Wer eine ehrliche Dokumentation erwartet hat, wird von "Homecoming" enttäuscht sein.

Wer schon mal ein Beyoncé-Konzert besucht hat, weiß: Hier läuft nichts schief. Gar nichts. Jeder einzelne Schritt wirkt wie vorher abgezählt, jeder Hüftschwung wie tausendmal geübt, selbst ein Lächeln von Queen Bey passt nur in die dafür vorgesehene Lücke.

Sie ist DIE Künstlerin unserer Zeit. Ihre Stimme, ihre Auftritte: mehr Perfektion gelingt gerade niemand anderem in der Musikszene.  

Die Netflix-Doku "Homecoming" zeigt beide ihrer Sets beim Coachella-Festival 2018 und ihren Weg dorthin. Beyoncé war die erste weibliche afroamerikanische Headlinerin des legendären Festivals in Kalifornien. Sämtliche US-Medien feiern die Dokumentation als einen der größten Konzert-Filme allerzeiten. Dabei fühlt man sich als Zuschauerin von 137 Minuten Präzision erschlagen.

Im Voiceover beschreibt Beyoncé was ihr der Auftritt bedeutet: "Mein College war Destiny´s Child", sagt sie. "Mein College reiste um die Welt und das Leben war mein Lehrer." Coachella sei das Homecoming – also der Ball für ehemalige Schüler, den sie nie hatte. Eines der zahlreichen Outfits sind deshalb auch glitzernde College-Pullover. Die 200 Tänzerinnen und Tänzer sind ihre Mitschüler, sie ist die Homecoming-Queen – das ergibt sich, als sie die Bühne als Cleopatra betritt. 

Schon lange geht es bei Beyoncé nicht mehr nur um ihr Talent als Künsterlin. Sie zelebriert sich als starke Frau, steht für Gleichberechtigung, kämpft für Feminismus und Black Empowerment. Genau das ist auch die Stärke der Dokumentation. Zitate berühmter schwarzer Intellektueller und Künsterlinnen erscheinen zwischen Aufnahmen ihrer beiden Coachella-Auftritte im vergangen Jahr und den Videos der Proben. Schriftstellerin Audre Lorde wird zitiert: "Ohne Gemeinschaft gibt es keine Befreiung." Deshalb stehen auch immer wieder die Marching Band, Tänzer, Sänger, Trompeter, Choreographen im Vordergrund der Aufnahmen – doch nicht ihr Schweiß, ihre Entbehrungen, sondern allein die Freude über dieses eine, ganz besondere, alles überragende Event. Wie sie sich anfeuern, gegenseitig applaudieren, lachend auf die Bühne steigen.

Doch eine Dokumentation verspricht kein Disney-Märchen. Dokumentationen zerlegen die 42 Kilometer eines Marathon-Laufs in seine Einzelteile, die 195 Meter Einlauf ins Ziel sind dann nur noch der Vollständigkeit halber zu nennen. "Homecoming" aber fühlt sich an wie ein Zieleinlauf in Dauerschleife. 137 Minuten Happy End. 

Die zwei Coachella-Sets, die Beyoncé im vergangen Jahr spielte, gleichen sich wie zwei Schoko-Osterhasen. Sie werden so zusammengeschnitten, dass sich daraus ein Auftritt ergibt. Wären die Kostüme nicht einmal gelb und einmal pink und die Besetzung manchmal eine andere, würde es kaum auffallen – ein weiterer Beleg für die Exaktheit und Akribie, mit der die Crew arbeitet. Aber wie erreicht man das? Wie viel Zeit mit Familie und Freunden mussten die 200 Frauen und Männer aus dem Team entbehren? Wie viele Verletzungen auskurieren? Wie geht es den Reservetänzern, die dann doch nur zugucken dürfen? Die Auflösung dafür gibt es in der Dokumentation nicht. 

