Bild: Warner Bros. Television
Unser Autor hat sich die Serie nochmal genauer angeschaut.
„I'll be there for you...“

Ein Vierteljahrhundert ist es am 22. September 2019 her, dass Jennifer Aniston als Rachel Green in der Sitcom "Friends" zum ersten Mal im Brautkleid durch die Tür des Central Perk lief. 

Zur Feier gibt es eine originalgetreue Ausstellung von Monicas Wohnung (verlängert wegen großer Nachfrage), ein eigenes Lego-Set (aktuell ausverkauft, wird nachproduziert), und ein "Friends-Experience-Pop-Up" in New York (denk nicht mal dran). 

Der Hype um "Friends" ist immer noch real. Wegen Menschen wie mir. Aber ist er auch noch zeitgemäß?

Ich habe jede der 236 "Friends"-Episoden mindestens zehn Mal gesehen, viele sogar deutlich häufiger. Bei 20 Minuten pro Folge bedeutet das: Mindestens 816 Stunden – oder 34 Tage – meines Lebens habe ich mit "Friends" verbracht. 

Deshalb weiß ich aus dem Kopf, dass Chandlers Fernsehzeitung an "Ms. Chanandlor Bong" adressiert ist, dass Rachels Brief an Ross 18 Seiten lang war ("FRONT AND BACK!") und, dass man niemals mit Freunden eine Couch durchs Treppenhaus tragen sollte. 

Comfort Binge: "Friends" ist wie Hühnersuppe für die Seele.

Die alten Folgen immer wieder zu Schauen, erfüllt mich mit einer tiefen Ruhe. "Comfort Binge" heißt dieses Phänomen: Ich weiß schon, was passieren wird – und gucke es trotzdem immer wieder. Weil ich mich so wohlfühle und mental kaum beansprucht werde. 

Jede "Friends"-Folge ist wie ein Fotoalbum voller Erinnerungen, bekannter Witze und Abenteuer, die meine sechs Freunde und ich zusammen erlebt haben. Es ist, als würden wir Geschichten von früher austauschen: "Weißt du noch, als Ross mit der Frau aus dem Copyshop geschlafen hat?" 

Der US-Psychotherapeut Will Meyerhofer erklärt das mit den assozierten Erinnerungen: Das Retro-Geräusch des lachenden Live-Publikums versetzt uns zurück in eine Zeit, in der Eltern uns mit belegten Broten nach der Schule vor dem Fernseher parkten und die Welt – subjektiv durch Kinderaugen gesehen – noch in Ordnung war. (Today

Irgendwas muss dran sein: 2018 war "Friends" in den USA auf Netflix die zweit meist gesehene Serie des Jahres. Mit einer gesammelten Guckzeit von 543.000.000 Stunden, also 62.000 Jahren. Allein im Jahr 2018, allein in den USA. (Adweek)

Die Witze, Ideen und Figuren der Serie haben sich fest in unserem Gedächtnis verankert. 

Aber: Heute haben wir ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass selbst fiktionale Charakterzüge, Witze auf Kosten anderer oder Cast-Entscheidungen ("Wer spielt mit – und wer nicht?") relevant sind – und zumindest hinterfragt gehören. Weil Filme und Serien, erfolgreiche um so mehr, einen großen Einfluss auf das haben, was wir als normal und erstrebenswert empfinden. Beim wiederholten Schauen der alten Folgen stellt sich daher unweigerlich die Frage: 

Ist "Friends" so unproblematisch, wie ich immer dachte – oder nicht doch an manchen Stellen unreflektiert?

Auf den ersten Blick zumindest war "Friends" selten bis nie politisch inkorrekt – weil die Serie nie politisch war. Die perfekt inszenierten Dialoge und Punchlines umschifften möglichst jede Form von Kommentar zum Zeitgeschehen. Trotz allem, was wir über sie wissen, könnten Ross, Rachel und ihre Freunde gleichzeitig Republikaner, Demokraten oder Nichtwähler sein: Schrödingers Freunde.  

FDNY und eine Freiheitsstatue: Nach 9/11 hat sich in Staffel 8, Folge 10 eine winzige Hommage an New Yorks Feuerwehrleute hinter Rachel geschlichen. Angesprochen wurde das Thema nicht. 

(Bild: Warner Bros.)

Die Serie war darauf getrimmt, möglichst viele Menschen abzuholen und daher möglichst wenigen vor den Kopf zu stoßen. Eine Serie, bei der man sich zu jedem Zeitpunkt wohlfühlt.

Eine Serie, die so heute nicht mehr produziert werden würde.

