Ob in Sophokles' Ödipus, in Wagners Walküre oder im Gangster-Klassiker Scarface – in Sagen und Romanen, in Opern und Filmen ist Inzest von jeher ein so skandalöses wie beliebtes Thema.

Es paart oder begehrt sich, was sich nicht paaren und begehren darf. In letzter Zeit erlebt das Topos aber ganz neuen Auftrieb: US-Serienmacher tauchen immer häufiger in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele – und scheinen dort überall das verbotene Verlangen nach Vater und Mutter, Bruder und Schwester zu finden.

Zum Start von Bates Motel haben wir den Ödipus-Test gemacht: Wie extrem wird die verbotene Liebe zwischen Verwandten in Game of Thrones, True Detective, Hannibal, den Borgias und Bates Motel dargestellt?

1. Bates Motel: Zu viel der Mutterliebe
(Bild: Netflix PR)

Wie wird ein junger Mann zum Mörder, der in den Kleidern seiner Mutter Frauen unter Hotel-Duschen ersticht? Bates Motel erzählt die Vorgeschichte zu Alfred Hitchcocks Psycho und liefert auf diese Frage eine so einfache wie beklemmend ausgearbeitete Antwort: Manchmal kann eine Mutter zu sehr lieben.

Norma Louise Bates hat ihr ganzes Leben unter Männern gelitten. Als Kind wurde sie vom Vater verprügelt, als Erwachsene vom Ehemann misshandelt. Ständig ist Norma auf der Flucht – vor ihrer Vergangenheit und vor sich selbst.

Die einzig positive Konstante in Normas Leben ist ihr jüngerer Sohn Norman. Er ist ein Vorzeigesohn, nett und wohlerzogen. Nur ab und an hat Norman diese Aussetzer: Während seines ersten Blackouts hat er seinen Vater getötet, um seine Mutter von ihm zu erlösen. Daran erinnern kann er sich nicht.

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Kontrollierende Nähe und Normalität – das ist Normas Patentrezept zum Schutz ihres Sohnes vor sich selbst. Bloß weiß Norma ja selbst nicht, wie so ein normales Familienleben aussieht. Auch mit 18 darf Norman regelmäßig in ihrem Bett schlafen, den großen Löffel spielen – und er atmet bei jeder Umarmung eine tiefe Prise Mama-Duft.

Norman will Norma. Aber er darf sie körperlich nicht besitzen, das Inzest-Tabu macht Bruder Dylan als regulierender Faktor immer wieder klar. Also wird Norman zu Norma.

In der finalen Folge der dritten Staffel räumt er mit seiner Klassenkameradin Bradley die erste potentielle Partnerin durch einen brutalen Mord aus dem Weg, die der Mutter-Sohn-Beziehung gefährlich werden könnte. Für den Zuschauer verwandelt sich Norman während der Tat tatsächlich in Norma und fragt danach entsetzt: "Mutter, was hast du getan?"

Provokationsgrad: höher geht nicht – hier tropft das verbotene Verlangen aus jeder Szene. Ein Meisterstreich des subtilen Horrors, bedenkt man, dass Norman und Norma (bisher) nicht einmal miteinander geschlafen haben. Während die Beziehung zwischen den beiden einvernehmlich in Schräglage gerät, schildert Norma den Sex mit ihrem Bruder klar als Missbrauch.

2. True Detective: Bestie in Menschengestalt
(Bild: Getty Images)

17 Jahre lang sucht Detective Rust Cohle besessen nach einem Mörder, dem ungezählte Frauen und Kinder in Louisiana zum Opfer fallen. Obwohl Cohle dabei nihilistische Monologe über die Sinnlosigkeit von gesellschaftlichen Werten hält, lebt er diese vor: Unbestechlich, loyal, hochintelligent und empathisch ist er ein Paradebeispiel für den zivilisierten Menschen.

Der Mörder ist sein Gegenstück: Ein Hinterwäldler, der in einer Sumpflandschaft zurückgezogen in einem Messie-Haus lebt. Der seine Verwandten an Pritschen gefesselt qualvoll verhungern lässt. Der seine geistig zurückgebliebene Schwester von der Außenwelt abschottet, sie missbraucht und ihr einredet, das sei wie "Blümchen machen".

