Bild: picture alliance/dpa
Ich habe die Helene Fischer Show besucht – doch am Ende war ich einfach nur verstört.

In der U78 Richtung Düsseldorf Messe beschlagen die Scheiben. Die vielfach ein- und wieder ausgeatmete Luft trägt immer wieder eine Prosecconote zu mir hinüber. Während ich mich nach einer der Haltestangen strecke und dabei versuche, keinen der regennassen Fellkragen an den Winterjacken zu berühren, frage ich mich, was ich hier tue. Denn um mich herum stehen und sitzen Dutzende Fans einer Frau, für die ich mich bisher nicht besonders begeistern konnte: Helene Fischer. 

Heute Abend wird in einer der Düsseldorfer Messehallen die Helene Fischer Show aufgezeichnet, die seit 2011 jedes Jahr mehr als fünf Millionen Menschen vor den Fernseher zieht – und offenbar auch zehntausend Leute zu jedem der Aufzeichnungstermine. Obwohl ich das Phänomen Helene Fischer jahrelang eher belächelt habe, kann ich nicht leugnen, dass es mich auch fasziniert. Ich will wissen, warum so viele Menschen am 25. Dezember stundenlang eine kitschige ZDF-Sendung gucken, während sie im restlichen Jahr nicht besonders große Schlagerfans sind. 

Ich möchte verstehen, warum die Menschen Weihnachten mit Helene Fischer verbringen wollen.

"So Rainer, jetzt Konzentration, nicht abdrängen lassen", sagt eine Frau mittleren Alters zu ihrem Mann. Wir stehen nebeneinander in einer 20 Menschen breiten und endlos langen Schlange am Eingang zur Messe Düsseldorf. Hinter uns brummt währenddessen immer wieder empört eine deaktivierte offene Ticketschranke und lässt ein rotes Kreuz aufleuchten. Sie hat heute eigentlich keine Funktion, doch ihr Vorhandensein veranlasst die Besucherinnen und Besucher trotzdem dazu, die Barcodes ihrer teuer erkämpften Tickets unter den Leser zu halten. 

Wenn es der Vordermann tut, dann tu ich es auch, scheint hier das Motto zu sein. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, wie bezeichnend das für den restlichen Abend ist.

Ein Jahr lang konnten die Fans ihr Idol nicht mehr live sehen – bis auf einen kurzen Überraschungsauftritt beim Schlagerboom im November. Nach der Trennung von Florian Silbereisen Ende vergangenen Jahres hatte sich Helene Fischer aus der Öffentlichkeit größtenteils zurückgezogen. Keine Auftritte, nur ein einziges Interview, keine Konzerte. Entsprechend schnell waren die Karten für die Weihnachtsshow dieses Mal ausverkauft. 

Die glücklichen Ticketbesitzerinnen und -besitzer strömen nun in den Eingangsbereich, machen Fotos mit dem Showplakat und stellen sich in die längsten Schlangen, die ich vor Essensständen je gesehen habe. Neben mir trällert ein Mann fröhlich "Atemlos durch die Nacht", während zwei ältere Frauen etwas umständlich versuchen, ihre gerade erstandenen Leuchtstäbe mit "Helene"-Aufschrift anzuschalten.

(Bild: Hanna Zobel)

Ich fühle mich dazwischen etwas verloren. Nun ja, denke ich, vielleicht verstehe ich es aber auch erst, wenn ich sie endlich live erlebt habe. So ging es mir schließlich auch schon bei einem Konzert der Kelly Family, das ich gerne ironisch kommentieren wollte – dann aber von der Wärme der Musikerinnen und Musiker sowie der liebevollen Hingabe ihrer Fans beschämt wurde. So wird es an diesem Abend sicherlich auch sein. 

Doch schon der erste Programmpunkt macht mir Schwierigkeiten.

Ein Crowd-Anheizer rennt auf die Bühne, um die Menge in Stimmung zu bringen. Geht ja nicht, dass später zehntausend Personen im Fernsehen zu sehen sind, die ohne vorheriges Warmjubeln den Star des Abends begrüßen. Doch statt weihnachtlich-fröhlicher Vorfreude steigt in mir nur immer mehr Unbehagen auf.

Der Mensch namens Markus beginnt mit Klassikern wie dem Üben verschieden lauter Applausstufen, wechselt dann zu einem Mitsingtraining, doch Helene ist immer noch nicht in Sicht. Also brüllt er dem Publikum irgendwann nur noch Werbesongs entgegen: "Haribo macht Kinder froh..." – "...und Erwachsene ebenso", schreit die Menge begeistert zurück. Auch auf ein "Nichts ist unmöglich" – "Toyota" und ein "Zickezacke, zickezacke" – "oi, oi, oi" lassen sie sich bereitwillig ein.

