Bild: imago/Steve Bauerschmidt
"Ich möchte nicht hören, dass ich Glück hatte."

Sie sind unterrepräsentiert, unterfinanziert und werden systematisch kleingehalten: In der deutschen Filmbranche haben Frauen es schwer sich durchzusetzen. Der neueste Diversitätsbericht des Bundesverband Regie zeigt: 2016 wurden nur 22 Prozent der Kinospielfilme von Frauen gedreht – obwohl 44 Prozent der Regie-Abschlüsse von Frauen gemacht werden. Bei der ARD inszenierten Frauen 2016 nur 19,3 Prozent der Sendeminuten, beim ZDF waren es sogar nur 14,4 Prozent

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Anne Zohra Berrached hat es trotzdem geschafft. 

Die 35-jährige Regisseurin hat im März 2016 ihr Filmstudium beendet, einen Monat zuvor lief bereits ihr Abschlussfilm "24 Wochen" auf der Berlinale. Ihren ersten Langfilm, "Zwei Mütter", drehte sie bereits während des Studiums, er lief bei "Berlinale Perspektive Deutsches Kino".

Anne Zohra Berrached bei der Berlinale 2016.

2017 führte sie bei einem "Tatort" Regie – und setzte damit wieder einen Fuß in eine männerdominierte Sphäre: Zwischen 2015 und 2016 wurden von 40 Tatorten gerade einmal drei von Frauen inszeniert. (Sueddeutsche.de

Im Interview erzählt Anne, wie sie es geschafft hat sich durchzusetzen.

Anne, warum schaffen es nur so wenige Frauen im Filmgeschäft nach oben?

Wir würden uns alle wünschen, dass es anders ist, aber die Hürden für Frauen sind in der Filmindustrie leider immer noch viel höher als für Männer. Am eigenen Leib habe ich erfahren, dass Frauen nicht so viel zugetraut wird. Gerade am Anfang hatte ich den Eindruck, dass ich mich mehr beweisen musste als ein Mann, um überhaupt gesehen und ernst genommen zu werden. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich wie ein Kind behandelt wurde. Will man es als Frau schaffen, muss man noch mehr Energie reinstecken als die anderen. In meinem Fall war das zumindest so. 

Was heißt das?

Ich habe den Druck ausgehalten. Als Regisseurin lastet wahnsinnig viel Druck auf dir. Während meines Studiums habe ich einige gesehen, die das nicht ausgehalten haben. Meinen ersten Langfilm habe ich ohne Gage gedreht. Ich musste alle, die mitgewirkt haben, jeden Tag überzeugen, dass dieser Film es wert ist, kostenlos zu arbeiten. 

Ich möchte nicht hören, dass ich Glück hatte.

Ich habe richtig hart gearbeitet, hatte über mehrere Jahre kein Privatleben, ich habe mich nur aufs Filmemachen konzentriert. Ich glaube fest daran, dass harte Arbeit unausweichlich auch zum Erfolg führt. Und wir Frauen müssen noch ein bisschen härter arbeiten als Männer.

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Wie fühlt es sich an, eine der wenigen Frauen hinter der Kamera zu sein? 

Es gibt Vor- und Nachteile. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass es hinderlich ist, eine Frau zu sein. Ich muss mir oft dumme Sprüche anhören. Ein Beispiel: Vergangenes Jahr war ich für einen großen Preis nominiert. Noch bevor ich ihn bei der Verleihungszeremonie bekam, sagte ein älterer Kollege in einer größeren Runde zu mir: "Wenn du den Award bekommst, solltest du aber auf der Bühne sagen, was du bei mir alles gelernt hast!" Das Fatale ist: Er hat das wahrscheinlich noch nicht mal böse gemeint. 

Wie hast du reagiert?

Ich habe geantwortet: "Ach, eigentlich kann ich das ganz gut alleine. Vielleicht lernst du ja auch was von mir." Leider bin ich nicht immer so schlagfertig und ärgere mich später über mich selbst. Das Schlimme ist: Es war diesem Mann gar nicht bewusst, was er da gesagt hat. Für ihn war das ein Witz, obwohl er mich damit total abwertet. 

Was sind die Vorteile?

Als eine der wenigen Frauen in der Branche, deren Filme auch schon mehrfach ausgezeichnet wurden, genieße ich einen gewissen Respekt und habe einen Wiedererkennungswert. Ich habe in den letzten beiden Jahren an Bekanntheit gewonnen, mein Kinofilm hat viele Preise erhalten und mein erster "Tatort" hatte über 10 Millionen Zuschauer. Wenn eine Frau so erfolgreich ist, dann fällt das auf. Und: Je erfolgreicher meine Filme sind, desto mehr wird mir zugetraut. 

Liegt es denn auch an den Frauen selbst, dass sie in der Filmbranche so wenig vertreten sind? 

Als Regisseurin braucht man Eigenschaften, die Frauen tatsächlich manchmal fehlen – aber nur, weil wir anders sozialisiert werden!  

