Bild: Netflix
Na, seit Corona keinen Sex mehr gehabt? Dann schau dir an, wie es diesen Leuten ergeht

"Hey, pass auf, dass du keinen Sonnenbrand bekommst", mahnt der muskulöse Londoner David, als er aus dem Nichts eine Flasche Sonnenmilch hervorzaubert. "Ich sollte dich eincremen", befindet er und schmiert der knapp bekleideten Chloe Creme auf den Rücken – nur zu ihrem Besten, natürlich. 

Noch denken die beiden aufgeheizten Dauersingles, so wie acht andere ihrer Art, dass sie in der Reality-Show "Finger weg!" (im US-Original: "Too hot to handle") den sexuellen Hauptgewinn gezogen haben: Mit einem Haufen normschöner und ungebundener Menschen einen Monat in einem tropischen Luxus-Resort zu verbringen. Erdbeeren, Whirlpool, Teilerektion – in Erwartung der einen oder anderen Orgie stoßen die zehn Singles in der ersten Folge mit Champagner an und reiben sich ein wenig aneinander. Denn vor der Teilnahme verrieten die Macher der "Untitled Dating Show" ihnen nicht, worum es hier wirklich gehen soll. 

Wieviel ist dir ein Orgasmus wert?

Wenige Augenblicke später folgt die sexuelle Ernüchterung. Eine Computerstimme, die sich als "Lana" vorstellt, erklärt, dass alle Anwesenden zwar 100.000 Dollar gewinnen können, aber nur unter einer Bedingung: Sie müssen für einen Monat auf Knutschen, Fummeln, Sex und Masturbation verzichten. Für jede Unzucht wird Geld vom gemeinsamen Topf abgezogen. 

Man stelle sich hier das Zonk-Geräusch vor.

Statt Orgien sollen alle die Möglichkeit bekommen, sich persönlich und emotional weiterzuentwickeln, erklärt die virtuelle Anstandsdame weiter. Besonders angesprochen scheinen die Jungs, deren Humor auf Pupswitz-Niveau bereits seinen Höhepunkt erreicht hat. Durch Workshops, "echte" Dates (mit Reden!) und Enthaltsamkeit sollen sie lernen, was sie wirklich fühlen. Statt einfach immer nur zu nehmen und den harten Mann zu markieren.

Harry und Kelz haben es auf dieselbe Frau abgesehen. Das riecht nach Ärger

Dating-Therapie für Beziehungsunfähige

Denn was alle Teilnehmenden der Show gemeinsam haben: Sie definieren sich als beziehungsunfähig – oder werden von den Produzenten der Show zumindest so dargestellt. Generation Tinder kann nur swipen statt kuscheln, dieses Klischee wird hier zu 100 Prozent bedient. 

Zum Cast gehören daher Leute wie Bryce, der auf einem Boot in L.A. lebt und von sich selbst behauptet, jeden Tag Sex zu haben – "aber nie mit derselben Frau". Oder Instagram-Model Francesca Farago, die mit ihren knappen Outfits und ihrer Sorglosigkeit wahrscheinlich schon eine Handvoll emotionaler Auffahrunfälle verursacht hat. 

(Da ihr Instagram-Profil wenige Tage nach Start der Show bereits fast eine Million Fans dazugewonnen hat und gerade SEHR viel nach ihr gesucht wird, sparen wir euch hiermit einen Klick.)

Netflix wählt, trotz der "Bachelor in Paradise"-Vibes, einen fast schon herablassend pädagogischen Ansatz, den man eher bei einem Angebot der Öffentlich-Rechtlichen erwarten würde. Die dauergeilen Singles sollen durch "Finger weg!" die Möglichkeit bekommen, "wahre Verbindungen" zueinander aufzubauen. Was das bedeutet, entscheiden die Macher der Show im Geheimen. Nachdem ein potenzielles Pärchen vor laufender Kamera nämlich genug Süßholz miteinander geraspelt hat, erlauben ihnen die Produzenten per grünem Licht auf einer Smartwatch am Handgelenk das straffreie Rumknutschen. Die Lehre daraus: Erst soll man sich kennenlernen, dann Körpersäfte austauschen. 

Der Sündenfall

Ob das nun eine moderne Form von Sextherapie, Schlüsselloch-Voyeurismus oder eine Parabel auf die Corona-Isolation und damit verbundene Abstandsregeln ist, kann man schwer sagen. Es ist in jedem Fall Trash allererster Güte und macht riesigen Spaß beim Zuschauen. Etwa, als sich der Player Kelz im Kopf ausrechnet, wie viel ihm Sex mit Publikumsliebling Francesca wert wäre. Die hat durch ihren Influencer-Job nämlich genug Geld und kann auf den Jackpot pfeifen – stattdessen verführt sie Frauen und Männer gleichermaßen, nach dem Vorbild der biblischen Schlange. 

Ihr einziges Problem dabei: Regelverstöße einzelner werden dem ganzen Teilnehmerfeld vermeldet, inklusive der Kosten für den gemeinsamen Jackpot. Ein Kuss kostet sofort 3.000 Dollar – für alle. Das stetig sinkende Preisgeld sorgt als Kollektivstrafe dafür, dass die "Braven" den "Unartigen" die Leviten lesen. Wer sich etwa nachts heimlich aus dem Schlafraum schleicht, wird bald von der Gruppe zur Rede gestellt: "Hast du dich auch benommen?" Andere Sexsüchtige werden zu züchtigen Gefängniswärtern der Unterhose –  wie kann man dieses Konzept nicht lieben?  

Rhonda und Sharron dürfen auf ein Date gehen, um die "Echtheit" ihrer "Verbindung" zu vertiefen, bis das grüne Lämpchen am Arm leuchtet und sie endlich schnackseln dürfen

(Bild: Netflix)

Dass sicher nicht alles in dieser Reality-Show so passiert ist, wie es in den acht Folgen gezeigt wird – geschenkt. Denn "Finger weg!" ist Balsam für gelangweilte und sexuell frustrierte Gemüter, die schon viel zu lange in der Quarantäne gefangen sind. 

Immerhin spendet die Serie ihnen einen erbaulichen Gedanken: Ich darf nach dem Schauen einfach masturbieren, ohne dafür ein paar Tausend Dollar blechen zu müssen. Danke, Netflix. 


Trip

Weg ohne weg: So holst du dir den Thailand-Urlaub nach Hause
Ein kulinarischer und kultureller Trip nach Südostasien

Der sanfte Rhythmus der Wellen drückt das blaue Wasser über den feinen weißen Sand bis zu meinen Füßen. Das Meer ist warm, aber bei 39 Grad Lufttemperatur dennoch eine willkommene Abkühlung. Ebenso wie die frische Kokosnuss, die eben noch in einem Kühlschrank der Strandbar lag und nun fachmännisch mit einem gewaltigen Messer enthauptet wird. 

Wenn ich die Augen schließe, kann ich es fast wieder hören: Fetzen eines Reggaesongs, die sich mit Gesprächen von Reisenden aus Australien, Schweden und Argentinien mischen. Alle wollen an diesem Sehnsuchtsort etwas anderes finden. Entspannung oder Abenteuer, Gemeinschaft oder Abstand. Viele wissen nicht einmal, was sie suchen. In Thailand finden sie es trotzdem.