Bild: picture alliance/Netflix/dpa
Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann, die Produzenten von "How to Sell Drugs Online (Fast)" im bento-Interview.

Drogen im Internet zu verkaufen, scheint zu funktionieren. Eine Serie darüber zu drehen, auch. 2019 wurde die erste Staffel von "How to Sell Drugs Online (Fast)" auf Netflix veröffentlicht. Die Serie erzählt, basierend auf einer wahren Geschichte, wie eine Gruppe Jugendlicher in ihrem Kinderzimmer Europas größten Online-Drogenversand gründet. Nun erscheint die zweite Staffel der deutschen Produktion. 

Wir haben mit den beiden Showrunnern Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann gesprochen. Über die Drogendiskussion in Deutschland, ihre gesellschaftliche Verantwortung als Produzenten der Serie und darüber, wie sie als Jugendliche selbst aufgeklärt wurden.

Philipp Käßbohrer (links) und Matthias Murmann, die Showrunner der Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)".

(Bild: Joseph Strauch)

bento: Die Drogendebatte wird in Deutschland seit Jahren kontrovers geführt. Wie nehmt ihr die Diskussion um Legalisierung und Konsum wahr? In welche Zeit kommt die zweite Staffel "How to Sell Drugs Online (Fast)"?

Matthias:​ Wir haben uns bei der Recherche zur Serie natürlich auch aktuelle Debatten der Bundesregierung angeschaut und waren, ehrlich gesagt, extrem erschrocken über die anachronistische Perspektive. Viel interessanter waren da die deutlich komplexeren wissenschaftlichen Arbeiten, auf die wir bei der Recherche gestoßen sind. Selbst die ​Polizei​ hat längst angeregt, den Konsum nicht zwangsläufig zu kriminalisieren. (SPIEGEL)

bento: In eurer Serie geht es vor allem um härtere Drogen. Die Jungs Moritz, Lenny und Dan verkaufen hauptsächlich Ecstasy.

Matthias:​ Gerade bei harten ​Drogen​ könnte sich Deutschland ein Beispiel an anderen Ländern nehmen, etwa an der Schweiz. Dort gibt es komplementär zu den Verboten deutlich mehr Aufklärung. Es gibt Zelte vor Partylocations, in denen die Feiernden ihre Drogen checken lassen können. So wissen die Leute zumindest, was sie genau konsumieren. Aufklärung ist wichtig, denn Konsum wird es immer geben. Bei unserer Recherche haben wir uns vor allem mit der Art und Weise auseinandergesetzt, wie die Generation Z mit Drogen umgeht. Aber auch wenn es im Titel steht, haben wir eigentlich keine Serie über Drogen gemacht. Das ist nur das Framework für eine Coming-of-Age-Geschichte.

Philipp:​ Es ist erst recht keine Serie übers Drogen nehmen, sondern, wenn überhaupt, übers Drogen verkaufen. 

bento: Ist das besser?

Philipp:​ Online-Kriminalität, in diesem Fall Online-Drogenhandel, ist ein einigermaßen neues Phänomen, auf das sich die Polizei und der Rechtsstaat dringend einstellen müssen. Es handelt sich meist um eine neue Art krimineller Personen, die in kein gängiges Ermittlerprofil passen. Bei Drogendelikten ist die Schwelle, ab der man sehr hart bestraft wird, außerdem generell sehr niedrig, selbst für Konsumierende. Wenn jemand ein Kilo Ecstasy verkauft oder 100 Kilo, verändert sich sein mögliches Strafmaß kaum. Das lädt natürlich dazu ein, sein Onlinegeschäft zu skalieren. Ein weiterer interessanter Aspekt des Handels im Darknet sind die Bewertungen. Sie beeinflussen die Qualität, denn niemand kauft bei Shops, die schlechte Bewertungen haben.

Matthias:​ Die zweite Staffel geht der Frage nach, wie weit sich unsere Figuren in die kriminelle Welt hineinwagen, um ihren Status im Internet zu verteidigen. Für sie fühlt es sich nur selten so an, als würden sie etwas Kriminelles tun. 

bento: Muss man in einer Serie wie eurer nicht auch die negativen Folgen des Drogenkonsums darstellen? 

Philipp:​ Wir verstehen uns nicht als Erziehungsberechtigte für unser Publikum. Die Serie zeigt in manchen Szenen die negativen Folgen des Drogenkonsums. Aber sie zeigt eben auch, dass heutige Jugendliche süchtig nach ​TikTok​, YouTube oder ​Instagram​ sind. Ich glaube, wenn jemand mit 14 Youtube-Star wird, macht das diese Person mehr kaputt, als wenn sie mal an einem Joint zieht. Davor warnt nur keiner. Wer denkt, dass Likes echte Anerkennung sind, hat keine gute Grundlage für sein späteres Leben. Wir wollen nicht entscheiden, was für junge Menschen in ihrer Entwicklung gefährlich ist und was nicht. Deshalb zeigen wir diese Gefahren gleichwertig. 

bento: Denkt ihr, eure Serie hält Menschen davon ab, Drogen zu nehmen, oder bringt sie dazu? An einer Stelle in der zweiten Staffel wird die Droge Codein erwähnt, die vor allem durch die Hiphop-Kultur in Deutschland populär geworden ist. Es heißt in der Szene, wenn man zwei funktionierende Nieren habe, sei der Konsum kein Problem. Dabei ist es einfach ein extrem abhängig machendes Opiat und in keiner Weise harmlos. 

