Bild: maxdome/Pro7
Oder: Wenn Sido auf der Toilette masturbiert

Deutsche Comedy-Serien haben meistens ein Problem: Sie sind nicht witzig. Nur nicht weh tun, bloß nicht anecken – möglichst mainstreamig, damit auch ja alle einschalten. Aber dieses tiefe Tal der Traurigkeit hat jetzt ein Ende: Christian Ulmen hat eine Serie gemacht: Jerks.

Dabei macht Ulmen das Gegenteil: Er eckt ständig an, balanciert grundsätzlich zwei Meter über der Grenze des guten Geschmacks – und löst beim Zuschauer so einen hohen Grad an Fremdscham aus. Der einzige Ausweg: lachen.

Das ist der Trailer zu "Jerks":

In der Serie spielt Christian Ulmen, 41, sich selbst. Immer an seiner Seite: Sein bester Freund Fahri Yardim (der aus dem Hamburger "Tatort"), der auch im echten Leben seit Kindertagen eng mit Ulmen befreundet.

Ein festes Drehbuch gab es nicht, die Dialoge sind zum Großteil improvisiert.

Das merkt man in jeder Szene, egal, ob Ulmen mit seiner Managerin zusammen sitzt, oder ob er sich mit Yardim über die Geschlechtsteile seiner Freundin unterhält. "Die geschilderten Ereignisse beruhen auf wahren Begebenheiten", heißt es zu Beginn jeder Folge.

Genau das macht den Reiz von "Jerks" aus: vermeintliche Nähe, Authentizität und ein wenig Voyeurismus. Ein Konzept, das wir aus Serien wie "Curb Your Enthusiasm" oder "Master of None" kennen. Oder auch: "Pastewka".

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Aber das ist nur eine Schein-Authentizität. In "Jerks" spielt Collien Fernandes-Ulmen, die im wahren Leben Ulmens Lebenspartnerin ist, dessen Ex-Frau und Mutter seiner beiden Töchter. Zum seinem Ärger bandelt sie in der ersten Folge mit Rapper Prince Kay One an.

Es bleibt nicht der einzige selbstironische Cameo-Auftritt deutscher Promis: Sido masturbiert als Sido auf öffentlichen Toiletten heimlich zu Fetisch-Porn. Nora Tschirner hält Ulmen moralisierende Standpauken über seinen Ausverkauf in der Werbeindustrie – und dreht selbst kalauernde Sexszenen mit Didi Hallervorden. Und Schauspieler Ralph Herforth stachelt die Freunde zu einer Heroin-Party an, die fast mit einem Toten endet.

Diese Gastauftritte sind hervorragendes Beiwerk. Aber der treibende Motor der Serie ist das Duo Ulmen-Yardim. Sie machen dem Serien-Titel alle Ehre: "Jerks" bedeutet auf Deutsch Idiot und Wichser.

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Ulmens narzisstisches Verhalten verwandelt jede leicht unangenehme Situation in kurzer Zeit in eine Katastrophe. Bei der Gesprächstherapie zum Beispiel, zu den ihn seine nach einem falsch-positivem Schwangerschaftstest enttäuschte Freundin zwingt, erfindet er die Geschichte einer Fehlgeburt im neunten Monat – bloß weil er das Leid der anderen im Raum übertrumpfen will. Natürlich aber holen seine Lügen ihn jedes Mal ein. Sido trifft es in dieser Folge perfekt, als er Ulmen erst eine "Depri-Fresse" attestiert und am Ende analysiert: "Du bist ein richtiger Hurensohn."

Ulmen agiert selbstzentriert, aber auch ungeschickt und deswegen manchmal unerwartet ehrlich. Yardim ist da der noch größere "Jerk“, der seine wahren Ansichten vor seinem Umfeld hinter seinem guten Aussehen und einem gewinnenden Lächeln gekonnt versteckt. Dabei ist er so unsicher, dass er aus Eifersucht dem 12-jährigen Neffen seiner Freundin mit Prügel droht.

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Nur unter vier Augen packen die beiden die ungefilterte Wahrheit aus. Dann drehen sich ihre Diskussionen um die erfolgversprechendste Art zu lecken, aber auch die Angst davor, die eigenen Kinder an den neuen Freund der Ex zu verlieren. Eine derbe, aber geschlechtsneutrale Form reinster Freundschaft, die dank des verkorksten Verhältnisses zur eigenen und fremden Sexualität ständig neue Missgeschicke fabriziert.

"Jerks" wurde für Maxdome produziert. Damit ist es die erste deutsche Eigenproduktion eines Streaminganbieters. Netflix und Amazon wollen bald nachziehen, Amazon bewirbt derzeit groß die Serie von Matthias Schweighöfer. Aber Ulmen hat die Latte hochgelegt – und weckt zugleich zarte Hoffnungen, dass deutsche Serien tatsächlich gut sein können, wenn sie nicht auf die TV-Quote schielen müssen.


Auf Maxdome stehen bereits acht Folgen zum Abruf bereit. Ab dem 21. Februar wird die Serie außerdem in Doppelfolgen immer dienstags um 23.15 Uhr auf ProSieben ausgestrahlt.

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Warum du dringend mal was von David Foster Wallace lesen solltest
And so but... Eine Leseliste zum Geburtstag des größten Autors seiner Generation

Wenn du die Film-Biografie "The End of the Tour" (mit Jason Segel in der Hauptrolle) nicht gesehen hast, und wenn du das schmale Buch "Dies ist Wasser" nicht von irgendwem zum Geburtstag geschenkt bekommen hast, dann kennst du David Foster Wallace wahrscheinlich trotzdem aus dem Buchladen.

Er hat nämlich diesen einen, berühmten Roman geschrieben, der im Belletristik-Regal den meisten Platz einnimmt – "Unendlicher Spaß" heißt er. Vielleicht hast du das Buch auch mal angefangen und nach hundert Seiten wieder weggelegt, obwohl du es eigentlich echt gut fandest. Das ist jedenfalls, wie die meisten Menschen mit diesem Autor in Kontakt kommen – wenn überhaupt.

Und das ist okay. Wallace hat es uns ja auch nicht einfach gemacht, Zugang zu seinen Texten zu finden. Seine Bücher sind oft lang, seine Sätze sind länger, seine Themen scheinen auf den ersten Blick oft abwegig. Ein Beispiel: Sein letzter, unvollendeter Roman "Der bleiche König" handelt fast ausschließlich in und von der amerikanischen Steuerbehörde IRS.