Bild: Teresa Pfützner
Kaputte Toiletten, Ameisenstraßen, undichtes Dach: Wie luxuriös ist die Zusammenarbeit mit Heidi Klum wirklich?

Eine Folge dauert etwa 90 Minuten. In diese Zeit pressen die Produzenten von ProSieben eine ganze Woche, in der sie die Teilnehmerinnen begleitet haben. Aber was haben diese anderthalb Stunden geschnittenes Material mit der Realität zu tun?

Neele Hehemann, braunes Haar, 1,82 Meter groß und 27 Jahre alt, muss es wissen: Sie war 2010 drei Monate lang Teil der Show.

Mit ihrem vierten Platz gelang ihr zwar kein Einzug ins Finale, dennoch ist ihr im Gegensatz zu mancher Siegerin der Show eine Modelkarriere geglückt: In den vergangenen fünf Jahren hat sie als Laufsteg- und Fotomodel in Hongkong, London, Mailand und Athen gelebt und gearbeitet.

Neeles persönliche Backstage-Momente aus GNTM – die Fotostrecke:
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Nun sitzt sie im Feierabend-Outfit und kaum geschminkt auf der Couch ihrer Münchner Wohnung, es läuft die aktuelle Folge von GNTM. Sie beginnt mit guten Neuigkeiten für die Teilnehmerinnen, endlich kann die Luxusvilla in Los Angeles bezogen werden.

In Neeles Wohnung hängen kunstvolle Modefotografien an der Wand. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, dass die Fotos an der Wand keine unterschiedlichen Models zeigen, sondern Neele selbst: in all ihren Facetten und Stylings.

Neele stellt eine Schale mit Nüssen und Chips auf den Tisch, dazu gibt es Weißbier. Sie kommentiert die Szenen: In Wirklichkeit, sagt sie, leben die Mädchen gar nicht allein im Haus. Obwohl sie nie zu sehen sei, wohne eine Nanny rund um die Uhr mit den Kandidatinnen zusammen. "Unsere Nanny Susi war unsere wahre Modelmama", sagt Neele.

So sieht es aus, wenn Neele als Model arbeitet – die Fotostrecke:
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An die Villa selbst hat sie eine besondere Erinnerung: "Wir waren am Anfang auch begeistert", sagt Neele. "Allerdings hatten wir in einem Raum eine Pfütze dank des undichten Daches, im nächsten Zimmer eine Ameisenstraße und die Toiletten waren auch ständig kaputt."

Außerdem gebe es einen Chauffeur, der die jungen Frauen zu jedem Casting fahre. "Das ist purer Luxus und hat nichts mit dem zu tun, was dich als Model erwartet, wenn du in Athen zehn Castings an einem Tag hast und noch dazu die U-Bahn streikt", sagt Neele.

Neele in ihrer Münchner Wohnung mit Model-Mappe: "Unsere Nanny war die wahre Modelmama"(Bild: Teresa Pfützner)

Näher am Berufsalltag sei es da, dass die Kandidatinnen sich ein Zimmer mit anderen Models teilen müssten. Bei ProSieben gibt es derweil Drama, mal wieder: In der aktuellen Staffel sind die Teilnehmerinnen in zwei Teams aufgeteilt, die beiden Juroren Thomas Hayo und Michael Michalsky haben sich jeweils ihre Kandidatinnen ausgesucht. Und jetzt schlägt Teilnehmerin Luana ihr Nachtlager beim gegnerischen Team auf. Auch in der Jury-Entscheidung wird Luanas Bettenwechsel noch einmal thematisiert. "Unfassbar, dass die Produzenten daraus eine Story machen", sagt Neele.

"Auch, wenn GNTM eine Unterhaltungssendung ist, muss man die Zuschauer doch nicht mit derart leichter Kost abspeisen. Das Modelbusiness ist voller wahrer dramatischer Geschichten, die erzählt werden könnten."

Sie denke dabei an Momente, in denen Models von Kunden beleidigt oder gedemütigt würden. Oder an Kolleginnen aus ärmeren Ländern, die um jeden Auftrag kämpfen würden, um ihrer Familie Geld überweisen zu können: "Diese Models müssen wirklich jeden Job annehmen, egal, was gefordert wird", sagt Neele.

Und wenn den GNTM-Kandidatinnen erzählt werde, dass sie im Berufsalltag keine Wahl hätten, ob sie sich zum Beispiel nackt oder mit Schlangen fotografieren lassen wollen, sei das einfach falsch. "Man kann mit seiner Agentur immer klären, dass man am Casting für einen bestimmten Job nicht teilnimmt", sagt Neele.

Das eigene Fotoshooting mit Schlange, das auch die aktuellen GNTM-Teilnehmerinnen in dieser Woche absolvieren, hat sie noch gut in Erinnerung: Die Box, aus der die Schlange geholt wird, sei heruntergekühlt, um das Tier zu beruhigen, sagt Neele. "Das Problem war aber eigentlich, dass die Schlange so unheimlich schwer war. Mit ihr auf den Schultern konnte man sich kaum bewegen."

Als Kandidatin Lara jetzt im Fernsehen erklärt, sie wolle natürlich ihr Bestes geben, muss Neele laut lachen. "Immer, wenn dieser Satz fiel, haben die Produzenten gerufen: 'Fünf Euro in die Produktionskasse!' Sie konnten es einfach irgendwann nicht mehr hören."

Bei den Fotoshootings selbst hätte Heidi Klums Kritik wenig gebracht. "Die Fotografen haben immer konkrete Tipps gegeben. Heidi ist meist recht schwammig geblieben", erinnert sich Neele.

Bei der Entscheidung zeigt sich dann, was sie meint. "Luana, wir hatten gehofft, dass du uns mehr überraschst", lautet Heidi Klums sparsame Kritik. Am Ende der aktuellen Folge müssen Laura-Franziska und Julia GNTM verlassen.

Neele schaut die Show nur noch selten. Und wenn, dann hauptsächlich, um in ihrem Blog darüber zu schreiben. "Ich kann mich beim Schauen einfach nicht entspannen, weil ich mich immer frage, ob die Mädchen fair dargestellt werden, oder einfach manchmal nur das gezeigt wird, was gerade ins Konzept der Sendung passt."

Obwohl es verwunderlich klingen möge, würde sie dennoch wieder an der Show teilnehmen, sagt Neele. "Germany's Next Topmodel bereitet einen nicht auf den Job als Model vor, aber es härtet einen durch die vielen abenteuerlichen Aufgaben auf jeden Fall ab."

Folge Neele

Heute, sagt Neele, nehme sie nur noch ausgewählte Modeljobs an. Nach ihrem Bachelorabschluss in Kommunikationswissenschaften arbeitet sie jetzt hauptsächlich als Managerin für Online-Marketing. "Nach den vielen Jahren, in denen ich aus dem Koffer gelebt habe, genieße ich es, zu wissen, dass ich mein Leben ein bisschen planen kann.“

An diesem Punkt sind die Mädchen bei GNTM noch lange nicht. Für sie stehen vermeintlich wichtige Shootings an – und immer wieder die Beurteilung der Jury.

Wirklich wichtig seien hingegen die Shootings mit erfahrenen Fotografen wie Kristian Schuller oder Rankin, sagt Neele. Darauf sollten sich auch die aktuellen Kandidatinnen mehr konzentrieren. "Ich habe den Eindruck, dass es immer mehr um Selbstdarstellung geht und darum, an einer Kultshow teilzunehmen – statt um gute Bilder", sagt Neele. Und schaltet den Fernseher aus.

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