Bild: Netflix
Wir haben mit jungen Menschen darüber gesprochen.

Eine Serie, die gerade beweist, dass deutsche Produktionen nicht immer so staubig aussehen müssen wie der "Tatort", läuft gerade bei Netflix. In "How to Sell Drugs Online (Fast)" will der nerdige 17-jährige Moritz seine Exfreundin Lisa zurückgewinnen. Die hat nach einem Auslandsjahr allerdings Ecstasy für sich entdeckt. Also bastelt Moritz zusammen mit seinem Kumpel Lenny einen Online-Shop für synthetische Drogen.

Die Serie ist spannend, es macht Spaß sie anzugucken. Aber "How to Sell Drugs Online (Fast)" vermittelt ein fragwürdiges Bild vom Drogenkonsum unserer Generation.

Inspiriert wurde die sechsteilige Staffel von der wahren Geschichte des Leipzigers Maximilian S. alias "Shiny Flakes", der aus seinem Kinderzimmer heraus einen millionenschweren Onlinehandel mit Drogen aufzog. Rund zwei Jahre lang verkaufte der damals 20-Jährige mehr als 900 Kilogramm Rauschmittel über das Internet – bis er 2015 aufflog und zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. (SPIEGEL ONLINE)

Was die Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" vermittelt: Drogen sind eigentlich ganz nett – und so richtig viele Nachteile gibt es nicht. Selbst "Bubba" (Bjarne Mädel), der vollkommen fertige Dealer, wirkt in seiner Rolle eher wie eine bemitleidenswerte Witzfigur. Nur einmal landet eine der Schülerinnen aufgrund einer Überdosis im Krankenhaus. Aber selbst diese Szene wirkt nicht schlimmer als der Tag nach einer Blinddarm-OP. Klar, denn nicht die Drogen selbst waren an diesem Zusammenbruch Schuld, sondern die Überdosis. Gefährlich wird es in der Serie nur, wenn man das Wohnzimmer nicht schnell genug aufgeräumt hat, bevor die Eltern wieder nach Hause kommen. 

Dass es nach dem Konsum von Ecstasy zu Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Angstzuständen und Depressionen kommen kann, wird in der Serie kaum thematisiert. Ganz zu schweigen von den unangenehmen Nebenwirkungen, die sich bei regelmäßigem Konsum einstellen: Mundtrockenheit, Übelkeit und Verspannungen der Kiefermuskeln. Später kann es zu Schäden an Leber und Nieren sowie Herz- oder Hirn kommen. (Sueddeutsche.de)

Wer in "How to Sell Drugs Online (Fast)" Stoff braucht, fragt einfach mal den Pumper im Sport-LK. Wer was verkaufen möchte, hängt sich an die Nerds im Mathe-LK. Alles kein Problem. Solange man sich an ein paar Regeln hält, wird auf Drogen alles nur noch besser. Und am nächsten Morgen hat man lediglich ein zerknautschtes Gesicht. Wir haben uns gefragt: Ist unsere Generation wirklich so kaputt und naiv, dass wir Pillen schlucken wie Kopfschmerztabletten? Ohne über die Folgen nachzudenken?

Wir haben mit drei jungen Menschen darüber gesprochen, wie realistisch die Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" ist. 

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Wir haben uns in der Redaktion gefragt: Wie realistisch stellt die Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" den Drogenkonsum junger Menschen dar? Deshalb haben wir bei Instagram und Facebook einen Aufruf gestartet, um junge Menschen, die die Serie gesehen haben, zu fragen, ob sich ihre Lebensrealität in der Serie widerspiegelt.

Nach dem Aufruf haben sich sehr viele Menschen bei uns gemeldet, die von ihren Erfahrungen mit Drogen berichteten. Mit drei von ihnen haben wir daraufhin persönlich gesprochen, sie wollten in diesem Text lieber anonym bleiben – ihre Namen haben wir geändert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.

