Bild: Getty Images / Timur Emek

Fahri Yardim hat gerade erst geduscht. Die schwarzen Locken sind noch nass. Er trägt Flipflops, einen dünnen Pullover, Jeans und einen sportlichen Rucksack.

Er kommt allein, den Familienkombi mit verdunkelten Scheiben hat er in einer Seitenstraße geparkt. Fahri nuschelt: "Bin gerade erst wach."

Wir treffen uns in Berlin-Pankow. Fahri macht gerade Werbung für seinen neuen Film, "Jugend ohne Gott".

(Bild: Nike Laurenz / bento)

Darin kämpfen Jugendliche in einem Hochleistungscamp um die Aufnahme an einer Elite-Uni. Von moralischen Werten will die Leistungsgesellschaft im Film nichts wissen, die Städte sind aufgeteilt: Es gibt Reiche und Arme, Legale und Illegale.

Ein Teilnehmer des Camps hinterfragt diese Teilung zunehmend und lehnt sich auf. Fahri spielt einen Lehrer, der diese Rebellion verfolgt – und sich die Frage stellen muss, auf welcher Seite er steht. Der Film kommt am 31. August in die Kinos.

Wir wollten vorab von Fahri wissen: Zu welcher Klasse gehörst du? Wie gehst du mit deinem Besitz um?

Im Café will Fahri draußen sitzen, er wählt einen Tisch in der Ecke, bestellt Rhabarbershorle und Tomate-Mozzarella-Sandwich. 

Fahri, bist du ein Gewinner oder ein Verlierer?

Ich versteh das Leben nicht als Wettbewerb. Aber wenn du es plump willst: Ich bin ein Gewinner. 

Ich bin gesund, relativ frei, ich habe genug Geld, kann meine Miete zahlen. Meine Probleme sind eine schlecht eingeräumte Spülmaschine, die sich manchmal erst beim zweiten Versuch schließen lässt, oder eine rote Ampel, an der ich ungeduldig warte. Ein priviligiertes Leben also.

Wie alles begann – Fahris Karriere in Bildern
2006 spielte er in "Wo ist Fred?" mit, hier lernte er auch Til Schweiger kennen – mit dem er bis heute befreundet ist.
In "Almanya – Willkommen in Deutschland" von 2011 geht es um die Identität türkischer Gastarbeiter in Deutschland.
Das Ermittlerduo Nick Tschiller und Yalcin Gümer: Seit 2011 spielen Til und Fahri die Kommissare im "Tatort".
2015: "Halbe Brüder". In dem Road-Movie spielen Sido, Tedros "Teddy" Teclebrhan und Fahri die Hauptrollen.
Seit 2017 läuft "jerks". In der Serie geht es um die Freundschaft zwischen Christian Ulmen und Fahri Yardim.
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Macht dir der Gedanke, dieses Leben zu verlieren und arm zu werden, Angst?

Ich habe riesige irrationale Existenzangst – obwohl, Verlustangst beschreibt es besser. Ich genieße dieses Leben, will es nicht verlieren.

Ich hätte im wahren Leben wahrscheinlich auch so gehandelt wie der Lehrer in einer Szene des Films: Wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich mich für einen übergewichtigen, schlechten Schüler einsetze und damit meinen Job riskiere, hätte ich mich für den Job und gegen den Schüler entschieden.

Ich würde es wochenlang bereuen – aber ich wäre nicht mutig genug, für den gerechten Moment meine Karriere aufs Spiel zu setzen.

Fahri Yardim in Berlin: "Ich lass immer mal 'ne Kante raushängen."(Bild: Nike Laurenz / bento)

Im "Tatort" nimmt er an Til Schweigers Seite Kriminelle fest, in Kinofilmen spielte Fahri schon Pizzabote, Millionär und Aufseher. Seine Rollen lassen sich meistens nichts vorschreiben, im Spiel ist er oft der Furchtlose, weiß immer einen Spruch.

Auch in Wirklichkeit muss er viel grinsen. Aber er nimmt sich ein paar Sekunden, bevor er antwortet. Beim Nachdenken betrachtet er den Boden.

Hast du schon mal gelogen, um deine Karriere voranzutreiben?

Oft! Ich habe früher eine unerträglich unglaubwürdige Show abgezogen, wenn ich in der Öffentlichkeit stand. Ich habe verzweifelt versucht, die Leute zum Lachen zu bringen. In Interviews wollte ich immer der lustige Junge aus der letzten Reihe sein.

Mittlerweile nutze ich die Aufmerksamkeit viel öfter, um eine kritische Haltung zu beziehen. Man muss sich in diesem Geschäft immer wieder neu entscheiden, ob man das Rebellische nach außen trägt, aneckt, oder ob man den Weichgewaschenen gibt, der möglichst vielen gefällt.

Und wer bist du?

Ich pendle unentschlossen dazwischen. Ich lass immer mal 'ne Kante raushängen, um dann wieder charmant zurückzurudern.

