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Neu auf Netflix: "Have a good Trip"

LSD wurde jahrzehntelang in einem Atemzug mit Kokain und Heroin genannt, obwohl es sich in Suchtpotenzial und Konsumart deutlich von diesen "harten" Drogen unterscheidet. Inzwischen scheint ein Umdenken stattzufinden, im Drogenbericht 2019 der deutschen Bundesdrogenbeauftragten wird der Stoff nicht einmal mehr in der Tabelle mit aufgeführt. Studien halten die Droge seit Jahren für deutlich weniger gefährlich und suchterregend als etwa Alkohol.* 

Im Silicon Valley, dem Herz der US-amerikanischen Tech-Revolution, sind LSD und ähnliche Drogen trotz Illegalität seit Jahren gefragt, selbst Apple-Gründer Steve Jobs schwor darauf. Das bei den Tech-Gurus beliebte Microdosing, also die Einnahme geringster Mengen, dient im Sinne der neoliberalen Verwertungslogik allerdings eher dem Leistungs-Doping, nicht der Freizeitgestaltung (SPIEGEL+, €)

Netflix nähert sich in "Have a good Trip" den unterschiedlichen Seiten von LSD

Der teils dokumentarische Film "Psychedelische Abenteuer: Have a good Trip" hat zahlreiche Weltstars vor die Kamera bekommen, die Drogen wie LSD oder Magic Mushrooms im Laufe ihres Lebens zum Spaß genommen haben – und hier von ihren guten und schlechten Erfahrungen damit berichten. Über 11 Jahre hat Regisseur und Autor Donick Cary an dem bunten Flickenteppich gearbeitet, und dafür unter anderem mit Sting, Ben Stiller, Carrie Fisher und A$AP Rocky gesprochen.

Eine wirkliche Doku ist der Film nicht, dafür sind die trippigen Animationen und nachgestellten Szenen oft zu albern. Etwa, wenn Comedian Nick Kroll einen Pilzrausch beschreibt – und seine Halluzinationen eines Algenmonsters von ihm selbst für den Film nachgespielt werden. In solchen Momenten merkt man, dass der Regisseur selbst aus dem Comedy-Bereich kommt.

Nick Kroll selbst spielt Nick Krolls herbei halluziniertes Algenmonster.

(Bild: Netflix)

"Have a good Trip" sieht sich selbst wohl als Gegendarstellung zu in den USA staatlich finanzierten (und wissenschaftlich oft wenig fundierten) Angst-Kampagnen, die jungen Menschen den Eindruck vermitteln sollen, jeder LSD-Trip ende mit einem Sprung aus dem Fenster. Dass Verbote und Schreckensbilder aber nicht zu einem bewussteren Umgang mit illegalen Substanzen führen, haben die vergangenen Jahrzehnte der Prohibition bewiesen. (Cato Institute / Guardian / ACLU)

Der Film versucht auf seine überzeichnete und alberne Weise, Nutzerinnen und Nutzer zu einem sicheren Umgang zu lenken und gleichzeitig mehr gesellschaftliches Verständnis für die positiven Effekte der Droge zu schaffen.

Ein großer Fokus dieser Erzählung: Die seinerzeit von Ronald Reagan in die ganze Welt exportierte Verbotspolitik habe in der Medizin eine große Lücke hinterlassen. Denn vor allem in der Psychotherapie hegt man große Hoffnungen auf die Heilwirkung von LSD und anderen psychedelischen Drogen. Erste Studien deuten auf ein hohes Wirkpotenzial bei der Behandlung von Depressionen, PTBS oder Angststörungen hin. Teilweise bereits nach der ersten Nutzung. (MAPS)

Die Jungs aus "Workaholics" spielen die Hauptrolle in einer dramatischen Nacherzählung von Starkoch Anthony Bourdains erstem miesen Trip.

(Bild: Netflix)

In Israel, Kanada, den USA und sogar Deutschland soll das nun näher erforscht werden. Denn LSD und ähnliche bewusstseinserweiternde Drogen wie Ayahuasca, DMT oder Mescalin könnten (unter therapeutischer Begleitung) dabei helfen, die Perspektive auf auf das eigene Leben zu verändern. Vermeintliche Probleme entpuppen sich dabei als Nichtigkeiten, andere offenbaren sich. Nicht wenige ändern nach einem heilsamen Trip ihren Umgang mit ihren Mitmenschen, der Natur oder der Arbeit.