Lisa*, 20, wohnt in einer Kleinstadt wie Rinseln

(Bild: privat)

"Es ist erschreckend, wie gut die Serie mein Leben beschreibt. Die Szene, in der die Abiturientinnen und Abiturienten bei Lisa zuhause feiern und einige von ihnen Ecstasy nehmen, hätte auch eine Szene aus meinem Leben sein können. Ich selbst habe noch keine synthetischen Drogen wie MDMA genommen. Aber ich weiß, dass ein Großteil meiner Freunde sowas hin und wieder nimmt. Genau wie in der Serie ist immer jemand anwesend, der nüchtern bleibt und sich um die anderen kümmert. Ich fühle mich nicht unbedingt unter Druck gesetzt, aber ich werde in der Disko häufig angesprochen, ob ich es nicht doch ausprobieren wolle. 

Ich konnte mich eher mit Moritz identifizieren. Er findet in der Serie heraus, dass seine Freundin Lisa Ecstasy nimmt. Ich habe auch herausgefunden, dass eine meiner besten Freundinnen Ecstasy nimmt – ohne mir davon zu erzählen. Bis sie irgendwann einen "Bad Trip" hatte und wegen einer Überdosis ins Krankenhaus musste. Inzwischen habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr. 

Lange habe ich mich mit dem Thema gar nicht auseinandergesetzt und wusste nicht mal, woran ich überhaupt erkenne, ob jemand Drogen genommen hat. Inzwischen achte ich bei anderen Menschen darauf. Zum Beispiel auf vergrößerte Pupillen. 

Ich habe mich gewundert, dass die Serie nur sechs Folgen hat. Die negativen Folgen werden viel zu wenig thematisiert. Man hat auch den Eindruck, man könne als Verkäufer von Drogen leicht davonkommen."

Max*, 23, nahm mit 18 Jahren das erste Mal Ecstasy

(Bild: privat)

"Mir hat zwar noch kein Dealer eine Waffe an den Kopf gehalten, aber ich habe schlimme Erfahrungen mit Partydrogen gemacht. An meinem 18. Geburtstag habe ich das erste Mal Ecstasy genommen. Mein bester Freund gab mir eine rote Pille mit einem Yin-und-Yang-Zeichen. Ich habe damals Drogen genommen, weil ich das Mädchen, auf das ich stand,  beeindrucken wollte – wie Moritz in der Serie. Ich nahm es immer wieder und lernte Leute kennen, die ständig etwas eingeworfen haben. Wir feierten bei mir zuhause, nahmen gemeinsam MDMA. Dabei war, wie in der Serie, oft ein Tripsitter dabei. So haben wir denjenigen genannt, der an dem Abend nichts konsumierte und aufpasste.

Ich begann, unter der Woche Drogen zu nehmen, probierte alles aus, zog Zuhause aus und brach mein Abi ab. Das ging zwei Jahre so. Dann hatte ich während einer Party bei einem Freund einen richtigen Horrortrip: Ich dachte, dass Fledermäuse auf mich fallen. Ich bekam Panik und weinte. 

Mit der Zeit bemerkte ich, dass sich meine Persönlichkeit veränderte. Ich wurde schnell aggressiv und sprach anders. Ich war nicht mehr ich selbst und hörte, auf Drogen zu nehmen. Drei Wochen lang schloss ich mich in meiner Wohnung ein und brach alle Kontakte ab. Das war hart, aber inzwischen bin ich seit drei Jahren clean.

Ich bin nie von der Polizei erwischt worden, aber es gab medizinische Konsequenzen für mich. Ich konnte mich vor dieser Zeit besser artikulieren, habe Schlafstörungen entwickelt und meine Leber geschädigt. Freunde von mir haben Depressionen bekommen. Diese negativen Langzeitfolgen werden in der Serie nicht gezeigt."