Inzest in der realen Welt

In vielen Ländern der Welt ist die Ehe zwischen Cousins und Cousinen kein Problem, in vielen Kulturen wird sie sogar favorisiert. Bis auf wenige historische Ausnahmen gilt Sex in der Kernfamilie – also zwischen Eltern und ihren Kindern oder unter Geschwistern – aber als weltweites Tabu.

Das ethnologische Standardwerk "Humanity" lehrt: "In keiner Gesellschaft ist es Mitgliedern derselben Kernfamilie erlaubt, Sex zu haben, zu heiraten und Kinder zu zeugen."

Auch in diesem Fall von Inzest haben wir es mit einer Bestie zu tun, die alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens missachtet oder in ihr brutales Gegenteil verkehrt. Cohle hat das schon zuvor geahnt: Das Leben sei ein Traum, sagt er in einer Szene. "Und wie in so vielen anderen Träumen auch wartet am Ende ein Monster auf uns."

Provokationsgrad: hoch. Die sexuelle Beziehung zwischen Mörder Errol und seiner zurückgebliebenen Schwester wird bloß in zwei Szenen der finalen Folgen gezeigt – hier aber sehr explizit.

3. Game of Thrones: Eigenliebe, Bruderliebe
(Bild: HBO / Helen Sloan)

Für die drachenreitenden Targaryens hatte die Vermählung von Brüdern und Schwestern jahrhundertelang Tradition.

Das Ziel: Erben von möglichst hoher Abstammung zeugen und die magische Blutlinie rein halten. Auch Daenerys ist lange davon überzeugt, dass sie ihren Bruder Viserys heiraten wird. Ein Glück für sie, dass dem Unsympath die Kohle ausgeht und er sie wie ein Stück Vieh an den König der Steppe verscherbelt.

Die Lannisters hingegen sind weltliche Herrscher – ihre Macht basiert auf ihrem Vermögen, nicht auf ihrer Abstammung. Hinter der Beziehung zwischen Cersei und Jaime Lannister steckt deswegen weniger politisches Kalkül, als eine individuelle Störung: Narzissmus.

Als Zwillinge sehen sich Cersei und Jaime laut George R.R. Martins Vorlage zum Verwechseln ähnlich und lieben sich auf wenig geschwisterliche Weise, seitdem sie Kinder sind. "Wir sind eine Person in zwei Körpern", erklärt Cersei Ned Stark. "Wenn er in mir ist, fühle ich mich ganz."

Als Jaime aus langer Gefangenschaft verstümmelt und geschunden an den Hof zurückkehrt, ist die Ähnlichkeit dahin. Was zu einer der umstrittensten Szenen der gesamten Serie führt: Cersei weist Jaime zum ersten Mal angewidert ab – und der vergewaltigt sie neben der Leiche ihres toten Sohnes.

Inzest in der realen Welt: ein Tabu

Experten streiten darüber, ob das Inzest-Tabu rein kulturell anerzogen ist oder auch biologische Ursachen hat. Durch repräsentative Studien fundierte Erkenntnisse gibt es nicht – über Tabus spricht man eben nicht.

Fest steht: Verwandte ersten Grades haben einen großen Teil ihres Erbgutes gemein. Liegt die Veranlagung zum Beispiel für geistige Behinderung, Herzfehler oder Erbkrankheiten wie Mukoviszidose in der Familie, steigt in inzestuösen Verbindungen die Wahrscheinlichkeit, sie an die Kinder weiterzugeben – zwingend ist diese Weitergabe aber nicht.

Oft wird kritisiert, dass Game of Thrones den Inzest nicht kritisch genug beleuchtet. Zumindest mit Blick auf die Nachkommen, die aus den verpönten Verbindungen entspringen, ist das nicht wahr: Die Targaryens haben mit Aerys ein historisch abschreckendes Beispiel geliefert, das ganz Westeros zitieren kann.

Der letzte Drachenreiter auf dem Eisernen Thron verfiel dem Wahnsinn und steckte sein Volk in Brand. Die wirksamste Inzest-Verhütungspille haben aber die Lannister-Zwillinge mit ihrem ältesten Spross in die Welt gesetzt: Joffrey, den Grausamen.