Denn man muss nicht allzu genau suchen, um mit der politisch korrekten 2019-Brille kritische Punkte im stromlinienförmigen Ideal-Freundeskreis zu finden:

  • Ross etwa, der nach heutigen Standards eine Friendzone-Heulsuse ist, die glaubt, durch nettes Verhalten ein Anrecht auf körperliche und emotionale Zuneigung zu haben. Jemand, der seine Cousine verführen will, weil er so lange keinen Sex hatte. Einer, der sich von seiner Freundin wünscht, seinetwegen ihre Karriere zurückzuschrauben und ihren Traumjob aufzugeben – was sie auch tut. (Eine Szene, die aus feministischer Sicht rasend machen sollte, Fans aber trotzdem jedes Mal die Freudentränen in die Augen treibt – es ist ja einfach so schön, dass die beiden es endlich schaffen!) 
  • Monica, die von Freunden und Familie als dicker Teenager so lange gemobbt wurde, bis sie sich zwangsneurotisch auf den 90-er Jahre Heroin-Chic heruntergehungert hatte – und zynischerweise am Ende sogar den Mann heiratet, der ihr diesbezüglich den größten emotionalen Schaden zugefügt hat. Ihre durch verschmierte Schokoladen-Münder überzeichnete Vergangenheit wird in Rückblenden immer wieder für kalkulierte Lacher hervorgeholt und macht einen als Zuschauer zum Komplizen: Man lacht ohne zweite Ebene einfach darüber, dass sie dick ist und es dennoch wagt, zu tanzen oder sich zu verlieben. Warum war das jemals witzig?  
  • Haben Weiße in New York keine schwarzen Freunde? Mit Dr. Charlie Wheeler (Aisha Tyler) taucht erst nach neun Jahren Laufzeit eine schwarze Person als relevante Nebenrolle auf. Ansonsten bleibt der Cast wie H-Milch: homogen, glatt und weiß. 

Auch wenn Witze ein mächtiges Vehikel darstellen, um die Probleme der Welt zu kritisieren, muss natürlich nicht jeder Humor immer gesellschaftskritisch sein. Manchmal will man einfach abschalten. Dass die Serie dabei People of Color vergisst und ausblendet (die in New York mehr als 67 Prozent der Bevölkerung ausmachen), ist eine schwer verzeihlicher Makel. Weil die Show so zumindest suggerriert, dass Weiße sich nur untereinander wirklich vertrauen und niemanden sonst in den inneren Kreis lassen. Die schwarze Autorin Rebecca Carroll erklärt hier, wie sie diese Erzählung ihrerzeit als Mittzwanzigerin in New York geprägt hat. 

Der Cast ist nur ein Teil der Kritik, ein anderer die Handlung selbst. Nur: Müssen fiktive Figuren wirklich immer 100 Prozent woke sein?

Wenn ein Charakter wie Ross etwa ein Problem damit hat, dass sein Sohn mit Puppen spielt – liegt es nicht am Zuschauer, dieses Verhalten zu hinterfragen und ein Urteil zu fällen? Wäre Ross schon der progressive "Gender-ist-egal"-Papa, würde das Publikum der Möglichkeit beraubt, ihn für sein rückwärtsgewandtes Verhalten auszulachen. Und dabei im besten Fall etwas über sich selbst und seine Ansichten zum Thema zu lernen. 

Situationskomik (Sit-Com) entsteht ja gerade durch das hilflose Scheitern der Protagonisten in alltäglichen Lebenslagen. Die Spannung und der langfristige Reiz entstehen durch das Beobachten ihrer Charakterentwicklung. Wir hoffen, dass sie es doch irgendwann hinbekommen. Eine Serie, in der Charaktere bereits fertig entwickelt sind und sich nicht wie Idioten (also: Menschen) aufführen können, wäre weder spannend noch Comedy. 

Trotz aller offenkundigen Mängel war die Serie an anderen Stellen weit ihrer Zeit voraus: Sie thematisierte Unfruchtbarkeit, Arbeitslosigkeit, Armut und Suizid – Existenzängste, die jeder Millennial auch heute mitfühlt. Vor allem normalisierte sie aber die Repräsentation von LGBT-Charakteren im Fernsehen: 

Seit Episode 1 kämpft Ross damit, dass seine Exfrau mit einer anderen Frau zusammen ist. Chandlers Vater ist trans und arbeitet als Sängerin "Helena Handbasket" in Las Vegas. 

