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Warum müssen die Helden unserer Kindheit genauso bleiben, wie wir sie in Erinnerung haben?

Who you gonna call? Jedes Kind der frühen Neunziger kennt die Antwort: Ghostbusters! Die Abenteuer der durchgeknallten New Yorker Geisterjäger haben auch mich durch meine Kindheit begleitet, und selbst mit 30 sehe ich mir die beiden Kinofilme und die dazugehörige Zeichentrickserie immer noch gern an.

Nun wagen die Ghostbusters nach langer Kinopause einen Neustart mit weiblicher Besetzung (bento). Und ausgerechnet Fans der ersten Stunde erklären den Reboot schon jetzt zum Flop, wohlgemerkt, ohne den fertigen Film gesehen zu haben. Der Trailer hat mehr als 800.000 Dislikes auf YouTube. In Blog Posts und Vlogs erörterten Fans, warum der Reboot zum Scheitern verurteilt sei. Einzelne Kritiker kündigten an, den Film nicht besprechen zu wollen.

Was soll das?
Liebe Nerds, wir müssen reden.

Ich bin einer von euch. Das war ich schon, bevor jeder Zweite ein Marvel-T-Shirt trug und man bis 3 Uhr morgens wach blieb, um die neue Folge "Game of Thrones" im Livestream zu verfolgen.

Damals war ich froh, wenn die Helden meiner Kindheit überhaupt im Kino auftauchten – selbst, wenn ich sie manchmal kaum wieder erkannt habe (Erinnert sich noch einer an "Masters of the Universe" mit Dolph Lundgren?).

Heute, in Zeiten von "Avengers" und "Big Bang Theory", sieht das alles ganz anders aus. Unsere Helden sind gefragt wie nie. Sogar Tetris soll demnächst verfilmt werden. Ja, DAS Tetris ("Heise"). Wir leben im Nerdvana.

Gejammert wird trotzdem, und zwar auf höchstem Niveau und gern auch vorbeugend. Schon die kleinste Abweichung vom Bekannten genügt, um den Zorn der Nerds zu entfachen.

Ben Affleck ist der neue Batman? Fail! X-Men-Oberschurke Apocalypse trägt nicht exakt dasselbe Outfit wie im Comic? Fail! Jared Letos Joker hat Tattoos und Zahn-Grillz? Fail!

Meist dauert es auch nicht lange, bis der erste fordert, Hollywood möge aufhören, seine Kindheit zu "vergewaltigen". Spätestens da wird das Ganze ein bisschen albern und mehr als ein bisschen geschmacklos.

Die Verfilmung einer Vorlage ist immer auch eine Neuinterpretation. Veränderungen gehören dazu. Hat man es mit einem Reboot zu tun, sind sie sogar Sinn und Zweck des Ganzen – es bräuchte schließlich keinen Neustart, wenn man nichts verändern wollte.

Vielen Fans wäre es offenbar lieber, dieselben Geschichten immer wieder und wieder erzählt zu bekommen. Kreativität? Unerwünscht!

Filmisch betrachtet wäre das dann ein Remake, aber auch das kommt in der Praxis eher selten gut an. Zwei Horror-Klassiker, "A Nightmare of Elm Street" und Stephen Kings "Carrie", wurden jüngst mit Remakes bedacht. Beide hielten sich eng an die Vorlage, beide floppten an den Kinokassen und wurden von entnervten Fans zerfetzt. Zurecht, denn beide waren in dieser Form eine Verschwendung von Zelluloid.

Nur drängt sich die Frage auf: Was die Fans denn nun eigentlich wollen?

Filmemacher stehen vor einem Dilemma: Einerseits sollen sie etwas abliefern, das neue Zuschauer anspricht, andererseits dürfen sie keinesfalls die bereits vorhandene Fanbase verärgern. Je größer die ist, desto schwieriger wird der Spagat.

In der Fotostrecke: Welche Superhelden treten auf?
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Das beste Beispiel: "Batman V Superman". Seit Jahrzehnten war über so einen Film spekuliert worden. Im Comic sind die beiden Aushänge-Schilder des Verlags DC schon längst BFFs, dieselbe Leinwand hatten sie aber noch nie geteilt. "Batman V Superman" wäre also in jedem Fall ein Event geworden.

Gleichzeitig sollte der Film aber Ben Affleck als neuen Batman verkaufen und den Grundstein für ein weit verzweigtes Franchise im Stil der Marvel-Filme legen. Dafür wollte man unbedingt die Nerds im Boot haben. Also wurden berühmte Comic-Momente Bild für Bild nachgestellt, das halbe DC-Universum zum Gastauftritt geladen und eine Million Anspielungen in den Film gequetscht. Schlechte Entscheidung – unter der Last des schmückenden Beiwerks kam die Handlung von "Batman V Superman" streckenweise zum Erliegen.

Nehmen wir Batmans Traumsequenz in der Mitte des Films: Plötzlich sehen wir den Dunklen Ritter vor der Kulisse einer zerstörten Stadt. Zu seinen Füßen ist ein mysteriöses Symbol in den Boden gebrannt. Geflügelte Monster und Soldaten mit „S“-Armbinden greifen an und ringen ihn nieder. Als Batman wieder zu sich kommt, steht ein düsterer Superman von ihm. Der richtet ohne zu zögern zwei weitere Gefangene per Laserblick hin.

Eine dramatische, stimmungsvolle Szene. Leider gehört sie buchstäblich in einen anderen Film, der mit viel Glück in ein paar Jahren in die Kinos kommt.

Klar, die eingefleischten Fans wissen, was sie da sehen, nicht aber der Otto Normalzuschauer. So ging es jedenfalls den Leuten, mit denen ich "Batman V Superman" schaute. Hätte der Film nicht so verzweifelt um die Gunst der Nerds gebuhlt, wäre er wahrscheinlich besser geworden.

Liebe Nerds: Warum müssen die Helden unserer Kindheit genauso bleiben, wie wir sie in Erinnerung haben? Warum dürfen sie keine neuen Fans finden?

Niemand "vergewaltigt" unsere Kindheit. Die ist nämlich vorbei. Macht aber nichts – die Bücher, Comics, Filme und Serien sind ja trotzdem noch da. Die nimmt uns auch niemand weg.

Natürlich muss man nicht alles mögen, was Hollywood fabriziert. Wer weiß, vielleicht wird der "Ghostbusters"-Reboot wirklich der schlechteste Film aller Zeiten. Ich weiß es nicht. Ihr wisst es aber auch nicht, denn gesehen hat den Film keiner von uns.

Ich werde ihn mir auf jeden Fall ansehen. Im günstigsten Fall gibt’s mehr "Ghostbusters" für mich. Im schlechtesten Fall bleiben mir immer noch zwei tolle Filme, sowie diverse Serien und Comics. Ich kann also nur gewinnen. Und ihr auch.

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