Provokationsgrad: hoch. Mal einvernehmlich, mal mit Gewalt, lieben sich die Lannisters vor der Kamera. Die Ränke, die Cersei schmieden muss, um ihre Nachkommen auf dem Thron zu halten, durchdringen die Handlung der gesamten Serie.

4. Hannibal: Cocktails aus Schwester-Tränen
(Bild: NBC)

Schweinezucht-Besitzer Mason Verger träumt in der dritten Staffel von Hannibal von einem Erben mit reinem Verger-Blut. Zwar hat Drehbuchautor Bryan Fuller die literarische Vorlage abgeschwächt und zeigt den sexuellen Missbrauch von Vergers Zwillingsschwester Margot nie explizit – Masons Absicht aber wird in Gesprächen über Nachkommen und seine quicklebendigen Spermien nur allzu deutlich. Schließlich lässt er Margot den – bereits von Will Graham befruchteten –Uterus entfernen und pflanzt ihn einem Schwein zur Austragung ein.

Natürlich trägt in der heutigen Zeit die Zeugung eines Kindes mit der eigenen Schwester nicht mehr zur Stärkung einer Dynastie bei. Sein untypischer Kinderwunsch ist ein weiteres Zeichen für Vergers seelische Störung: Als Sadist missbraucht und foltert er seine Schwester schon seit Kindestagen. Sein Lieblingsgetränk sind Martinis aus ihren Tränen.

Provokationsgrad: niedrig. Der Akt selbst wird nicht explizit gezeigt, sondern in Dialogen thematisiert. Klar als Missbrauch gekennzeichnet ist Vergers Verlangen nach seiner Zwillingsschwester wie bei True Detective ein Hinweis für den Zuschauer: Wir haben es hier mit einem Monster zu tun!

5. Die Borgias: Karrierebooster Geschwisterliebe
(Bild: dpa / Bernard Benant)

Sie tuscheln, sie tanzen, sie kuscheln – und sind sich dabei immer ein paar Zentimeter zu nah. Von Anfang an ist in den "Borgias" klar, dass die Geschwisterliebe zwischen Cesare und Lucrezia Borgia weiter geht als üblich.

In der dritten Staffel wälzt sich das Geschwisterpaar schließlich zu romantischer Musik in seidenen Leinen. "Warum sind wir mit diesem Gefühl gestraft, das dennoch so natürlich ist – und so gut?", seufzt Lucrezia.

Inzest in der realen Welt: ein Verbrechen

In Deutschland wird Sex zwischen Großeltern, Eltern und deren Kindern sowie zwischen volljährigen Geschwistern mit dem Paragrafen 173 des Strafgesetzbuchs ("Beischlaf zwischen Verwandten") mit einer "Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft".

Die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik widersprach diesem Paragrafen: "Das Argument, es müsse in Partnerschaften, deren Kinder ein erhöhtes Risiko für rezessiv erbliche Krankheiten haben, einer Fortpflanzung entgegengewirkt werden, ist ein Angriff auf die reproduktive Freiheit aller."

Auch der moralisch marode Adel des 15. Jahrhunderts findet die Verbindung nicht ganz so natürlich. Anstatt sich dem Tabu zu beugen und ins Exil zu fliehen, krempelt Cesare Borgia die Gesellschaft um: Er legt halb Italien in Schutt und Asche, eliminiert alle Kritiker und verschafft sich so eine unanfechtbare Position.

Dass er sogar seinen Vater, den Papst, übertrumpft, ist ein netter Nebeneffekt. Das Serienfinale aber macht deutlich, worum es ihm eigentlich geht: Endlich kann er ungestraft Lucrezias Ehemann ermorden und sie noch über dessen warmer Leiche küssen.

Provokationsgrad: extrem hoch – und im Gegensatz zu den anderen Beispielen unreflektiert positiv. Zwar muss sich Cesare Borgia an die Spitze der Gesellschaft morden, um das Verlangen nach seiner Schwester ungestraft stillen zu dürfen. Damit aber endet auch die Serie: Die Borgia-Geschwister, in Liebe vereint, auf dem Höhepunkt der Macht. Hier hat Inzest keinerlei negative Folgen.

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