Anfangs werden diese Situationen noch für einfache und billige Gags genutzt, die jeden homophoben Onkel an Weihnachten zum Johlen brächten. Im Verlauf der Serie schaffen es beide Charaktere aber, ihre ablehnende Haltung zu überwinden und ihren Frieden mit Ex-Frau und Vater zu machen. Nur durch diese Entwicklung wirkt es glaubwürdig. 

Und nur durch diese Glaubwürdigkeit konnte "Friends" für das hauptsächlich weiße Hetero-Publikum zur Botschafterin in Sachen LGBT-Verständnis werden. Denn wenn diese hilflosen Figuren es schaffen – dann schaffe ich das auch, oder? 

Es wäre toll, wenn "Friends" auch in anderen Bereichen eine Vorreiterin gewesen wäre, wenn die Show in Sachen Rassismus noch klarer Stellung bezogen oder auf die verletzenden "fette Monica"-Witze verzichtet hätte. Dass sie das nicht getan hat, kann man als Zeichen ihrer unbedarfteren Entstehungszeit abtun. Oder als guten Grund nehmen, die Serie abzulehnen und zu kritisieren.  

Wenn mich das Angebot der Streamingdienste das nächste Mal überfordert, weiß ich trotzdem, was ich schauen werde. Auch, wenn im Hinterkopf manchmal die politisch korrekte Alarmsirene angehen wird. Das passiert ja eh häufig, wenn man sich mit Freunden von früher trifft. 

„...'cause you're there for me too.“

Gerechtigkeit

Diagnose "Morbus Mediterraneus": Das rassistische Klischee von wehleidigen Migrantinnen

Eine Frau klagt beim Arzt über Schmerzen im Bauchraum. Weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, kann sie kaum beschreiben, wo der Schmerz sitzt und wie stark er ist. Fest steht nur: Es tut weh. Der Arzt verschreibt ein Schmerzmittel und sagt hinterher zu seinem Praktikanten, dem Medizinstudenten Ben*: "Das war dann wohl ein Fall von Morbus Mediterraneus". 

Ben kannte den Ausdruck damals nicht. Heute hat er sein Medizinstudium abgeschlossen und weiß: Es handelt sich nicht um eine Diagnose. Sondern um einen medizinisch klingenden Ausdruck für ein Vorurteil: "Morbus" ist lateinisch für Krankheit, "Mediterraneus" bedeutet eigentlich binnenländisch, soll sich hier aber auf den Mittelmeerraum beziehen.

Was der Arzt damals wohl sagen wollte: "Die stellen sich immer so an, die Frauen mit Migrationshintergrund."

"Morbus Mediterraneus" habe Ben seitdem oft gehört, sagt er: Von Ärztinnen und Ärzten, vom Pflegepersonal. 

Der Begriff wird auf Menschen aus dem Mittelmeerraum angewendet, aber auch allgemein auf People of Color. Es gibt ähnliche Begriffe, die das Gleiche beschreiben sollen: "Morbus Bosporus", "Morbus Balkan" oder "Mamma-mia-Syndrom". Oft seien Ärztinnen und Ärzte dann wegen der ungenauen Beschreibung und des vermeintlichen "Jammerns" genervt, sagt Ben.

Allerdings würden die "Diagnosen" nie vor den Patientinnen und Patienten ausgesprochen, sagt er. Immer hinter ihrem Rücken. Er habe das immer als abfällig empfunden. "Ich hatte öfter das Gefühl, dass eine als 'deutsch' gesehene Person genauer untersucht worden wäre."

Ben selbst hat Erfahrung mit Rassismus, er ist eine Person of Color. "Wahrscheinlich nehme ich Rassismus eher wahr. Aber alle Ärztinnen und Ärzte sollten den Anspruch an sich selbst haben, den Patientinnen und Patienten ungeachtet von Herkunft oder Hautfarbe vorurteilsfrei zu begegnen." Er selbst habe noch nie das Gefühl gehabt, beim Arzt nicht ernstgenommen zu werden. Allerdings könne er durch sein Fachwissen auch schnell klarmachen, was ihm fehle. 

Frauen sind verstärkt betroffen. Wenn die Leiden der Patientinnen nicht ernst genommen werden, kann das schwerwiegende Folgen haben. 

Der Nationale Aktionsplan gegen Rassismus der Bundesregierung von 2017 beschreibt erhöhte Häufigkeiten von schweren psychischen Krankheiten, besonders bei Frauen, weniger Behandlung und eine erhöhte Suizidrate von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

"Begriffe wie 'Morbus Mediterraneus' homogenisieren eine Gruppe und werten sie verallgemeinernd herab", sagt Amma Yeboah. Das sei Rassismus, per definitionem.