Bei allem Spaß klammert der Film die negativen Aspekte der Drogennutzung nicht aus, widmet ihnen aber auch nicht zu viel Raum: Der viel beschworene "schlechte Trip" ist zwar ein großes Thema. Allerdings weniger als Schreckgespenst und Einbahnstraße in die Psychiatrie, sondern als mahnendes und einschneidendes Erlebnis, das bei seinen prominenten Opfern ein Umdenken anregte. 

Ob die Warnung ankommt? Etwa ein Prozent der LSD-Konsumenten gaben bei der Global Drug Survey 2017 an, sich wegen zu starker Dosierung und Kontrollverlust ärztliche Hilfe gesucht zu haben. Weniger als bei Alkohol, ja. Aber eben doch nicht niemand. 

„Klar, Drogen sind gefährlich. Aber sie können auch extrem lustig sein.“
Nick Offerman in "Have a Good Trip"

In der Mitte des Filmes geht "Have a Good Trip" zwischenzeitlich leider etwas die Puste aus. Wohl auch, weil einige der Schwergewichte, die Donick Cary zuerst interviewen konnte (unter anderem Ozzy Osborne, Susan Sarandon und Patton Oswalt), später doch nicht im Film auftauchen wollten (Guardian). Das Aufgebot an Perspektiven und bekannten Gesichtern ist trotzdem beeindruckend. Wer sich für viele Pros und sparsam eingesetzte Contras zur LSD-Nutzung interessiert, bekommt hier einen unterhaltsamen Einblick. 

"Psychedelische Abenteuer: Have a Good Trip" (86 Minuten) ist auf Netflix zu sehen. 

*Zum Beispiel: Global Drug Survey 2017 oder "Drug Harms in the UK: A multicriteria decision analysis" (The Lancet, 2010). Die aktuelle Global Drug Survey untersucht die psychische Heilwirkung von betreuten Retreats mit LSD, Pilzen oder Ayahuasca.


Fühlen

Coronakrise: Was der Kontrollverlust mit Magersüchtigen macht
Unsere Autorin hat Magersucht. Wie sich die Corona-Schutzmaßnahmen auf ihren Heilungsprozess auswirken.

Wenn ich morgens aufwache, hören sich meine Gedanken so an: "Soll ich jetzt aufstehen, frühstücken und laufen gehen, oder bleibe ich lieber bis mittags liegen - Frühstück fällt dann schon mal weg? Soll ich einfach den ganzen Tag liegen bleiben und gar nichts essen? Wozu überhaupt aufstehen? Außer zwanghaft herumlaufen kann ich eh nichts machen, das sich für mich produktiv anfühlt. Wieso also essen, wenn ich absolut nichts leiste?"

Seit den Corona-Schutzmaßnahmen sind diese Gedanken noch stärker geworden. Schließlich habe ich gerade kaum andere Möglichkeiten: entweder den ganzen Tag drinnen bleiben, oder auch mal draußen "spazieren gehen" – was bei mir eher einem zügigen Walken ähnelt. Auch wenn ich mich in der Wohnung beschäftigen kann, für meinen Kopf zählt das nicht, es gibt nur zwei Kategorien: Bewegung oder Nicht-Essen. Nur in der Wohnung "aktiv" sein und trotzdem ganz normal meine vollen vier bis fünf Mahlzeiten essen? No way!

Die Empfehlung der Ärzte: Nicht sozial zurückziehen, ausgehen, viel unternehmen

Vor wenigen Wochen erst bin ich nach einem halben Jahr aus der Klinik zurückgekommen, in der ich wegen meiner Magersucht in Behandlung war. Die Empfehlungen meiner Ärzte und Therapeuten lauteten bei der Entlassung Ende Februar: "Nicht sozial zurückziehen, sondern ausgehen, viel unternehmen, leben!" Nach nur ein bis zwei Wochen kamen Schlag auf Schlag die Kontaktbeschränkungen. Reitstunden und Fahrschule, womit ich nach der Klinik eigentlich wieder beginnen wollte, fielen weg. Tschüss Leben, willkommen zurück Essstörung. In der Klinik habe ich viel gelernt, aber wie ich in Zeiten einer Pandemie, die das Leben nahezu aller Menschen auf den Kopf stellt, mit alten Verhaltensmustern, extremer Unsicherheit und Ungewissheit umgehe, das war kein Thema.