Niemand bringt uns bei, selbstbewusst zu sein.

Bei jedem Film, den man als Regisseurin dreht, baut man praktisch eine kleine Firma mit 80 oder 100 Leuten unter sich auf. Man muss seine Mitarbeiter anleiten, Teams koordinieren, eine gute Chefin sein. Dafür braucht man Selbstsicherheit, Durchsetzungskraft und Ausdauer – und muss das auch ausstrahlen.

(Bild: imago/Seeliger)
Gibt es Regisseurinnen, die du als Vorbilder oder Mentorinnen bezeichnest? 

Ich habe auf meinem Weg immer wieder Frauen und auch Männer getroffen, von denen ich gelernt habe und deren Arbeit mich beeindruckt hat. Tatsächlich waren das mehr Männer als Frauen, weil einfach mehr Männer diesen Beruf machen. Ich würde sie aber nicht Mentoren nennen, ich habe meinen Weg bisher mit meiner Filmcrew und meinen Produzenten eher als Einzelkämpferin bestritten.

Frauen wird oft vorgeworfen, die braveren Filme zu machen. Ist das wahr?

Ich würde gern sagen, dass Frauen und Männer die gleichen Filme machen, aber das stimmt nicht. Es gibt zum Beispiel Männer, die drehen Actionfilme, und es gibt Frauen, die drehen Actionfilme. Aber es sind eben doch deutlich mehr Männer. Das liegt meiner Meinung nach wieder an der frühkindlichen Erziehung und an der Gesellschaft: 

Wenn man sich Cartoons für Kinder anschaut, stehen Frauen eben doch meistens in der Küche und erledigen die Hausarbeit – sie haben tatsächlich die bravere Rolle. Das schreibt sich in die Köpfe von kleinen Mädchen schon ein, ganz unterbewusst.

Ein zweiter Grund für Unterschiede zwischen Filmen von Männern und Filmen von Frauen könnte auch sein, dass Frauen oft kleinere Budgets angeboten bekommen und darum auch nicht so viel Spielraum bei der Gestaltung haben.

Stellen Regisseure Frauen in ihren Filmen anders dar als Regisseurinnen? 

Meine Freundin und Kollegin Maria Furtwängler hat eine Studie angeleitet, in der untersucht wurde, wie Frauen vor der Kamera dargestellt werden. Sie musste feststellen: Frauen haben in Filmen keine tragenden Rollen und wenn, dann müssen sie leiden, sind also keine starken Figuren. Die Studie sagt leider nichts darüber aus, ob Frauen von Männern oder von Frauen selbst so dargestellt werden. Da es aber mehr männliche Regisseure gibt, muss man davon ausgehen, dass sie entscheidend zu diesem Bild beitragen. Es zeigt jedenfalls: Es gibt zu wenige starke Frauen im deutschen Fernsehen. 

Kommen dir die Geschichten von sexuellen Übergriffen an Filmsets und in der Branche denn bekannt vor?

Nein, denn wenn ich einen Film drehe, mache ich meine eigenen Regeln. Ich habe mal mit einem Schauspieler gearbeitet, der bei einer Improvisation furchtbar frauenfeindliche Dinge gesagt hat und eine Schauspielerin heftig am Arm gepackt hat. Ich habe ihn darauf angesprochen – er hat gar nicht verstanden, was das Problem war. Ich habe ihn weggeschickt. Es war schade, er war ein guter Schauspieler. Aber es musste sein. Ich bin in der Position, die Stimmung am Set zu gestalten – und Übergriffe lasse ich nicht zu. 

Schaffst du durch deine Arbeit ein Bewusstsein für die Probleme in der Filmbranche?

Ich mache meine Filme nicht, weil ich für die Rechte der Frauen kämpfe.

Ich mache Filme, weil ich es liebe.

Wenn das andere inspiriert und eine Veränderung bringt, dann ist das ein positiver Nebeneffekt. Ich befürworte beispielsweise auch öffentlich die Initiative "Pro Quote Regie", die möchte, dass eine Frauenquote von 50 Prozent im Regiebereich eingeführt wird – aber ich bin nicht Mitglied des Vereins. Es ist einfach nicht meine Art, mich Gruppen anzuschließen. Meine Hauptaufgabe ist der Film. 

Was kann man tun, um ein Umdenken voranzutreiben?

Ich als Regisseurin kann Filme machen, als Frau und mit Frauen. Als Mutter würde ich mir sehr genau überlegen, welche Filme und Bücher ich meinen Kindern zeige. Stereotype Rollenbilder sind ja überall. Wir sind alle in der Verantwortung. Wir brauchen Frauen, die ihren Mund aufmachen, laut ihre Bedürfnisse formulieren und gegen Ungerechtigkeiten protestieren.

Manchmal fühlt sich die Debatte auch für mich etwas zu laut an, andererseits: Nur so geht es. Darum ist es richtig, diese Debatte zu führen. So bewegen wir etwas. 


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