Jedes Gesicht im Publikum flippt aus, schreit vor Freude, zum Beispiel wenn Beyoncé ihr Handtuch in die Menge wirft. Hier bricht niemand in der ersten Reihe zusammen. Und auch Beyoncé zeigt uns nur so viele Schweißperlen wie sie möchte, keinen Tropfen zu viel, keine Hüftschmerzen wie bei Lady Gagas Netflix-Doku "Five Foot Two". Eine Beyoncé breitet ihre Schmerzen nicht aus.

Alles, was sie preis gibt, ist die Information über eine schwierige Zwillingsschwangerschaft und ihren Kampf gegen die Kilos. Ja, sie zeigt, wie sie es körperlich kaum schafft, mit ihren Tänzerinnen und Tänzern mitzuhalten. Es ist ein Kampf, aber kein Leid. Im privatesten Moment der Dokumentation skypt Beyoncé mit ihrem Mann Jay-Z und zeigt ihm, wie sie wieder in ein engeres Outfit passt – nachdem sie einen strikten Ernährungsplan befolgt hat. Ausgerechnet so ein Moment soll andere Frauen Mut machen?

Beyoncé knuddelt ihre drei Kinder, sie betet gemeinsam mit ihrem Team, sie feiert eine Party – privater wird es nicht. Weil Beyoncé meist als Voiceover spricht, scheint sie über den Dingen zu schweben. Und immer schützt ein Schleier den Blick hinter die Kulissen. Während die Coachella-Auftritte perfekt ausgeleuchtet sind und jeder Kamerawinkel sitzt, erscheinen die Backstage-Aufnahmen meist in schwarz-weiß. Einige mögen das für klug halten: Wer weniger zeigt, macht sich weniger angreifbar. Doch es bleiben zu viele Fragen offen: Wer kümmert sich um das Management, während Beyoncé ihre Choreos übt? Wer kocht das Essen, das keine Kalorie zu viel beinhaltet. Es fehlen ein paar mehr Momente der Qual statt der Qualität. 

Der einzige Makel, den die Sängerin zulässt, ist ein offener Strumpfhalter während des Auftritts. Als Zuschauer irritiert so eine Kleinigkeit schon die perfekte Inszenierung. Dabei sollten solche Momente die Selbstverständlichkeit sein. Beyoncé verkauft schließlich die Bühne als ihr Zuhause. Doch zu Hause lässt man sich doch auch mal gehen, räumt die dreckigen Teller nicht gleich beiseite und hinterlässt im Bad ein Chaos. Davon hätte es ruhig mehr geben können. 

* Wir haben im Text korrigiert, dass es sich bei Homecoming um einen Ball für ehemalige Schüler handelt. 

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Style

Limited Edition: Warum habe ich das Verlangen, einen viel zu teuren Ikea-Teppich zu kaufen?

Anfang April wurde bei Ikea ein neuer Teppich zum Verkauf angeboten.

Was normalerweise eigentlich nur eine Randnotiz im Newsletter des schwedischen Möbelhauses sein sollte, dominiert seit Wochen die Style- und Modeblogs dieser Welt. Der Grund? Es war nicht "irgendein normaler Teppich". Der Läufer, auf dem in Großbuchstaben "KEEP OFF" steht, wurde von Virgil Abloh designt.

Abloh ist mit seinem Label Off White und Arbeiten für Louis Vuitton und Nike im Moment einer der gefragtesten Designer der Welt. Für Ikea entwickelte er nun eine Reihe von Möbeln und Wohn-Accessoires, die für jeden bezahlbar sein sollen. 

Bevor die gesamte Kollektion allerdings ab kommenden November in Deutschland erhältlich sein soll, erschien der Teppich - natürlich streng limitiert. Den Kauf konnte man deswegen auch nur über ein ausgefülltes Formular "gewinnen". Gehörte man zu den 1300 glücklichen Siegern, wurde man telefonisch benachrichtigt und konnte ihn sich für 450 Euro abholen. (GQ)