Gurkensohn ist eigentlich nicht für besonders politischen Content bekannt. Eher für simplen Jungs-in-der-Pubertät-Humor, die Liebe zu seinem namensgebenden Gemüse und eine Abneigung gegenüber Oberbekleidung. Das erfolgreichste Video des YouTubers, der eigentlich Dennis heißt, ist eine anschauliche Zusammenfassung:

Sein YouTube-Kanal hat knapp 130.000 Abonnentinnen und Abonnenten, über 12 Millionen mal wurden seine Videos angeklickt. Seine Fans nennen sich Gurkenarmy, er vertreibt Shirts und Hoodies mit einem grünen Gewehr und dem Aufdruck "FCK TOMATEN". Tomaten sind die Feinde der Gurke. 

Der Gurkensohn singt, tanzt, schwimmt und testet Pizza. Seit neuestem fährt er auch mit dem Auto nach Köthen in Sachsen-Anhalt und hängt mit Familie Ritter ab, bisschen plaudern, bisschen rauchen. 

Familie Ritter taucht seit 1994 immer wieder als "Nazi-Familie" in den Medien auf. Stern-TV hatte die vier Söhne von Karin Ritter getroffen, damals sieben bis zwölf Jahre alt. Die Kinder erzählten grinsend, wie sie eine Nachbarin mit einer Axt attackierten und deren Wohnung demolierten. Dann zeigten sie den Hitlergruß. Ihr Berufswunsch damals: Skinhead. Vorgelebt wurde ihnen das offenbar von Mutter Karin, die gegen Ausländer und Geflüchtete hetzte, wegen Volksverhetzung vorbestraft ist und Kontakte in die Neonazi-Szene pflegte.

Gurkensohn hat sich im Abstand von ein paar Wochen mehrmals mit Karin Ritter und ihrer Enkelin Jasmin getroffen. Im Gegensatz zu Karin und ihren Söhnen bezeichnet sich Jasmin politisch als "neutral". Drei Videos dieser Treffen sind online, weitere hat der Youtuber nach eigenen Angaben auf Wunsch von Jasmin wieder gelöscht.

Was will der Gurkensohn bei den Ritters?

Im ersten Video mit Jasmin erzählt Gurkensohn, er wolle die Ritters persönlich kennenlernen und sich ein eigenes Bild machen, man kenne sie ja nur aus dem Fernsehen. 

Offenbar mehrmals ist er nach Köthen gefahren, nach eigenen Angaben über 300 Kilometer und "fast" von seinem letzten Geld. Insgesamt über eine halbe Stunde hat er aus seinen Gesprächen mit Jasmin und Karin Ritter veröffentlicht. 

Die Gespräche mit der 19-jährigen Jasmin bestehen hauptsächlich aus Flirtversuchen und Anzüglichkeiten. Am Ende steht der Gurkensohn, wie so oft, oben ohne da. Mit Oma Karin plaudert er über das Wetter, ihren beeindruckenden Zigarettenkonsum und familiäre Streitigkeiten. Außerdem soll sie sein Äußeres bewerten, auf einer Skala von eins bis zehn. Sie findet den Gurkensohn sympathisch, weil man sich unterhalten könne.

Über Rechtsextremismus oder Politik sprechen sie lieber nicht. Am Ende zieht Gurkensohn sein Fazit: Schwer in Ordnung, diese Ritters. Mit denen kann man gut quatschen. An den "Gerüchten aus dem Internet", womit er offenbar Berichte über die rechtsradikale Einstellung der Familie meint, sei "eigentlich gar nichts dran".

Meine erste Reaktion: Bitte was? Vor allem das Gespräch mit Karin Ritter scheint mir problematisch zu sein. Schließlich gibt hier ein YouTuber mit enormer Reichweite einer als offen rechtsradikal bekannten Frau eine Plattform.

Das Verhalten von Gurkensohn ist nicht das eigentliche Problem. 

Er begegnet den Ritters mit so maßloser Naivität, dass man ihm nicht böse sein kann. Ob die Arglosigkeit echt oder gespielt ist, lässt sich schwer sagen. Eine bento-Anfrage per Mail blieb bisher unbeantwortet. (Update 16. Mai: : Inzwischen hat Gurkensohn unsere Anfrage beantwortet. Ihm gegenüber hätten die Ritters sich nicht rechtsradikal geäußert, Jasmin habe sich deutlich davon distanziert. Er habe nicht vor, sie nochmal zu besuchen.)

Wenn er aber die rechtsradikalen Einstellungen der Ritters für seine Klicks hätte ausschlachten wollen, hätte er seine Videos anders aufgezogen. Mehr wie bei Stern-TV, wo den Ritters immer krassere, immer radikalere Aussagen entlockt wurden, die diese bereitwillig lieferten.

Das Problem sind die Leute, die sich das massenhaft anschauen. 

Das sind nicht nur Gurkensohn-Fans: Das Interview mit Karin Ritter ist in den YouTube-Trends gelandet. Es hat drei Tage nach Upload schon fast 675.000 Aufrufe, mehr als die meisten anderen seiner Videos.  

Das liegt wohl vor allem daran, dass um die Familie Ritter seit Jahren ein abstruser Internet-Kult herrscht, der aus der ständigen Boulevard-Berichterstattung entstanden ist. Und zwar nicht wegen ihrer rechten Gesinnung, sondern wegen einzelner Szenen und Sprüche aus den vielen Reportagen, die viele offenbar lustig finden und zu Memes verarbeiten.

Ein Beispiel: In einer Reportage über eine Zwangsräumung der Ritter-Wohnung beschwert sich Karins Sohn Norman lautstark darüber, dass er sein Aquarium nicht mitnehmen darf. In den Kommentaren der Gurkensohn-Videos mit den Ritters wird immer wieder über Normans Fische gewitzelt. Karin Ritter erzählt, dass bei ihr Menschen anrufen und nach den Fischen fragen. 

Sogar ein Fan-Wiki der Familie gibt es. Der Ritter-Kult ist vergleichbar mit dem um besonders ungeschickt agierende Frauentausch-Charaktere oder die Schrottplatz-Ludolfs. Es geht weniger um die rechtsradikalen Aussagen, mehr darum, sich über diese Charaktere zu erheben und lustig zu machen.

So lässt sich – zumindest teilweise – auch der Erfolg von Gurkensohn erklären. Viele schauen seine Videos, weil sie sich über ihn lustig machen, seine holprige Art zu reden, sein schiefes, unrythmisches Musikvideo. Gurkensohn ist nur die Wiederauflage von Hans Entertainment oder Exsl95, ein Trash-YouTuber, dem nicht mal mehr ein hemmungsloser Privatsender letzte Geschmacksgrenzen aufzeigt.

Auch der Gurkensohn füttert die Meme-Maschine. Exemplarisch dafür steht YouTube-Altstar Unge, der ein Reaction-Video zu Gurkensohns erstem Interview mit Jasmin Ritter aufgenommen hat. "Genießt diesen Cringe", sagt Unge und macht sich dann zwöf Minuten über das Gespräch lustig und äfft Aussagen der beiden nach. "Tschüss Gehirn", sagt er und kichert. 

Würde man versteckte Kameras in Wohnzimmern von Frauentausch-Fans stellen, würde es wohl ähnlich aussehen.


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