Während Deutschland immer bunter wird, spielen in Serien sehr selten Personen mit, die türkisch aussehen oder asiatisch. Unsere Autorin findet: Das muss sich ändern!

Ich bin Asiatisch-Deutsche und will im deutschen Fernsehen endlich auch mal Gesichter sehen, die mir ähnlich sind. Ich will mich auch mal mit Figuren identifizieren können, will Menschen wie mich als Protagonistin und Heldin sehen. Also habe ich einen Selbstversuch gestartet und mich vor dem Fernseher geparkt. Die Gretchenfrage an die Medienmacher: "Sagt, wie haltet ihrs mit der Repräsentation?“ Eistee raus, Popcorn her – es wird eine lange Session.

The Big Bang Theory

Ich starte im Nachmittagsprogramm mit Sitcoms, genaugenommen mit der amerikanischen Serie "The Big Bang Theory“. Ich muss mich selbst immer daran erinnern, dass auch Indien zu Asien gehört. Theoretisch müsste ich selbst viele Türken aus rein geographischen Überlegungen zu Asien zählen.

In der Serie ist Raj Koothrappali (der da oben) einer aus der Runde der Über-Nerds, und obwohl alle auf die eine oder andere Weise Über-Loser sind, schafft es der indische Astrophysiker, der größte Loser von allen zu sein. Er ist von allen Nerds am längsten Single, anfangs kann er nicht mal mit Frauen sprechen. Asiaten sind halt einfach nicht attraktiv. Oder gar sexy.

2 Broke Girls

Was uns zu "2 Broke Girls“ führt. Die beiden Protagonistinnen in dieser amerikanischen Serie sind arm – entweder schon immer gewesen (Max) oder durch unglückliche Umstände geworden (Carol) – und versuchen in New York zu überleben. Deshalb arbeiten die beiden in einem ranzigen Lokal als Kellnerinnen. Ihr Boss? Ein kleiner, untersetzter, asiatischer Mann mit Akzent namens Han Lee (der da unten).

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Sitcoms. Sitcoms leben von überzeichneten Figuren. Nur: Asiatische Männer werden immer nur als lächerliche Charaktere dargestellt, die sich vor allem in Liebesdingen oder im sozialen Umgang dämlich anstellen. Diese Serie verstärkt rassistische Klischees über Asiaten und verkauft es mit vielen Lachsalven als Humor. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, meinen Eistee gegen den Fernseher zu werfen.

Kommissarin Hu trinkt nur Tee und zitiert Buddha.

Nach stundenlanger Suche nach "Asiaten im deutschen Fernsehen“ lege ich genervt die Fernbedienung weg. Deutsches Fernsehen ist so blind, dass fast nie Menschen anderer Hautfarbe in tatsächlich deutschen Produktionen über den Bildschirm flimmern. Also unterbreche ich meinen TV-Marathon, um bei Twitter um Rat zu fragen. @Colognerin empfiehlt mir die Krimiserie "Nachtschicht“.

Nachtschicht – Ein Mord zu viel

Eins vorweg: Ich bin kein Krimi-Fan – wahrscheinlich bin ich die einzige Person in ganz Deutschland, die noch nie einen Tatort gesehen hat. Kommissarin Hu, gespielt von Minh-Khai Phan Thi, ist Teil des festen Ermittlerensembles. So viel Fortschritt hätte ich nicht erwartet. Dennoch – ich bin unzufrieden.

Meine deutsch-vietnamesische Landsmännin sehe ich zum ersten Mal als Schauspielerin. Leider überzeugt sie mich nicht: Seltsam hölzern und steif spielt sie ihre Rolle. Schlimmer noch finde ich ihre Dialogzeilen – sie eilen von Klischee zu Klischee: Kommissarin Hu trinkt nur Tee und zitiert Buddha.

Wer asiatische Gesichter sehen will, muss Dokus gucken. Ist es das, was mir das Fernsehen sagen will?

Dabei bin ich gar nicht dagegen, das asiatische Anderssein zu zelebrieren, zumal ich selbst nur Tee und keinen Kaffee trinke. Aber wenn abgesehen von ihrem Asiatischsein Hu gar keine Persönlichkeit hat, kann man sich so eine Figur auch sparen.

Dokumentationen auf arte & Co.

Wer asiatische Gesichter sehen will, muss Dokus gucken. Ist es das, was mir das Fernsehen sagen will? Die Kulturkanäle zeigen zuverlässig Sendungen über Feste in Asien, die Yakuza in Japan oder Buddhismus im Himalaya. Das ist alles schön und gut, aber was ist mit den asiatischen Menschen, die in Deutschland leben? Wann erfährt man mal etwas über die? Über uns?