Grob unterscheidet man zwischen drei Arten der Essstörung: Anorexia nervosa (auch Magersucht oder Anorexie), Bulimia Nervosa (Bulimie) und die Binge-Eating-Störung. Daneben gibt es allerdings noch zahlreiche Mischformen und nicht genauer bezeichnete Arten der Essstörung.

Etwa zehn bis 20 von 1000 Frauen in Deutschland leiden im Laufe ihres Lebens an Magersucht, das sind auf die Gesamtanzahl der Frauen in Deutschland gerechnet immerhin über 800.000 (BZgA). Hinzu kommen noch der zwar etwas geringere, aber dennoch vorhandene Prozentsatz an erkrankten Männern, sowie die in etwa gleich hohen Zahlen der Bulimie- und Binge-Eating-Erkrankten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Dunkelziffer der Betroffenen, die aus Angst nie Hilfe in Anspruch nehmen, oder denen gar nicht bewusst ist, dass ihre "abnormalen Essgewohnheiten" krankhaft sein können, und die deshalb in den Statistiken nicht erfasst werden.

Das gemeinsame Essen fällt weg - das kann zu Rückschritten führen

Faktoren wie Einsamkeit, Stress, gesundheitliche oder finanzielle Sorgen wirken sich stark auf die Psyche aus. Das alles sind Umstände, die derzeit durch den empfohlenen sozialen Rückzug und die zusätzliche wirtschaftliche Krise durch Corona verstärkt werden. So werden bereits vorhandene psychische Leiden verstärkt, selbst "gesunde" Menschen bringt das mit der Zeit aus dem seelischen Gleichgewicht.

Gerade bei Patienten mit Essstörungen sind soziale Kontakte oft eine große Motivation für die Genesung (Studie der Northumbria University). Neben der Unterstützung von Freunden und Verwandten fällt mit dem Social Distancing auch der zwischenmenschliche Faktor des gemeinsamen Essens weg: Sei es beim Festessen an Weihnachten oder beim Mittagessen mit den Kollegen – gemeinsame Mahlzeiten festigen soziale Beziehungen, bereiten Freude und sind ein fest verankerter Teil des Zusammenlebens. Als Essgestörter aber muss man meist lernen, das Leben und damit auch das Essen wieder zu genießen, jedoch fallen Restaurantbesuche, Essen mit Freunden oder Feste momentan aus. Das kann zu Rückschritten im Essverhalten führen.

Eine Gewichtszunahme: der absolute Kontrollverlust

Als ich aus der Klinik kam, habe ich mich anfangs sehr einsam gefühlt. Mein Plan, zuhause alle meine Freunde wiederzusehen, ging durch Corona nicht auf. Ich fing wieder an, mein Essen einzuschränken, Mahlzeiten auszulassen und viel durch die Gegend zu laufen, so hatte ich wieder eine Aufgabe, ein Ziel für jeden Tag. Immer mit dabei: die Angst, dass die Einschränkungen wie in Spanien oder Italien noch strenger werden könnten, dass man das Haus gar nicht oder nur sehr eingeschränkt verlassen dürfte. 

Ich wusste, wenn auch hier die Ausgangssperre kommen würde, gäbe es für mich nur zwei Optionen: meine Nahrungszufuhr auf ein absolutes Minimum reduzieren und den ganzen Tag depressiv im Bett verbringen - oder einigermaßen "normal" weiteressen, aber dafür den ganzen Tag zwanghaft in der Wohnung herumlaufen oder Sport machen. Die dritte Option, normale Mengen zu normalen Zeiten zu essen und mich drinnen mit ruhigen Tätigkeiten zu beschäftigen, die man während der Quarantäne so erledigen kann, stand absolut außer Frage. Denn diese Möglichkeit würde vermutlich eine Gewichtszunahme mit sich bringen – für mich den absoluten Kontrollverlust.