Als Helene Fischer endlich die Bühne betritt, bin ich erleichtert. "Frohe Weihnachten", ruft sie strahlend. Die Menge jubelt, Rentiergeweihe und Engel-Heiligenscheine blinken auf den Köpfen. Weihnachtsstimmung kommt trotzdem eher weniger auf. Schließlich ist heute erst der 13. Dezember.

(Bild: Hanna Zobel)

Meine Erleichterung hält allerdings nicht lange an. Denn was folgt, sind mehr als vier (!) Stunden der verwirrendsten Show meines Lebens. 

Auf der riesigen Bühne wird stets nur eine Seite benutzt, während die andere bereits für den nächsten Act umgebaut wird. Das wäre an sich nicht störend, wenn es irgendeine Form von Übergang gäbe. Der fehlt jedoch und so hecheln mein verwirrtes Hirn und Augen durch zusammenhangslose Szenen:

Helene Fischer singt erst mit Howard Carpendale "Ti amo", dann mit Kindern und Olaf dem Schneemann Disney-Lieder und mit einem Schottenorchester "Amazing Grace". Kurz darauf tanzt sie mit Comedian Ralf Schmitz den Gangnam-Style, den Ketchup-Song (das Publikum ist in Ekstase – das kennen sie!), singt mit Michelle Hunziker einen italienischen Song, spielt "My Fair Lady" mit Thomas Gottschalk und hüpft auf Gummibällen zu "Wrecking Ball" über die Bühne, bevor ein vor Fackeln platzierten gegorianischer Mönchschor auftritt. 

Was passiert hier?!

Nach der Pause geht es weiter mit Helenes wildem Ritt durch jegliche Bühnenbilder, die das ZDF auftreiben konnte. Andreas Gabalier singt auf dem linken Bühnenteil "Hulapalu", während sich auf dem mittleren bereits rund 20 Bauchtänzerinnen aufreihen, mit denen Helene eine Minute später einen Tanz hinlegt, der sehr unangenehm an kulturelle Aneignung denken lässt. Die aus dem Libanon stammende Tanzgruppe umrahmt die strahlend-blonde Helene, die ihre Hüften schwingt. Noch unangenehmer ist nur der Moment etwas später in der Show, als sie mit der ebenfalls sehr weißen Sängerin Oonagh auf Swahili singt und dazu schwarze Tänzer um sie herum springen. 

Doch selbst wenn diese Cringe-Momente nicht wären, könnte ich die Show nicht genießen. 

Neben Sinn und Struktur fehlt vor allem eine Gastgeberin, die durch den Abend führt, anstatt nur kurz aufzutauchen, einen durchgetakteten Auftritt hinzulegen und für den nächsten Kostümwechsel wieder zu verschwinden. Während ich bei der Kelly Family eine Verbundenheit zwischen Bühne und Publikum spürte, wird hier nur ein Programmpunkt nach dem nächsten abgehakt, und ein bombastisches Bühnenprogramm nach dem nächsten verfeuert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer bleiben sich selbst überlassen, sie müssen lediglich funktionieren – und dafür sorgt der Pausen-Motivator, nicht Helene.

(Bild: Hanna Zobel)

Obwohl ich Helene Fischer noch nie so nah war, bleibt mir sie mir deshalb auch an diesem Abend so fern wie bisher. 


Gerechtigkeit

Häusliche Gewalt: Wie Timo versucht, nicht mehr zu schlagen
Elfmal kam die Polizei, das Jugendamt nahm die Kinder aus der Familie.

Erst als er seinen Sohn weinen hörte, ließ er von ihr ab. Ließ sie los, seine eigene Frau, und dachte sich: "Oh, Scheiße."

Timo war von der Arbeit nach Hause gekommen, schlecht gelaunt, ein paar Spielsachen lagen im Wohnzimmer herum. Nichts Weltbewegendes, sagt er heute. Eine Frechheit, dachte er damals. Timo raunte seine Frau Sarah an, die Mutter seiner drei Kinder. Sie diskutierten, stritten, wurden immer lauter – dann explodierte er. 

Packte sie an den Haaren. Schüttelte sie. Schrie sie an. Holte aus. Schlug zu. Mit der Faust ins Gesicht.

Dann hörte er seinen Sohn schreien. "Oh, Scheiße." Wenig später klingelte die Polizei. Zum elften Mal in zwei Jahren. 

Jede Stunde wird in Deutschland eine Frau Opfer von häuslicher Gewalt. Das geht aus dem Jahresbericht des Bundeskriminalamts hervor. 114.393 weibliche Opfer von Partnerschaftsgewalt sind dort für 2018 erfasst. Eine andere Zahl in der Statistik: 93.813. So viele männliche Tatverdächtige wurden im selben Jahr registriert.

Timo, 36, Lackierer bei einem großen Autohersteller, ist einer von ihnen. Im Videotelefonat mit bento hat er über eine Perspektive gesprochen, die selten öffentlich thematisiert wird: die der Täter.