Philipp:​ Die Figur, die diesen Satz sagt, ist ja keine Ärztin, sondern eine Teenagerin mit "no future"-Attitüde, die ihr Leben offensichtlich nicht unter Kontrolle hat. Außerdem wird die Aussage sofort von einer anderen Protagonistin in Frage gestellt. Soviel Reflexionsvermögen trauen wir unserem Publikum zu. 

bento: Gibt es Richtlinien, an die ihr euch bei der Darstellung von Konsum und Handel haltet?  

Matthias:​ Wir arbeiten seit knapp zehn Jahren vornehmlich mit dem öffentlich-rechtlichen ​Fernsehen zusammen und haben unseren moralischen Kompass dementsprechend geschärft. Außerdem sind wir im ständigen Austausch mit den Leuten bei Netflix, die da auch sensibilisiert sind. Dass wir mit einem gewissen Anspruch an unser Publikum herantreten und es zum Mitdenken auffordern, haben alle unsere Produktionen gemein. Ginge es in unserer Serie um Gewaltdarstellungen, würden wir so ein Gespräch übrigens gar nicht führen. 

bento: Haben eure Eltern euch sensibilisiert? Wie lief eure Aufklärung ab? 

Matthias:​ Ich war mit meiner Schulklasse mal bei der Polizei. Da konnten wir Drogen in einem Glaskasten anschauen. Die Präsentation war komplett auf Kriminalisierung ausgerichtet. In der Jugend hat gefühlt jeder mal Kontakt mit Gras. Aber ehrlich gesagt, war ich immer zu nerdy, um mich mit Drogen eingehender zu beschäftigen und viel zu kiffen oder so.

Philipp:​ Wir sind in einer ganz anderen Gesellschaft aufgewachsen: Kleinstadt, keine Literatur über Drogen, kein Internet. Man kannte alles nur vom Hörensagen. Manche haben positive Geschichten über Drogen erzählt, andere sehr negative. In der Rückbetrachtung sehe ich es als großen Vorteil an, dass ich deshalb immer Schiss vor Drogen hatte. Das ist bei jungen Leuten heute anders. Im Internet gibt es detaillierte Erfahrungsberichte und genaue Anleitungen zu Menge und Wirkung. Und mit einer kurzen Recherche kann man sich jede beliebige Droge aus dem ​Internet​ in seine Kleinstadt bestellen. Sogar während einer Pandemie.

Matthias:​ Deshalb muss der Staat progressiver und smarter mit dem Thema umgehen. Die Zeiten, in denen es wirksam war, Drogen einfach nur zu verteufeln, sind vorbei. 


Gerechtigkeit

Alexa bietet Erotikmassagen – unter Corona arbeitet sie damit illegal
Warum Sexarbeit immer noch im Lockdown ist – und was das für viele Frauen bedeutet.

"Die Männer fragen immer nach dem Extra", sagt Alexa am Telefon, "immer". Ob es um Blowjobs gehe, Handjobs oder auch richtigen Sex – am Ende sei keiner nur wegen einer Rückenmassage gekommen. Und das ist für Alexa ein Problem. Sie bietet erotische Massagen in einem Appartement in Hamburg an. Aber was sie dort mit den Männern macht, ist derzeit eigentlich nicht erlaubt.

Seit Mitte März ist Sexarbeit in allen Bundesländern verboten, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. In 10 von 16 Bundesländern sind zudem auch andere sexuelle Dienstleistungen wie Tabledance untersagt. Es ist kaum zu erwarten, dass sich das demnächst ändert. Auch in Hamburg gilt ein allumfassendes Verbot, also nicht nur für die Bordelle, sondern für alle Orte, an denen Prostitution angeboten wird: Terminwohnungen, Autos und Massagestudios sowie bei Haus- und Hotelbesuchen (Hamburg.de). 

Wer Massagen mit "Happy End" anbietet, also Massagen, deren Ziel ein Orgasmus beim Kunden oder der Kundin ist, begeht damit eine Ordnungswidrigkeit. Die Geldstrafen können aber viele nur zahlen, wenn sie illegal weiterarbeiten.

Das Prostitutionsverbot unter Corona lässt Schlupflöcher entstehen

Alexa kommt aus Russland und bietet "Happy Ends". Ihr Alter will sie nicht nennen, der Name ist ein Pseudonym. Zu groß ist ihre Angst, aufzufliegen. Im Netz ist sie auf einem Szene-Portal gelistet, man kann mit ihr über Whatsapp chatten und einen Termin ausmachen. Eigentlich ist Alexa ausgebildete Massagetherapeutin und Akupresseurin. Als Freiberuflerin kommt sie damit aber nicht über die Runden, sagt sie – und hat sich daher als Erotikmasseurin ein zweites Standbein aufgebaut.

In den ersten Monaten der Coronakrise sei es sehr schwer gewesen, sagt Alexa. "Viele Männer hatten Angst, es war nix los." Sie habe angefangen, in Onlinekursen Programmieren zu lernen. "Ich will in die IT, Schluss mit Erotikmassagen." Doch als im Mai Kontaktbeschränkungen für Wellness-Massagen, Frisöre und Kosmetikstudios gelockert wurden, fing auch Alexa wieder an, zu massieren.