Bild: Victoria Heath / Unsplash

Du willst etwas Spannendes gucken. Die letzte Serie, die du angefangen hast, war lahm und hat dich nicht gefesselt. Du hast zu wenig Kraft für eine endlos lange Suche nach Alternativen in den Tiefen von Netflix, Amazon oder sämtlichen Mediatheken. Wir helfen dir!

Hier kommen unsere Lieblings-Dokumentationen – und warum wir sie großartig finden.

1 "Virunga"

Wer hat’s empfohlen? 

Hanna

Worum geht’s? 

Eigentlich wollte der Dokumentarfilmer Orlando von Einsiedel nur zeigen, wie die Ranger eines Nationalparks im Ost-Kongo die vom Aussterben bedrohten Berggorillas vor Wilderern schützen. Gleichzeitig wollte er Stabilität in eine Krisenregion bringen. Doch während der Dreharbeiten eskalierte die Lage – und machte aus einer Naturdoku einen Polit-Thriller.

Ein britischer Konzern entdeckte Erdölvorkommen unter dem Schutzgebiet und finanzierte bewaffnete Rebellen, um die Region zu destabilisieren und die Gorillas zu töten. Versteckte Kameras zeigen die unfassbaren Pläne der Hintermänner, wie das Militär eingriff, Ranger und Filmcrew evakuiert werden mussten. Durch all das zieht sich die Geschichte der Gorillas und zeigt, auf welch furchtbare Art menschliche Konflikte die Welt kaputt machen – und wo es dennoch Hoffnung gibt.

Wo kann ich es gucken? 

Auf Netflix.

2 "Hinter die Welt"

Wer hat’s empfohlen? 

Leni

Worum geht’s? 

An Tokio Hotel kam niemand vorbei, damals, in den Nullerjahren. Mit "Durch den Monsun" wurden aus vier Teenagern Weltstars. Doch mit dem Ruhm kamen auch Spott, Hass und übergriffige Fans. Den Kaulitz-Zwillingen, die im Mittelpunkt des Trubels standen, wurde das irgendwann zu viel. Sie wanderten nach Los Angeles aus. Die unauffälligen zwei, Georg und Gustav, blieben in Deutschland. Trotzdem machen die vier bis heute gemeinsam Musik. 

Für "Hinter die Welt" haben die Filmemacher die Musiker an ihren Wohnorten besucht, und zeigen in einfühlsamen Interviews und Aufnahmen vier junge Männer, die zwischen Weltruhm und Alltag ihren Weg suchen. Das ist sehenswert und bewegend – selbst für diejenigen, die Tokio Hotel früher ätzend fanden.

Wo kann ich es gucken? 

In vier Teilen auf YouTube.

3 "Twinsters"

Wer hat’s empfohlen? 

Susan

Worum geht’s? 

Die Französin Anaïs wundert sich, als sie auf YouTube ein Video einer jungen Frau findet, die genauso aussieht wie sie. Und nicht nur das: Samantha wurde am selben Tag und in derselben Stadt geboren wie sie. Was klingt wie das Drehbuch eines Hollywoodfilms ist tatsächlich so passiert. Anaïs schreibt Samantha auf Facebook an: Sind sie Zwillinge? Samantha hält vom ersten Kontakt bis zum DNA-Test am Ende alles auf Video fest. 

Mit Hilfe eines Crowdfundings machten die beiden Frauen aus dem Material einen Dokumentarfilm, in dem so viel Liebe und Kreativität steckt, dass man gar nicht anders kann, als sich selbst mitten in dieser unglaublichen Geschichte zu fühlen. Twinsters bringt einen zum Lachen, zum Weinen und lässt einen darüber nachdenken, wie es wäre, plötzlich Geschwister zu finden, von denen man nichts wusste.

Wo kann ich es gucken? 

Bei Netflix.

4 Der Motivationstrainer

Wer hat’s empfohlen? 

Jan

Worum geht’s? 

Seine Vorbilder sind angeblich Steve Jobs, Muhammad Ali und Jesus. Mit bizarr wirkenden Motivations-Seminaren wurde Jürgen Höller in den Neunzigern zum Millionär. Nach einer Insolvenz landete er im Knast. Heute ist er im Cabrio durch Deutschland unterwegs und tanzt vor Tausenden in Mehrzweckhallen über die Bühne. 

Ein NDR-Team ist ihm dabei fast zwei Jahre lang geduldig gefolgt. Der Film zeigt Studenten, die über glühende Kohlen rennen, Rentner, die neuen Sinn im Leben suchen, und Mittvierziger, die ihre Hundemesse nach vorn bringen wollen. Was alle verbindet, ist die Hoffnung, ihr Leben mit Hilfe eines Wochenendseminars und viel Geld verändern zu können. 

Die Sätze, die dabei fallen, klingen oft nach Silicon Valley – entpuppen sich vor Raufasertapete in der Provinz aber schnell als spätkapitalistische Illusion. Dass das nicht ausgeschlachtet wird, ist eine der großen Stärken der Dokumentation.

Wo kann ich es gucken? 

Bei Youtube.

