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Ich bin nicht sauer. Nur enttäuscht.

Dieser Text ist voller Spoiler zur finalen Staffel "Game of Thrones".

Es gibt Aufgaben, die sind so schwer, dass man jedem zumindest ein Minimum an Respekt zollen möchte, der sie auch nur in Angriff nimmt: Kinder zu kriegen, ein Land zu regieren oder eine weltweit geliebte Fantasy-Reihe zu einem Ende zu bringen, zum Beispiel. 

So gesehen haben die Drehbuchautoren rund um die Verantwortlichen David Benioff und D. B. Weiss sich einer Höllenaufgabe gestellt. Besonders wenn man bedenkt, wie der Autor der Bücher, auf denen "Game of Thrones" basiert, seine eigene Arbeitsweise beschreibt.

George R. R. Martin sagte einmal: "Es gibt Autoren, die sind Gärtner und es gibt solche, die sind Architekten. Die Architekten planen vor dem Schreiben bereits alles, etwa den Grundriss eines Hauses. Sie kennen jeden Raum, wissen, wo das Dach hingehört. [...] Der Gärnter gräbt ein Loch und setzt einen Samen ein. Er weiß grob, was er da geplanzt hat, aber nicht, wie viele Zweige es haben wird. [...] Ich bin eher ein Gärtner." (Guardian)

Die Autoren der Drehbücher standen also vor einer quasi unlösbaren Aufgabe: Das Werk eines anderen zu vollenden, obwohl dieser selbst noch nicht genau weiß, wie er eigentlich zu dem Ende kommen wollte, das er sich vielleicht mal irgendwann überlegt hat. 

Die Buchgrundlage "Ein Lied von Eis und Feuer" wurde von der TV-Serie schon lange überholt. Wie gesagt, allein dafür, das Wagnis einzugehen, schulden wir ihnen ein bisschen Respekt. 

Aber leider muss man trotzdem sagen: Sie haben es komplett vermasselt. 

Ich habe "Game of Thrones", wie so viele, für seine Figuren und das gnadenlose Vorantreiben ihrer Geschichte geliebt: Charaktere manövrierten sich in dumme Situationen und kämpften sich heraus, sie litten und sie starben. Die Show war trotz des Fanatsy-Settings glaubwürdig. Die Charaktere hatten sich selbst in diese Situationen gebracht, weil es zu ihnen passte. Sie wahren angetrieben von Ehre, Liebe oder der Gier nach Macht. 

Doch jetzt, in der letzten Staffel, kann ich über das, was bei "Game of Thrones" passiert, oft nur noch lachen.

  • Charaktere wie Daenerys, Jon oder Jaime machen, in der mit sechs Folgen wirklich kurz ausgelegten Staffel, abrupte und schwer nachvollziehbare Sinneswandel durch. 
  • Der Haupthandlungsstrang mit den Weißen Wanderern, über fast ein Jahrzehnt mit Mystik und Brimborium aufgeladen, endet durch einen Arya-Überaschungsmoment. Eine Erklärung für die Verbindung des Nachtkönigs mit Bran oder Jon bleibt bisher aus.
  • Logiklöcher und unglaubwürdige Aktionen wie die in einer Episode lächerlich treffsicheren, in der nächsten Episode aber zahnlosen "Skorpione" (die drachentötenden Riesenarmbrüste) lassen die Bildschirm-Action willkürlich wirken.  

Um es mit dem Satz zu sagen, den wir alle seit unserer Kindheit fürchten: Ich bin nicht sauer, ich bin nur enttäuscht. 

Die achte Staffel löst bei mir nur noch Kopfschütteln aus. Damit bin ich nicht der einzige. Hunderttausende Fans wünschen sich, die Staffel einfach vergessen zu können und noch einmal neu drehen zu lassen. aber: do

Eine Petition auf change.org fordert genau das: "Dreht Staffel acht noch einmal neu – mit kompetenten Autoren."

Während diese Zeilen geschrieben werden, steht der Zähler bei 830.000 Unterzeichnern. Zum Vergleich: Eine erfolgreiche Petition zum Verbot von Palmöl in Biodiesel an die Europäische Kommission benötigte 2017 gerade mal 227.000 Unterschriften. 

"Game of Thrones" ist ein internationales Phänomen: Deutsche Schwiegermamas und thailandische Straßenköche, Junge und Alte, Arme und Reiche kleben zum Beginn jeder neuen Staffel vor dem Bildschirm. Seit acht Jahren fiebern Fans inzwischen mit, jede Folge und jede Staffel wird mit cineastischen Trailern, Merchandise und einem gigantomanischen Marketingfeuerwerk gepusht. Die Erwartungen auf ein episches Ende waren dementsprechend hoch. 

