Bild: Prosieben
"Die beste Show der Welt" will wissen: Auf welch niedrigem Niveau wollen wir uns unterhalten lassen?

Joko und Klaas leben für die Quote. In ihren unzähligen Formaten sind sie schon auf Vulkane geklettert, haben sich den Mund zunähen und Donuts unter die Haut spritzen lassen. Gesundheit, Privatsphäre und Respekt vor sich selbst – für die Zuschauer haben die beiden bisher noch alles aufgegeben.

Jetzt folgt ihre intellektuelle Rache, in rosafarbene Zuckerwatte verpackt. "Die Beste Show der Welt“ lief am Samstagabend auf ProSieben zum ersten Mal, die Sendung erinnert an Altbewährtes: Emotionen, Duelle, Wetten, Privates – höher, schneller, weiter, bitte.

(Bild: Prosieben)

Doch die vorgestellten Formate selbst stellen nicht die Moderatoren auf die Probe – sondern das Publikum in Frage: Wie weit gehen wir für ein wenig Entertainment? Wo ziehen wir, die Zuschauer, die Grenze? Oder sind wir schon so abgestumpft, dass wir diese Grenzen gar nicht mehr wahrnehmen?

Das Prinzip der Show ist einfach: Jeder der Moderatoren stellt in je maximal 20 Minuten vier neue Showformate vor. Das Publikum im Saal entscheidet: Schaut es zu oder schaltet es weg? Sinkt die Einschaltquote zu tief, bleiben den Moderatoren 60 Sekunden, das Ruder herumzureißen – ansonsten folgt die sofortige Absetzung.

Es kommt nicht darauf an, was man gemacht hat, es kommt darauf an, was die Leute sehen wollen.
Joko
"David Flame": Der Untergang jeder Magier-Show

Klaas zaubert. Mit ernster Uri-Geller-Miene lässt er Palina im halbdurchsichtigen Kleid schweben oder sich selbst in einem Sarg mit Dynamit einschließen. Die Persiflage auf Magie-Shows geht plumper kaum. Trotzdem würden 79 Prozent der Zuschauer dranbleiben.

"Warum nicht mehr?", beschwert sich Klaas im Anschluss. "Ich hab gezaubert, Leute." Und Joko gibt die bezeichnende Antwort: "Es kommt nicht darauf an, was man gemacht hat, es kommt darauf an, was die Leute sehen wollen."

"Game of Drones": Das Spiel mit der Spielsucht

Vier Drohnenflieger steuern ihre Fluggeräte in wahnwitzigem Tempo durch einen Parcours. Zuvor darf das Publikum Bares setzen: Jeder Zuschauer im Saal tippt die Geldmenge ein, die er hier und jetzt bereit ist, aus eigener Tasche auf den Piloten seiner Wahl zu setzen. Die vier Höchstbietenden werden kurzerhand bloßgestellt, nach vorne zitiert und müssen tatsächlich zahlen. 450 Euro macht Chris locker. "Gehalt ist gerade gekommen", nuschelt er nur auf Jokos Frage, warum die Kohle gerade so locker sitzt.

Sind Sportwetten im Fernsehen eigentlich erlaubt? Egal: Paul, 15 Jahre alt, hat mehr als 200 Euro auf den Tisch gelegt. Das mit der Minderjährigkeit? Kein großes Problem – statt Paul nimmt pro forma fix sein Vater seinen Platz ein. Die Action geht weiter, Drohnen fliegen durch Explosionen – am Ende heimst das Format 75 Prozent Zuschauerbeteiligung ein.

(Bild: Prosieben)
Du bist der allerletzte Mensch.
Joko zu Klaas
"Die Yes or No"-Show: Zwangsheirat mit Joko

Die dümmliche Fragerunde zwischen Alina und Tom aus dem Publikum hat bloß ein Ziel: Tom soll in aller Öffentlichkeit seinen Heiratsantrag loswerden. Alina stimmt zu – wer könnte auch, hochschwanger und vor einem Millionenpublikum "Nein" sagen? Beim Lippenbekenntnis bleibt es nicht: Alina und Tom werden fix verheiratet – in der vermutlich fürchterlichsten Schnell-Zeremonie, die das Fernsehen je gesehen hat. Moderatoren wie Publikum vergießen Tränen beim Anblick der medial erwirkten Zwangsheirat: 84 Prozent Quote.

"Der beste Preis der Welt": Grausamkeit als Quotenbringer

Joko übernimmt die Formate, die trotz aller Grenzwertigkeit tatsächlich funktionieren, Klaas hingegen mimt den Evil-Talkmaster. Katharina aus dem Publikum soll in drei Mini-Spielen gegen ihn antreten. Gewinnt sie, darf sie nach fünf Jahren erstmals ihren Bruder wieder sehen, er lebt in Kolumbien und wartet nun hinter den Kulissen. Verliert sie, soll der Bruder ins wartende Taxi gesetzt und wieder zurückgeschickt werden, ohne dass Katharina je davon erfährt.

"Du bist der allerletzte Mensch", schreit Joko, das Publikum buht. Schade, dass sich die beiden das dann doch nicht trauen: Denn Katharina verliert – darf sich aber mit ihrem Trostjoghurt trotzdem eine Umarmung ihres Bruders abholen.

"Dürften wir": Rein ins Private

"Man muss nur höfliche Fragen stellen", sagt Joko – und darf danach in der WG von Alina und Robert tatsächlich alles. Ein paar Hundert Euro genügen und die Beiden lassen sich in Schränke gucken, einen Streichelzoo im Bad einrichten oder ein Zwerghain im Schlafzimmer eröffnen. Ein bisschen Stalken dürfen und ein prominenter Außenreporter wie Matthias Schweighöfer genügen, um mit einer vollkommen durchgenudelten Idee höchste Einschaltquoten einzufahren.

In our face.

(Bild: Prosieben)
Fazit: Mehr Hass, bitte!

Joko und Klaas sind seit Jahren Geiseln der Quote; in "Die Beste Show der Welt“ scheint sich der angestaute Hass und die Ironie zu entladen – auf eine schöne Weise. Und so hat das Format das Potential, die dunkle Seite des Entertainment-Businnes zu beleuchten. Das formateigene Problem: Je klüger die medienkritischen Show-Vorschläge, desto geringer sind offenbar die Einschaltquoten – wie die erste Sendung zeigt. Trotzdem bleibt nach der ersten Folge nur ein Wunsch: Mehr Hass, bitte! Vielleicht hat Busenfreund Böhmermann ja einen Sendeplatz im Nischen-TV über.

bento-App

bento gibt es auch als App
Kostenloser Download: Android | iOS
Und jetzt ein Quiz: Jan Böhmermann oder Joko und Klaas: Wer hat's gesagt?

Ist Böhmermanns Humor wirklich so viel feinsinniger?


Fühlen

Der 1. Mai als Polizistensohn: Tag der Angst
Max erinnert sich.

Das vorweg: Ich werde in diesem Text keine Zeile aus "Ich hab' Polizei" von Jan Böhmermann zitieren. Versprochen.

Das Versprechen muss ich bringen. Denn ich bin wie Böhmermann Polizistensohn. Das hätte sich jeder denken können, der meinen Text über Großstadtkriminalität kennt. Welcher normale Berliner interessiert sich denn bitte dafür, wo er abgezogen wird? Wir haben doch eh alle kein Geld.