In Hamburg wurden gerade wieder Medienpreise verliehen. Der Art Directors Club für Deutschland (ADC), “ein Zusammenschluss von Kreativen der Kommunikationsbranche”, hat Donnerstag fast 300 seiner sogenannten Nägel vergeben. Dabei handelt es sich tatsächlich um Nägel, die eine Jury von Werbern an Arbeiten vergibt, die – Achtung, Phrase – “den Nagel auf den Kopf treffen”.

Es gibt aber noch eine Voraussetzung für Auszeichnungen: Damit die eigene Arbeit von der Jury überhaupt berücksichtigt wird, muss man als Künstler oder Agentur pro Werk einige Hundert Euro Gebühr zahlen. Unnötig und unfair, finde ich.

Damit auch Zeitschriften, die lieber in Inhalte als Award-Einreichungen investieren, mal einen Preis gewinnen, erfinde ich hiermit den Kioskforscher-Award für besonders denkwürdige Cover. Zum Start vergebe ich ihn gleich 15 Mal – wie beim ADC-Wettbewerb in den Abstufungen Gold, Silber und Bronze.

Intransparenz-Hinweis: In die engere Auswahl kamen nur Cover deutschsprachiger Zeitschriften, denen ich im Frühjahr 2016 zufällig im Supermarkt oder Zeitschriftenladen begegnet bin und die ich zumindest so ungewöhnlich fand, dass ich sie fotografiert habe. Mein Eindruck von den Heften basiert in der Regel ausschließlich auf dem Cover. Nach fünf Jahren Kioskforschung dürfte ich aber eine gewisse Routine beim Erkennen seltsamer Magazine entwickelt haben.

Nun aber zu den Preisträgern:

Ein goldener Kioskforscher-Award für besonders gewiefte Leserverwirrung geht an das Rezeptemagazin “Meine Familie & Ich“. Aus der Kassenschlange eines Reals starrte ich mehrfach ungläubig in Richtung der März-Ausgabe, die den ersten Fleisch-Schokokuchen der Welt präsentierte. Dachte ich zumindest auf den ersten, zweiten und dritten Blick. Und das wäre in der Tat “echt crazy” gewesen.

Ein weiterer Gold-Award für das schönste Softporno-Cover geht an das Heft Rügen. Das “Journal für Deutschlands schönste und größte Insel” imitiert mit beeindruckender Akribie die Optik billiger Liebesromane, obwohl das Heft immerhin 6,50 Euro kostet.

Und es gibt noch einen dritten Gold-Gewinner: Das große Schicksalshoroskop der AstroWoche wird geehrt für bemerkenswerte Überambition. Das Horoskop-Heft sagt nicht nur die nächste Woche, den nächsten Monat oder das nächste Jahr vorher, sondern gleich das kommende Jahrzehnt – für jedes Sternzeichen und sogar für Deutschland. Einen Sonderpunkt gibt es, weil die Zeile “Das kommt jetzt auf uns zu!” besonders schlecht zu einer Langzeitprognose passt.

Einfallsreich sind die Prognosen des Hefts übrigens nicht oder zumindest nicht alle. Das Jahr 2025 etwa wird an einer Stelle so beschrieben: “Fast alle Deutschen sind vernetzt. Das Smartphone bestimmt die Kommunikation – über Handy wird bestellt, bezahlt, geshoppt, ständiger Kontakt gehalten.” Manches bleibt also einfach so wie jetzt.

Jetzt zu den Silber-Preisen: Der erste Award dieser Kategorie geht an Vegan für mich, für eine besonders ungeschickte Zielgruppenansprache. “Glücklich, fit und Spaß dabei”, lautet der Slogan des Hefts, Vegan-sein wird hier offenbar als etwas Tolles und sogar Cooles inszeniert. Unklar bleibt aber, wieso die Redaktion ausgerechnet eine Frau mit Blattsalat-Kopfschmuck aufs Cover genommen hat, die eher die gegenteilige Botschaft vermittelt: Ein wenig irre sind die schon, diese Veganer.

Wo wir gerade beim Thema Ernährung sind: Silber geht auch an Meine Schuld, für besonders subtile Kritik am Vegetarismus. Das Heft lockt mit schonungslosen und indiskreten Berichten von Frauen, wie “Ich schlief auch mit seiner Schwester”. Zu diesen Ankündigungen gesellt sich aber auch noch ein weiteres Titelthema, “Gaumenfreuden: Vegetarisches für die Familie”.In welcher Form dieses wohl im Heft vorkommt? Gesteht eine Frau, dass sie einmal heimlich Tofubällchen statt Frikadellen gekocht hat? Oder, dass sie dieses Gericht ihrer Familie vorgesetzt, aber selbst gar nicht gegessen hat?

Ins Grübeln gebracht hat mich auch das Magazin Maas, das “Impulse für ein erfülltes Leben” liefern soll. Von mir bekommt es einen Silber-Award – für eine besonders unverständliche Bildgestaltung. Das Titelthema des ersten Heftes lautet “Beruf und Berufung”, dazu reißt eine Frau in einer Ruine Gardinen auseinander – auf Rollschuhen. Ja, genau: Hä?! Besonders das Rollschuh-Motiv lässt mir nach wie vor keine Ruhe.


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Die 15 seltsamsten Magazin-Cover des Frühjahrs, 2. Teil
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