So in etwa kommt es auch rüber, wenn er isst: Fahri lacht so laut, dass es die Leute auf der anderen Straßenseite sicherlich hören, er stellt Gegenfragen und pult sich Essensreste mit dem Finger aus dem Mund. Das erlaubt er sich, um gleich danach entschuldigend festzustellen, wie unhöflich das sei.

Fahri, Joko Winterscheidt: "Man muss sich entscheiden, wer man sein will"(Bild: Getty Images)
Gibt es nicht manchmal auch Situationen, in denen man sich besser anpassen sollte?

Klar, ich hab meinen Lehrern früher zum Beispiel eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn die im Stress waren, gab ich ihnen das Gefühl, dass ich sie höre, dass ich mit ihrem Unterricht viel anfangen kann. Das war vielleicht angepasst, tat denen aber gut. Und brachte mir bessere Noten, als ich es verdient hätte.

Gehst du heute auch noch so mit Vorgesetzten um?

Wenn ich mal den hohen Tierchen aus der Filmindustrie begegne. Die meisten wollen gar nicht über ihren nächsten Film reden, und die wollen auch nicht hören, was man denn gerne mal für eine Rolle für sie spielen will.

Die wollen an den Menschen erinnert werden, der sie in ihrer Position kaum noch sein können.

Und wie geht das, jemanden als Mensch sehen?

Das klingt jetzt kitschig, aber: herzlich sein. Jemandem in die Augen gucken, jemanden einfach mal umarmen, der es nicht mehr gewohnt ist. Schwächen anbieten, unkontrolliert lachen. Menschliche Gesten in einer unmenschlichen Umgebung sind radikale Geschenke.

Fahri, Til Schweiger(Bild: Getty Images)
Was tust du selbst dagegen, ein Tierchen zu werden, dem Menschlichkeit fehlt?

Ich gehe zum Kühlschrank und esse Fettiges und Knackiges.

Echt?

Nee. Ich nehme mir radikale Auszeiten. Ich gehe regelmäßig für einige Zeit in Ökodörfer, in denen Menschen in Gemeinschaften leben und den gesamten Alltag zusammen bestreiten. Sie wenden sich ihrem Eigentlichsten zu, erleben achtsam, führen wesentliche Gespräche. 

Das kann spirituell sein oder sehr weltlich. Jedenfalls ist es echte Erholung von den Hässlichkeiten der Leistungsgesellschaft. Weil es dort auch nicht um Materielles geht. Ich war gerade erst mit meiner kleinen Family in so einem Dorf.

Wo denn?

Ich verrate doch nicht, wo ich meine friedlichen Nester habe.

Verprasst du dein Geld auch manchmal?

Wenn, dann im Urlaub. Dann sage ich: Diese zwei Wochen sind bodenlos. Und dann gibt es für alle gutes Essen und Genuss. Manchmal verknall ich mich auch in ein teures Möbelstück, das es dann unbedingt sein muss.

Nur Klamotten bedeuten mir nicht viel. Ich trag immer das, was ich am Set so bekomme. 

Und jetzt gerade?

Das ist eine original jerks-Kombination. Hab ich in der Serie so getragen, fand ich gut. 

Schon mal geklaut?

Ewig her. Kleine Plastikschnuller, die damals in waren. Um Jasmina zu beeindrucken, in die ich verschossen war. Und einmal, genauso lange her, hat Julian mir im Supermarkt einfach Schokolade in den Rucksack gesteckt.

Ich war sauer. Hätte ihn verpetzen können, aber dann hätte ich wahrscheinlich auf die Fresse bekommen. Er war doppelt so groß wie ich. 

Fahri 2016: "Ich trag das, was ich am Set so bekomme"(Bild: Getty Images)
Schon mal eine Idee geklaut?

Ich hab mir anfangs viel von Moritz Bleibtreu abgeguckt, aber unbewusst. Die schnoddrige Hamburger Schnauze, bisschen Straßenköter, aber sympathisch, das gefiel mir. 

Vielleicht war das so eine Idee, eine Vorstellung von Schauspiel, die ich geklaut habe. Und wovon lässt du dich inspirieren?

Ich lese manchmal die Texteinstiege vieler verschiedener Geschichten hintereinander, bevor ich selbst anfange zu schreiben.

Aha. Und was wird der Texteinstieg für dieses Interview?

Was für einen hättest du denn gern?

Ein Flugzeug fliegt tief über Pankow hinweg, für einen kurzen Moment ist nur das Donnern der Triebwerke zu hören. Dann sagt Fahri:

An diesem Morgen wusste niemand, was tiefer war, das Flugzeug – oder Fahri Yardims Stimme.


​"Jugend ohne Gott"

Frei nach dem gleichnamigen Roman von Ödön von Horváth, ab 31. August im Kino. Mit: Fahri Yardim, Jannis Niewöhner, Emilia Schüle, Alicia von Rittberg, Jannik Schümann und Anna Maria Mühe.


Queer

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Was wenn Arielle im Laufe des Films nicht ihre Flosse durch zwei Beine ersetzen würde – sondern ihre Vagina durch einen Penis?