Julia*, 22, findet die Serie nur zum Teil realistisch

(Bild: privat)

"Drogen zu nehmen, war während meiner Schulzeit völlig normal. Ich hätte auch sofort gewusst, von wem ich etwas bekomme. Dabei ging es aber meistens ums Kiffen und nur in Einzelfällen um härtere Drogen. Da unterscheidet sich meine Lebenswelt schon stark von der Serie. Ich selbst habe mit 16 zum ersten Mal gekifft und beschlossen, dass es nichts für mich ist. Ich war damals das einzige Mädchen in der Clique meines Exfreundes, in der alle gekifft haben.

Pillen kenne ich aus dem Schulalltag nicht. Das kam erst, als ich anfing zu studieren. Zu der Zeit war ich auf WG-Partys eine Außenseiterin, wenn ich gesagt habe, dass ich noch nie solche Drogen genommen habe und wurde komisch angeschaut. Kiffen zählte hier gar nicht dazu. 

In meinem Bekanntenkreis ist jemand aufgrund seines Drogenkonsums gestorben. Vielleicht habe ich deshalb eine höhere Hemmschwelle. Ich war an den Uni-Partys dann meistens diejenige, die auf die anderen Leute aufpassen sollte. Mit der Rolle habe ich mich aber sehr unwohl gefühlt. Ich habe mich gefragt, warum ich das machen muss, nur weil ich nichts mit Drogen zu tun haben will. 

Ich finde den Umgang mit Ecstasy in meinem Umfeld naiv. Viele sagen, dass nichts passiere und es so "cool" sei. Genauso wie in der Serie. Über die negativen Folgen wird kaum geredet."


Fühlen

Mitte 20 und einsam – warum fühlen sich Millennials in Deutschland so oft allein?
Und wie können wir mehr soziale Kontakte finden?

Hunderte Views auf die Instastory, Tausende Follower bei Twitter – und trotzdem einsam? Wer das Gefühl hat, allein zu sein, ist damit in Deutschland nicht allein. Das geht aus einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hervor.

Jeder dritte Millennial in Deutschland fühlt sich einsamer als noch vor sechs Jahren. 

In der Auswertung geben etwa 9 Prozent aller Befragten zwischen 20 und 29 Jahren an, sich sehr oft oder oft einsam zu fühlen. Insgesamt sagten 29 Prozent, sie seien einsamer als bei der letzten Befragung. Die Studie vergleicht Daten aus dem sozio-ökonomischen Panel, einer regelmäßigen Telefonbefragung in Deutschland. 

Ausgewertet wurde sie von den IW-Forscherinnen und Ökonominnen Anja Katrin Orth und Theresa Eyerund. Sie haben die Daten von 2013 mit den jüngsten, verfügbaren Befragungen von 2017 verglichen. Ihr Gesamtergebnis: In Deutschland fühlen sich immer weniger Menschen einsam, aktuell sind es nur 9,5 Prozent der Befragten.

Doch es gibt Ausreißer: Neben den Millennials fühlen sich vor allem Frauen und Migranten isolierter als andere Befragte.

Wie kommt das? Und wie werden wir wieder weniger einsam? Das haben wir Ko-Autorin Anja Katrin Orth, 29, gefragt.

Katrin, wir gehören beide zur Generation der Millennials. Jetzt sagst du, in dieser Altersgruppe sei die Zunahme der Einsamkeit am höchsten. Was passiert da?

"Meine Kollegin und ich glauben, dass es vor allem mit der Zeit der Umbrüche zu tun hat, in der sich 20- bis 29-Jährige befinden. Viele ziehen von zu Hause aus, um zu arbeiten oder zu studieren. Das heißt, alte Freundeskreise brechen auf, Kontakte verschwinden – wir müssen uns erst wieder ein ganz neues soziales Umfeld aufbauen. Am schwierigsten ist das laut unserer Untersuchung übrigens für Azubis und Lehrlinge, obwohl sie ja Kolleginnen und Kollegen um sich herum haben."