"Wir wollten mit den Erwartungen der Zuschauer spielen" // "We wanted to subvert viewers expectations"
David Benioff

Im Zentrum des Sturmes der Enttäuschung stehen deshalb David Benioff und D. B. Weiss, die auf Twitter und reddit nur noch als "D&D" verschrien sind. Unglaubwürdige Handlungsstränge, wie die Tatsache, dass Daenerys aus der Luft keine Armada von feindlichen Schiffen sehen kann, erklärten sie in Interviews mit: "Dany hat die Eiserne Flotte vergessen." Billige Lösungen von lang angelegten Handlungssträngen wie Aryas Sieg über den Nachtkönig spielen ihnen zufolge "mit den Erwartungen".  (Heavy)

Empörte Fans zerpflückten die Aussagen und machten Memes daraus.

Überraschend ist die unterdurchschnittliche Qualität der Staffel für aufmerksame Beobachter nicht. 

Schauspielerin Emilia Clarke (Daenerys) und ihr Kollege Kit Harrington (Jon) ließen beide bereits in Interviews durchblicken, dass sie mit dem Endergebnis nicht zufrieden seien. Harrington bezeichnete das Finale erschreckend ehrlich als "enttäuschend", Clarke konnte ihr Gesicht bei den Worten "beste Staffel aller Zeiten" nicht vor einer panischen Entgleisung bewahren.

Rechteinhaber HBO musste in der aktuellen Staffel rund 15 Millionen Dollar Produktionskosten bezahlen – pro Folge. (cnbc) Trotzdem boten sie den Showrunnern mehr Zeit und mehr Geld, um der Serie ein würdiges Ende oder sogar noch weitere Staffeln zu verschaffen. George R.R. Martin verkündete bei den Emmys 2018, er hätte noch genug Material für elf, zwölf oder dreizehn Staffeln. 

Wenn D&D nur gewollt hätten. 

Benioff und Weiss lehnten aber ab und hielten am verkürzten Staffelplan fest – um sich schnell um andere Projekte kümmern zu können. Beide werden nun kaum Zeit haben, sich die Kritik der enttäuschten "Game of Thrones"-Zuschauer anzuhören: Sie wurden für die Weiterführung der "Star Wars"-Saga angeheuert. (Forbes

Damit treffen sie in Zukunft auf die wahrscheinlich einzige Community, die noch wütender auf Fehler reagiert als die von "Game of Thrones". 

Wie sie deren Fans noch glaubhaft versichern wollen, dass sie sich um ihre Charaktere mehr sorgen werden? Ihnen den Platz schenken werden, den sie verdient haben? Sie nicht in sinnlose Tode oder zu dümmlichen Aussagen verleiten werden? Als gekränkter Fan von "Game of Thrones" kann ich es mir schwer vorstellen. 

Aber was bleibt uns jetzt noch, mir, den 830.000 Menschen, die die Petition unterschreiben haben, und den Millionen Weiteren, die auf der Welt einfach stumm den Kopf schütteln und um ihre Figuren trauern? 

Denn klar, eine neue achte Staffel wird es wohl nicht wirklich geben. 

Immerhin bleibt uns der Trost, dass das letzte Buch vom Original-Autoren George R. R. Martin noch aussteht – und der Geschichte irgendwann ihr verdientes Ende schenken könnte. Vielleicht liegt das perfekte Skript aber auch in einem Subreddit der kreativen Fan-Community, deren augeklügelte Theorien in den letzten Jahren Hoffnungen weckten, in welche Richtung die Serie sich hätte entwickeln können. 

Vielleicht müssen wir auch einfach nur die ersten vier Staffeln noch mal gucken, den Figuren, wie sie von Martin gedacht waren, frisches Leben einhauchen, und sie dann in unserem Kopf weiter Leben lassen. Das ist es schließlich, was fiktionale Charaktere unsterblich macht. 


Streaming

Wie ein Tukan und eine Singdrossel das Genre "Serien für Frauen" retten
"Tuca & Bertie" ist die Zeichentrick-Serie über 30-jährige Frauen, die uns gefehlt hat.

Zwei Vögel, die beste Freundinnen sind. Eine Stadt, in der alles möglich ist. Und viele Situationen, die einem wie der eigene Alltag vorkommen. "Tuca & Bertie" läuft seit Anfang Mai auf Netflix. Für mich ist sie die beste Serie, die man derzeit streamen kann – und ja, ich schaue auch die achte Staffel Game of Thrones. Denn keine andere Serie stellt derzeit so gut dar, wie das Leben von Frauen um die 30 wirklich aussieht.

Was ist "Tuca & Bertie"?

"Tuca & Bertie" handelt von einem Tucanweibchen und einer Singdrossel. Die zwei 30-jährigen Vogelfrauen leben in einer Fantasiestadt, die von Tieren, Pflanzen, Menschen und sprechenden Gegenständen bevölkert ist. Tuca ist gerade aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, denn Bertie lebt nun mit ihrem Freund Speckles zusammen. Tuca wohnt deshalb ab sofort in der Wohnung oben drüber.

Sie und Bertie gehen als beste Freundinnen durch eine Welt, in der es Schlangen-U-Bahnen, Katzenberge und sprechenden Torten gibt. Umso erstaunlicher ist es, dass einem dieser Alltag als Zuschauer – und insbesondere als Zuschauerin – trotzdem seltsam bekannt vorkommt.