5 "The American Meme"

Wer hat’s empfohlen? 

Basti

Worum geht’s? 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal Sympathie und Verständnis für Paris Hilton entwickeln würde. Die Doku nimmt einen mit auf einen wilden Ritt durch das Leben von Promi-Influencern und Menschen, die über Instagram berühmt geworden sind. Und Paris Hilton (wusstest du’s?) war die, die all das einst lostrat. 

Da treten Leute auf wie "The Fat Jewish", der aus geklauten Memes und Fotos seines nackten Hinterns ein Rosé-Wein-Imperium aufbaute. Oder "Kyrill was here", der jeden Tag den absoluten Exzess feiert, auf Instagram mal gesperrt und mal verehrt wird – und den der Alkoholismus zu einer leeren Hülle hat verkommen lassen. 

Absolut empfehlenswert, wenn man diese absurde Glitzerwelt verstehen möchte!

Wo kann ich es gucken? 

Auf Netflix.

Master Of The Universe

Wer hat’s empfohlen? 

Hanna

Worum geht’s? 

Ein Ex-Banker sitzt in einem leeren Büro in Frankfurt am Main und erzählt von Finanzen. Klingt extrem langweilig, ist es aber überhaupt nicht. Nach dieser Doku versteht selbst der Finanzlaie (wie ich es bin), wie die verantwortungslosen Handlungen einiger Investmentbanker Länder in den Ruin stürzen und die Weltwirtschaft zum Zusammenbruch bringen können.

Von allen Bänkern, mit denen Regisseur Marc Bauder für die Doku sprechen wollte, erklärte sich nur ein einziger bereit, vor der Kamera auszupacken. Er sagt zwar nie, für welche Bank er jahrzehntelang gearbeitet hat – man kann es sich aber schnell denken. Die Doku ist ein paar Jahre alt, doch die Geschichte von Gier und Exzess bleibt aktuell. Sie zeigt ein Schattensystem, bei dem viel zu oft weggeguckt wird.

Wo kann ich es gucken? 

Weil sie das Thema so wichtig findet, stellt die Bundeszentrale für Politische Bildung die Doku nun auf ihrer Webseite zur Verfügung.


Gerechtigkeit

Bin ich schuld an den Toten im Mittelmeer?
Ich habe einen Philosophen gefragt – und er findet, ich stelle die falschen Fragen.

Im Sommer fliege ich nach Italien. Ich werde Pizza essen, Frizzante trinken und am Strand liegen. In dem Meer, an dem ich liegen werde, sollen mehr als 27.000 Menschen auf der Flucht ertrunken sein. (Guardian)

Das klingt makaber und hat nichts miteinander zu tun. Oder?

Meine Wahlentscheidungen, mein Lebensstil, meine politischen Repräsentanten, all das könnte, direkt oder indirekt, dazu beigetragen haben, dass sich Menschen auf die Flucht begeben – oder beim Versuch gescheitert sind. Andererseits sind die Strukturen um mich herum jahrzehntelang gewachsen.

Internationale Abkommen, Warenketten, die sich um den ganzen Globus spannen, Kriegseinsätze – nichts davon habe ich mir ausgedacht.

Was macht das mit mir – und meiner Generation? Trage ich Verantwortung für die Entscheidungen von Politikern, die lange vor mir an die Macht kamen? Können wir das jemals wiedergutmachen? Und wie wird das unser Verhältnis zur selben Generation im globalen Süden prägen?

Wir haben den Philosophen Anh Quan Nguyen gefragt. Er ist 29 und lebt in Schottland. Dort lehrt er an der Universität St. Andrews und forscht am Institut zum Verhältnis von Moral und Zeit.

bento: Quan, im Mittelmeer sind in diesem Jahr bis letzte Woche schon 289 Menschen ertrunken. Ist das meine Schuld?

Das ist eine grundsätzliche Ethikfrage: Wenn ich jemanden sterben lasse, ist das moralisch verwerflicher als wenn ich jemanden umbringe?

Und, ist es?

Kommt drauf an.

Wenn jemand neben mir in den Pool fällt, und ich nicht helfe, ist das strafbar.

Es gibt da in der Philosophie ein ziemlich berühmtes Gedankenexperiment. Ein Kind fällt in einen Teich. Wenn du nicht reinspringst und es rausziehst, stirbt es. Hast du eine moralische Pflicht, das zu tun?

Klar!

Der Philosoph Peter Singer sagt dazu: Nur, weil manche Teiche auf der Welt weiter weg sind, heißt das nicht, dass wir weniger Verantwortung haben. So lange wir nichts Relevantes dafür opfern, müssen wir also in den Teich springen, auch, wenn die Schuhe nass und das neue Kleid schmutzig werden und wir deshalb nicht auf das Date gehen können, das wir geplant hatten. All das ist nämlich nicht gegen ein Leben aufzuwiegen.

Die 289 Toten sind also meine Verantwortung.

Genau. Wenn jemand ertrinkt, ist es egal, ob du ihn reingeschubst oder einfach nicht gerettet hast. Ein ertrunkener Mensch ist ein ertrunkener Mensch.