Galileo

Ich wechsle zu ProSieben und erwische einen Beitrag über Vietnamesen in Berlin. Galileo beschäftigt sich häufig mit Asien – meist mit Fabriken in China, aber auch mit Liebe in Japan. Aber zurück zum Beitrag.

In Berlin ist nicht nur der größte vietnamesische Markt Deutschlands angesiedelt, auch Garküchen und einen buddhistischen Tempel findet man in der Hauptstadt. Ich sehe den Alltag von Berliner Vietnamesen, erfahre, warum die Zigarettenmafia Anfang der Neunziger entstand – wegen des Mauerfalls verloren viele Gastarbeiter ihre Jobs – und lerne, dass in Berlin die größte vietnamesische Community in Deutschland ist. Der Bericht ist ziemlich ausgewogen. Daumen hoch.

Ich leide körperliche Schmerzen.
TV-Spot "Joghurt mit der Ecke"

Jetzt kommt die Werbung. Ein Spot informiert mich über einen neuen Mango-Joghurt. Alle singen und tanzen in bunten Gewändern, Glitter und Prunk überall. Zum Mango-Joghurt fällt ihnen nichts anderes ein als Bollywood? Gähn. Weiter zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Jahr des Drachen

Ich leide körperliche Schmerzen. War das zu viel Popcorn? Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet die Dialoge in ihrer Rezension zu "Jahr des Drachen“ zu Recht als "hölzern“ (Sueddeutsche.de). Das ist noch nett ausgedrückt.

"Jahr des Drachen“ ist ein langweiliger, flacher Abklatsch von "Pretty Woman“ aufgeladen mit rassistischen Darstellungen. Vor fremder Kulisse in Ho-Chi-Minh-City darf Thomas, ein Deutscher um die 50, sich von seiner krebskranken, desinteressierten Frau und dem nutzlosen Sohn in den Armen der jungen, hübschen Amüsierdame Huong erholen. Die liebt ihn aber (Spoiler!) nicht wirklich, sondern will (Spoiler!) nur finanzielle Sicherheit für ihre kleine Tochter in ihrem Heimatdorf.

Das wird mit den beiden nichts, und so stirbt Huong in einem plottechnisch äußerst bequemen Autounfall. Aber vorher haben wir noch ein paar seltsame Sexszenen und eine völlig irrelevante, viel zu lange Einstellung auf Huong unter der Dusche. Ich will meine Rundfunkabgabe zurück!

I Phone You

Ich bin verzweifelt. So soll der Fernsehmarathon nicht enden. Mein Freund gibt mir den Tipp, es einmal mit "I Phone You" zu probieren. Der Streifen von 2011 kommt immer wieder im deutschen Fernsehen.

Bei "I Phone You“ handelt es sich um eine chinesisch-deutsche Koproduktion, das merkt man schnell: Viele Dialoge sind auf Chinesisch, die Hälfte des Films spielt in Chongqing. Das Chinesisch-Sein spielt eine Rolle, aber nie habe ich das Gefühl, dass es als einfache Charakterisierung von Figuren dient. Ja, Ling Ling ist Chinesin, aber sie ist noch mehr: Sie ist, im wahrsten Sinne des Wortes, Heldin ihrer eigenen Geschichte. Anstatt wie Huong auf einen Retter zu warten, zieht sie los, fällt eigene Entscheidungen (wenn auch ziemlich dumme) und wird aktiv. Der Film ist okay und versöhnt mich ein wenig.

Um ein paar Schläge zu landen, müsste der Gegner überhaupt erst auftauchen.
Fazit

Nach diesem Fernsehmarathon bin ich erledigt. Ich fühle mich erschöpft, unangenehm leer im Kopf und einfach müde. Eigentlich wollte ich zehn bis fünfzehn Beispiele finden, wie rassistisch Asiaten im Fernsehen dargestellt werden. Ich wollte, zugegeben, über die Einfallslosigkeit herziehen. Aber das ist unmöglich: Um ein paar Schläge zu landen, müsste der Gegner überhaupt erst auftauchen. Das Nicht-Zeigen von asiatischen und andersdeutschen Gesichtern ist Rassismus. Nur ist er nicht aggressiv und böswillig, sondern selbstvergessen, engstirnig und unaufmerksam.

Was bedeutet der Hinweis "Meinung"?

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