tatort Klimamord' genannt", sagt Lou, "weil hier das Klima ein weiteres Mal verletzt wird."